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Sie erwiderte nichts, aber er hörte sie stöhnen: „0, Marian, Marian! Alle diese Jahre hindurch habe ich meinen Liebling nicht gekannt!"
Während sic dort kniete, das Haupt in tiefster Erniedrigung gebeugt, kam es wie eine Erleuchtung über sie, was die Liebe dieser Schwester gewesen, — wie sie zwischen ihr nnd jeglichem Ungemach und Harm gestanden, Ivie sie die Last und Bürde des Geheimnisses ganz allein für sich getragen, tote sie sie beschützt und beschirmt hatte.
„O, Marian! meine Schwester, was hast du getan!" „Sie konnte es Ihnen ivahrscheinlich nicht mitteilen", sagte Jack tröstend. „Sie war vielleicht mit jemanden verheiratet, dessett sie sich schämte, sonst hätte sie es nicht so geheini gehalten, oder sich gefürchtet, Werner anzuerkennen. Sie müssen damals sehr jung gewesen sein — natürlich konnte sie es Ihnen doch nicht erzählen."
Auch auf diese Trostrede keine Antwort. Er begann sich unbehaglich zu fühlen. Es war gerade nicht angenehm, diese stolze Gestalt hier am Boden liegen zu sehen, unter der Wucht eines Schicksalsschlages, der grausamer war wie der Tod.
Wenn sie doch nur aufstehen, sich ihn: gegenüberstellen, zornig werden, kurz, irgend etwas tun wollte! Er dachte, er wolle ihr etwas Mut einsprechen.
„Kommetr Sie, Lady Wayne", sagte er im gewinnendsten Tone, der ihm zu Gebote stand. „Sie machen ja noch niehr daraus, als selbst Miß West. Sie wurde nur ein paar Minuten lang etwas flau und angegriffen und blaß. Und es geht Sie ja doch nicht so an, tote Ihre Schwester."
Sie sah zu ihm auf.
„Sie haben also mit meiner Schwester — ntit Miß West gesprochen? Was hat sie gesagt?"
„Sie faßte die Sache sehr ruhig auf, sehr verständig", erwiderte Jack. „Sie ist keine voir der Sorte Samen, die gleich in Ohnmacht fallen. Sie machte gar keinen Versuch, es abzuleugnen. Sie räuntte es vollständig ein."
„Räumte es ein — sagte, daß er ihr Sohn wäre?" rief sie.
„Gewiß."
Und wieder begann sie zu schluchzen.
„O Marian! was hast du getan?"
„Mein Verdacht wurde schon vor Jahren rege", fuhr Jack fort. „Ich fand, daß meine Mutter gemächlich lebte und zwar von Geldern, »vorüber sie nie frei und offen sprechen wollte, und ich hatte mir deshalb in den Kopf gesetzt, es herauszubringen, woher dies Geld kam. Was mtch zwettens ärgerte, war, daß jedermann den Unterschied zwlschen uns beiden bemerkte. Die Leute sagten, er wäre tote ein feiner Mann, und ich gäbe einen famosen Metzger ab. Das war nicht angenehm für mich, und ich nahm toaten "l' herauszukriegen, warum wir zwei so verschieden
„Aber vielleicht — vielleicht", murmelte sie, „irren Sre sich."
„Nein, nein, ich irre mich nicht, nicht im geringsten", lachte er zurück, „ich habe mich sehr gut vorgesehen, ehe tch nur ein Wort davon gegen Miß West erwähnt habe. Der beste Beweis übrigens, daß ich mich nicht geirrt habe, rst der, daß Miß West nicht den geringsten Versuch machte, es zu leugnen."
Marian!" stöhnte sie wieder, „Marian, meine Schwester!"
„Und nicht nur gab Miß West die Wahrheit zu, sondern machte auch einen Handel mit mir, daß ich schweigen sollte. Das beweist, wie ernst es ihr mit der Sache war."
„Was war der Handel?" fragte sie kaum hörbar.
„Miß West versprach mir jährlich tausend Pfund, wenn tch schworen wollte, ihr Geheimnis zu bewahren, so lange tch lebte. Ich habe geschworen und habe die erste Rate in der Ta;che."
„Wollen Sie ein weiteres Tausend von mir haben?" fragte sie leise.
„Nein, Lady Wahne. Der Handel, den ich mit Ihnen zu machen habe, ist nicht um Geld; ich will etwas viel Kostbareres von Ihnen."
„Bon mir?" wiederholte sie.
Leben^hiugä^ «a$en einen Schatz, den zu besitzen ich mein Juwelen?" rief sie und griff hastig nach der
Diamant-Brosche an .ihrem Halse.
„Eitt unschätzbares Juwel. Ich habe in London Ihre g
Tochter gesehen, Lady Wayne, und halte sie für das allerschönste Geschöpf der Welt. Wollen Sie sie mir zur Frau geben?"
Sie sprang vom Boden empor; hoch aufgerichtet, stolz stand fie vor ihm. Der Schal fiel ihr von dem goldenen Haar. Ihre Augen sprühten Feuer.
„Wenn ich ein Mann wäre", sagte sie, „so würde ich, Sie hier zu meinen Füßen niederschlagen dafür, daß Sie sich derartiges zu sagen erfrechen!"
„Holla, sachte, Mylady — Lady Wayne, keine Beleidigungen! Wie, mich hier niederschlagen dafür, daß ich Ihnen anbiete, Ihre Tochter zu heiraten! Es ist Ihnen wohl nicht eingefallen, daß es Ihnen schwer sein dürfte, sie überhaupt zu verheiraten, wenn diese Geschichte bekannt würde? Manche Leute haben merkwürdige Ansichten über solche Sachen, wissen Sie. Es ist alles gut und wohl, mich in dieser Weise unter vier Augen anzufahren, ich sage Ihnen aber klipp und klar, daß Sie klein beigeben müssen.. Jährlich tausend Pfund sind ja recht nett, aber es hat keinen Reiz für mich, wenn ich nicht verheiratet bin, wie ich gern will. Ich brauche jemanden, der mir in der Welt voranhelfen soll, und Lord Wayne könnte das."
Sie fuhr zurück; es überlief sie kalt. Ihr stolzer, hochsinniger Gemahl einem Manne wie diesem hier helfen!
„Sie können übrigens tun, was Ihnen gefällt", fuhr er fort. „Wenn Sie sich weigern, werde ich zu Lord Wayne gehen und Ihre Schwester bloßstellen."
„Er würde Ihnen kein Wort glaubeit", keuchte sie, hervor.
„Das würde sich finden. Ich könnte ihm solche Beweise bringen, daß er mir glauben müßte. Auch würde ich mich nicht damit zufrieden geben, es ihm zu erzählen, sondern ich würde es Ihren sämtlichen hochadeligen Nachbarn zu wissen tun; und wenn Sie dann Miß West im Staube sähen, Mylady, so täte es Ihnen sicherlich bitter leid, daß Sie sich nicht mit mir geeinigt haben. Ich habe mir sagen lassen, niemand im Lande wäre so stolz wie Lord Wayne. Sie können sich also denken, tote er sich darüber freuen würde, wenn es allgemein bekannt würde, der Sohn seiner Schwägerin sei Sekretär bei Lord Romsey«
„Aber", rief die unglückliche Frau ganz verwirrt, „was kann ich tun? Selbst wenn ich meine Tochter opfern wollte, — und das will ich nicht, — wissen Sie denn nicht, daß sie mit Lord St. Gilbert verlobe ist?"
„Dann muß die Verlobung rückgängig gemacht werden", erwiderte er kühl. „Verlassen Sie sich darauf, Lady Wayne, wenn Lord St. Gilbert dies alles erfährt, so wird er sie nicht heiraten wollen."
„Ich kann es nicht!" rief sie und rang die Hände. „O/ Himmel, hilf mir! Was soll ich tun?"
, „Sie können sich! Zeit nehmen und die Sache ruhig überlegen", sagte Jack überredend, „ich will Sie nicht drängen, vorausgesetzt, daß Sie schließlich Vernunft an- nehmen.si
48. Kapitel.
Blutige Rache.
„Also ich will keineswegs, daß Sie Ihre Entschließung übereilen", wiederholte Jack, „überlegen Sie es sich wohl. Sie wissen ja jetzt, in welcher Richtung Ihre Sicherheit liegt. Ich kann etwas warten. Wenn es Ihnen beliebt/ will ich Sie wieder tceffem"
„Nein!" rief sie, „das will ich nicht. Ich könnte nicht leben mit diesem Schwerte über meinem Haupte. Lassen Sie mich nachdenken."
Sie strich das goldene Haar von der Stirn zurück, raffte den Schal wieder auf und legte den fiebernden Kopf gegen das kühle Eisengitter.
„Lassen Sie mich Nachdenken. Der Kopf wirbelt mir — alle Sinne sind mir durcheinander. Sagten Sie mir nicht, daß Marian, meine Schwester, zugegeben, es sei ihr Sohn?"
„Gewiß; sie machte keinen Versuch, es abzuleugnen.^ „Und sie versprach Ihnen tausend Pfund jährlich, wenn!
Sie dies alles als Geheimnis bewahrten?" fuhr sie fort^
„Jaioohl; sie würde mir noch mehr gegeben haben, ivenn ich's verlangt hätte."
„Machte sie keinen Versuch/ die Schuld aus jemand anders abzuwälzen?" fuhr sie eifrig fort. „Sagte sie nich,^ ste hätte das Nnd für eine andere Person in Pflege qm nvmmen?"


