Ausgabe 
19.10.1906
 
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Sie stand auf und ergriff ein Buch, m der Hoffnung, durch die Lektüre auf andere Gedanken zu kommen.Seit Jahren bin ich ja nicht mehr so nervös gewesen", dachte sie.Ich begreife nicht, was mit mir vorgefallen sein kann."

Indes die Gedanken, die sie belagert hielten, verloren sich nicht bei der Lektüre; mehr als einmal ertappte sie sich wieder auf ihren alten Ideen; schließlich warf sie das Buch beiseite und begab sich in die Bibliothek zu ihrem Gemahl, dir dort schrieb.

Du siehst angegriffen aus, Liebste", sagte Lord Wayne, was ßibtS?"

Ich glaube, ich bin nervös," sagte sie mit mattem Lächeln,ich bin zu dir gekommen, Mortimer, um mich etivas aufzuheitern."

Er liebte sie so zärtlich, daß er nicht den geringsten Schatten auf ihren: lieblichen Gesicht ertragen konnte. Er schob seine Briefe bei Seite und befahl den Wagen zu einer Ausfahrt.

Nichts Besseres gibt's, um sein Gemüt aufzuheitern, als frische Lutt und Sonnenschein," sagte er lächelnd und zog sie an sich; und in kurzem hatte Lady Wayne alles in der Welt vergessen, ausgenommen, daß ihr Gemahl der beste, zärtlichste Mann war und sie geradezu vergötterte.

Dieselbe Nacht jedoch hatte sie einen schrecklichen Traun: einen jener Träume, die zu Zeiten wie eine Warnung vor künftigem Unheil kommen. Ihr träumte, sie wandelte einen hohen steilen Pfad entlang und trug ein weißes Kleid, wenigstens sollte es weiß sein, als sie es aber näher be­trachtete, sah sie einige schreckliche Flecken darauf dunkle, geheimnisvolle Flecken die sie mit Schauder und Furcht erfüllten. Aber glücklicherweise sah sie jetzt gerade einen Wald, und um sich vor aller Beobachtung zu verbergen, ging sie in denselben hinein. Ein sonderbares Licht lag auf bei: Bäumen. Sie blickte empor, um zu sehen, woher es käme, und siehe da oben, quer am Himmel, stand eine Reihe feuriger Buchstaben.

Lady Wayne's GeheimnisI" las sie, dann stieß sie einen schrecklichen Schrei aus. Die Blätter aller Bäume des Waldes bewegten sich im Winde; sie sah hin und las in feurigen Buchstaben auf jedem Blatt wieder dieselben Worte: Lady Wayne's GeheimnisI"

Zu Tode erschreckt stand sie still. Tausende fröhlicher Vogelstimmen waren bisher hörbar gewesen, aber jetzt kam mit einem Male ein schreckliches, furchtbares, verwirrtes Ge­schrei; es schien, als ob jede Vogelstimme laut singe, zwitschere, pfeife, krächzte:Lady Wayne's GeheimnisI"

Dam: erschütterte das Hohngelächter vieler, vieler Menschen­stimmen die Waldesriesen bis in ihre Wipfel, und sie er­wachte; das Herz schlug ihr so stark, daß sie nut mit Mühe zu atmen vermochte.

Ein tödlicher Schrecken überfiel sie, als sie bei wachen Sinnen sich diesen Traum nochmals vergegenwärtigte.

Allmächtiger Himmel," murmelte sie,laß mich diesen schrecklichen Traum vergessen I"

Doch die Worte klangen ihr noch in den Ohren:Lady Wayne's Geheimnis! Lady Wayne's Geheimnis!"

Sie sprang auf und weckte ihren Gemahl.Mortimer, Mortimer!" schrie sie,wach auf, wach auf! Sprich mit mir, oder ich komme von Sinnen!"

Doch alles, was sie ihn: zu sagen vermochte, als er endlich aufwachte, war, daß sie einen schrecklichen Traum ge­habt hätte.

18. Kapitel.

Miß West kehrt zurück.

Eine Woche war verflossen, und Lady Wayne sah noch immer angegriffen und nicht wie sonst aus. Sie hatte ihr Gemüt nicht dadurch erleichtern können, daß sie über ihre Be- ftirchtnngen mit jemand anders sprach; und jener Traum war eine fürchterliche Erschütterung für sie gewesen. Jetzt aber fühlte sie sich etwas erleichtert, denn Marian war zurück- gekehrt, und in Marian's Nähe herrschte stets eine gewisse Atmosphäre der Kraft und Ruhe.

Die beiden Schwestern saßen jetzt in dem luxuriösen An­kleidezimmer Lady Wayne's einem Raum, der an Pracht, Luxus und Eleganz nicht zu überbieten war. Evelyn saß neben dem kostbaren Toilettentisch; die Tafelglocke war noch nicht ertönt, aber sie war bereits fertig angekleidet und hatte ihre Zofe entlassen, um noch einige Minuten allein und un­gestört mit der Schwester zu plaudern.

Marian's Augen ruhten bewundernd auf dem lieblichen Gesicht vor ihr.

Eve," sagte sie,ich will dir nicht schmeicheln, aber ich glaube, du wirst jeden Tag schöner."

Das, was sie sagte, war einigermaßen begründet. Lady Wayne's Diner-Toilette bestand aus reicher bernsteinfarbiger Seide, der schöne Nacken und die Arme schimmerten wie weißer, mattpolierter Marmor daraus hervor, sie trug ein kostbares Perlenhalsband mit einem kleinen Rubinkreuz; ein Perlenarmband schlang sich auch um einen schönen Arm, die goldigbrannen Haarmassen wurden durch einen kleinen Perlen­kamm festgehalten; in der Hand hielt sie einen reich mit Juwelen besetzten Fächer, den sie zerstreut hin und her be­wegte die Bewegung schien die duftgetränkte Luft noch mehr mit Duft zu sättigen. (Forts, folgt.)

Mrerholz.

(Original-Artikel der Gießener Fanrilienblätter.)

Da, wo die nördlichen Höhen des Spessarts und die südlichen Ausläufer des Vogelsberges von den Ufern der Kinzig zurücktreten, unweit der alten Reichsstadt Geln­hausen, liegt Schloß und Flecken Meerholz, Residenz des Grafen Gustav zu Isenburg und Büdingen, des Inhabers der Standesherrschaft Isenburg-Meerholz. Diese Büdinger Linie wurde mit den anderen, nämlich Wächtersbach und Büdingen, im Jahre 1806 mediatisiert und ihr Gebiet dem' Fürstentum Isenburg (Linie Osfenbach-Birstein), einem Rhernbundsürstentum, einverleibt. Durch die Wiener Kon­greßakte wurde das Fürstentum Isenburg mediatisiert auf Drängen des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußell, da Fürst Karl zu Isenburg ans preußischen Deserteuren und Vagabunden ein französisches Regiment gebildet hatte. Tas Fürstentum, speziell das Gebiet der Linie Isenburg- Meerholz, kam unter die Souveränität des Kurfürsten und des Großherzogs von Hessen. Eine herrliche Aussicht ge­nießt man von dem Schlosse. Ein schönes, ausgedehntes' Wresental, von der Kinzig durchschlängelt, teilweise mit Wald bedeckt, an beiden Seiten mit fruchtbarem Ackerland oder waldigen Anhöhen begrenzt, bietet dem Auge die größte Mannigfaltigkeit dar. In der Ferne winkt die einstigeFreistätte des Glaubens", die Ronneburg, herüber und direkt vor dem Beschauer liegt das malerisch aufgebaute Gelnhausen mit der herrlichen Marienkirche und der stausischen Kaiserpfalz auf der Kinziginsel. Ueberall historische Stätten. Daß diese Kaiserpfalz, die bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein als all-, gememer Steinbruch benutzt wurde, überhaupt noch existiert, daß sie, in der eine Reihe glänzender Versammlungen deutscher Fürsten und 1207 die Vermählung der Tochter Kaiser Philipps von Schwaben mit Herzog Heinrich von Brabant stattfand, in der die Kaiser Friedrich I., Heinrich VI., Philipp von Schwaben und alle der Reihe nach bis auf Ludwig den Bayer öfters und länger residierten, nicht gänzlich von dem Erdboden verschwunden, das ist das Ver­dienst des Vaters des jetzigen Standesherrn, des am 30. März 1900 verstorbenen edlen Grafen Karl zu Nsenkmrg und Büdingen (geboren 1819). Im Jahre 1845 gelegentlich eines Aufenthaltes auf Schloß Wilhelmshöhe sprach Graf Karl sich dem damaligen Kurprinzen und Mitregentew von Hessen, dem späteren Kurfürsten Friedrich Wilhelm !., gegenüber, ob der Verwüstung der Kaiserpfalz, der archi­tektonisch schönsten deutschen Berg, mit einem schonungs­losen Freimute ans, der an dem Hofe unfaßbar schien. Die Folge war, daß die Regierung in Hanau nunmehr nachdrücklichst der Verwüstung Einhalt gebot. Der Haupt- zerstorer der Pfalz, dieses Juwels der romanischen Bau­kunst, der Quadern, auch prächtige Kapitäle und Gesimse' wegschleppen und sich im nahen Altenhaßlau von dem Material" ein komfortables Landhaus erbauen ließ, war der durch seine Wuchergeschäfte bekannte Günstlin g des Kurfürsten Wilhelm I. von Sejfeuv Buderus