Ausgabe 
19.9.1906
 
Einzelbild herunterladen

Ä51

Der Großh. Kommissar acceptierte die Hebergabe mit folgenden an den französischen Generalkommissar gerichteten Worten:Mon General! J'accepte au nom du grand Duc de Hesse, mon maitre, la remise que Vous venez de me faire." Der Sekretär verlas die Großh. Vollmacht, welche den Auftrag zur Besitzergreifung der obersten Hoheitsrechte über sämtliche durch den Bundesvertrag vom 12. Juli d. I. unter die Souveränität des Herren Groß- herzogs gefallenen Länder enthielt. Hierauf geschähe von ge­dachtem Herrn Comnnssario folgender Vortrag an die Versammel­ten: (im Auszug wiedergegeben)Hochgeehrte Herrn, werthe Freunde! Auf die von dem Kayserlich Königlich Französischen Herrn General-Commissaire in Folge des am 12 ten Juli d. I. abgeschlossenen Bundesvertrag mir als von Sr. K. H. dem Groß­herzog von Hessen guädigst bevollmächtigten geschehene Ueber­gabe erkläre ich hiermit kraft von Höchstdcmselben mir erteilter Vollmacht, daß Höchstgcdacht Jhro Königliche Hoheit nunmehr die Regierung der höchst Ihrer Oberhoheit untergebenen sämtlich Gräflich Stolbergischeu Besitzungen in der Wetterau nebst Zu­behörden antretteu. Im Vertrauen daß der Herren Grafen von Stolberg Excellenzien die Verhältnisse und Verbindungen gegen Allerhöchst dieselben als nunmehrigen Sonverain besagten sämt­lichen Gräslich Stolbergischen Besitzungen in der Wetterau (die Herrschafteu Gedern und Ortenberg sind gemeint) aufs vollstän­digste zu beobachten und zu erfüllen nicht ermangeln werden, find Höchstgedacht Ihre Königliche .Hoheit gesonnen, dieselben wie auch dero Diener und Unterthanen in Folge des Bundesvertrags und dessen weiterer Bestimmung sowie nach Billigkeit zu be­handeln und keine Beeinträchtigung der den Herren Grasen von Stolberg Excellenzien verbleibenden Gerechtsamen zu gestatten ..... Indem nun des Großherzogs von Hessen Königliche Ho­heit hiermit den Besitz von denen Höchstdenselben zukommenden Souvcränitätsrechten ergreife::, so fordere ich kraft von Sr. Königl. Hoheit mir erteilten Gewalts Sie, geehrte Herren und werthe Freunde, auf, mir durch Handschlag an Ehdesstatt an- zugelobeu, Jhro Königl. Hoheit treu hold und gewärtig zu sein, in allen die Gesetzgebung, oberste Gerichtsbarkeit, Oberpolizeh, Militärhoheit, Steuern und Abgaben betreffenden von Höchst dero Souverenitg angehenden Befehlen, Verordnungen und Anstalten den gebührenden Gehorsam zu leisten, und nichts zu unternehmen oder geschehen zu lassen, was denen Souveränitäts-Rechten zu irgeud einem Nachteil gereiche» könne."

Ich erklärte ganz kurz, daß mein gnädigster Herr der Graf, irr vollem Vertrauerr auf die Großnruth und Gerechtigkeitsliebe Sr. K. Hoh. des Herrn Großherzogs mich und meine Kollegen an­gewiesen hätte, uns der gegenwärtigen Occupation der Souverräni- täts-Rechte zu fügen, und daß ich bereit sei, den geforderten Hand­schlag zu leisten; welcher auch vou mir uud meinen Kollegen ge­schähe. Damit war der Act geschlossen, und es wurden nun am äußersten Thore zum Schloßhof und an der Eingangsthüre zum Canzleygebäude und an dem gemeinen Wirtshaus die Großherzog­lichen Wappen nebst der InschriftConfsdsration du Rhin Rheinischer Staatenbund" angeschlagen, worauf die Comiuissarien nach eingenommenem Frühstück abreisten."

Soweit die Denkschrift. Daß es auch an der entsprechen­den szenischen Ausstattung des Vorgangs nicht fehlte, be­weist der Zusatz des Berichtes.Tie Suppression geschah unter offenbarer Gewalt und sozusagen unter den Bajo­netten ; denn ein Teil der hiesigen französischen Besatzung war heute Morgen wirklich en Parade aufgezogen." °

F. G>.

MöeriHer cSagetfeßeit.

DcS Sommerlentuartts Lust und Leid.

I m Septembe r.

Der Fremdling, der leichtbeschwingten Fußes auf der Berlin- Hamburger Chaussee über Spandau gen Westen strebt, sieht staunenden Auges, wie sich dicht hinter dem harmlosen Dörfchen Dallgow urplötzlich ein mächtiges Feldlager aus der bescheidenen märkischen Landschaft abhebt.

Stein- und Wellblechbaracken folgen da in anmutiger Reihen­folge auf einander, überragt .von dem mächtigen Wasserturme. Hier sind endlose Reihen von Pferdeställen, dort Beschlagschmie­den, Küchen, Schuppen und Vorratsräume alles ausgefüllt von einem bunten militärischen Gewimmel.

Das ist Döberih, von dem der Leutnant singt:

;Gott schuf den Donner und den Blitz , Und das verdammte Döberitz!"

wo gegenwärtig, während des Manövers, ein besonders zusammen­gestelltes Garde-Reserve-Regiment untergebracht ist und seine Hebungen abhält.

Seit einem Jahrzehnt spielt nun Döberih in der militäri­schen Ausbildung der Truppen des Gardekorps eine höchst bedeut­same Rolle. Finden doch in Döberitz nicht nur die gefechts­mäßigen Scharfschießen der Infanterie und Artillerie, sondern auch militärische Exerzitien und Hebungen aller Art statt, selbst in großen Verbänden, wozu das wechselvolle Gelände des aus­gedehnten Platzes sich trefflich eignet.

DerSonunerleutnant", der eben erst sein Corpus juris sorg­sam .verschlossen oder sich in ermahnenden und beweglichen Wor­

ten von seiner Schülerschar verabschiedet hat, um, mit der Löwen­haut bekleidet, dem Rufe zu den Waffen zu folgen, wird hier an der Seite seiner Berufskameradeu in alle Finessen der Kriegs­kunst eingeführt. Hat er nun erst einige Male im Buren­angriff den Dhrotzer Schafstall erobert oder auf japanische Weise den alten Mühlenberg oder den Jnngsernberg gestürmt, dann sieht er die mühsam gehegte Pracht seines Bäuchleins dahin­schwinden und nicht ohne Wehmut muß er bereits in den ersten drei Tagen seine Feldbinde drei Löcher enger schnallen.

Ja, hier lernt er den tiefen Sinn der Worte kennen: Soldatenleben, ja, das heißt lustig sein!"

Früh gehts täglich los. Schon bei nachtschlafender Zeit, wenn der friedliche Bürger sich noch mindestens dreimal auf die andere Seite legt, ist im Lager bereits alles auf den Beinen, und gleich beginnt ein munteres uud bewegtes Treiben.

In den Wellblechbaracken hört man lautes Getrampel, auch wohl mitunter eine oratorische Kraftleistung, die imKnigge" nicht ihre Heimstätte hat, und vou den Ställen wiehern die Pferde einem den guten Morgen zu.

Bald sammeln sich die Kompagnien. Prüfenden Auges überfliegt der Korporalschaftsführer Sergeant Stramm die Reihen seiner Pflegebefohlenen, eindringliche Ermahnungen an fein Schmerzenskind, den Grenadier Schmierfink, richtend.

Alsdann erscheinen nach und nach die Herren Offiziere und als Krone der Schöpfung der gestrenge Herr Hauptmann, der, wenn er angenehm geschlafen hat, die Kompagnie, mit einem lautenGuten Morgen, Grenadiere!" begrüßt, was pflichtschul­dig und exerziergemäß eingeübt, erwidert wird.Maulsalve" nennen das boshafte Menschen.

Darauf wird abgerückt und int Geländerumgetobt", wie der Leutnant sagt. Der Nachmittag wird mit Scharfschießen ober Einzeldienst zweckmäßig und genußreich ausgefüllt.

Aber nun treten mildere Gefühle in ihre Rechte.

Die Mannschaften haben Tische und Stühle zwischen die Ba­racken gestellt und beschäftigen sich damit, ihre Sachen für den nächsten Tag in Stand zu setzen.

Allenthalben hört man die schönen, tiefgründigen Soldaten­lieder, wie:

Was nützet mir ein schönes Mädchen, Wenn andere mit spazieren gehn, Uni) küssen ihr die Schönheit ab, Woran ich meine Freude hab." ober:

Und wenn ich heute sterbe, So bin ich morgen tot.

Dann begraben mich die Leute

Ums Morgenrot!"

Die Offiziere aber eilen mit trockener Kehle und langen Schritten in das im nördlichen Ende des Lagers gelegene Offi­ziers-Kasino, um des Tages Sorgen und Mühen mit einem kühlen Trünke hinabzuspülen.

Man kann sich ein Bild machen von dem im Döberitzer Kasino herrschenden Leben, wenn man hort, daß hier in den Sommer­monaten täglich 250300 Offiziere gemeinsam in dem großen Speisesaale beköstigt werden.

An langen Tafeln sitzen da die durstigen Krieger bei einer sachverständig gebrauten Bowle, und Heiterkeit und Frohsinn re­gieren. Vergessen ist alles Ungemach, und je länger die Sitzung dauert, umso gehobeuer wird die Stimmung.

Wehe aber dem Unglücklichen, der vorzeitig sich vom Kame- radcukreise drückt, um sich in seiner Koje weichlicher Ruhe hin­zugeben. Es könnte ihm leicht passieren, daß er die Geheimnisse des nächtlichen Barackenzaubers kennen lernt. Um die Geister­stunde nahen sich unheimlich vermummte Gestalten dem ahn­ungslos Schlummernden, urplötzlich ist er in sein Bettlaken ein­gewickelt und wird trotz heftigen Sträubens an eine entlegene Stelle des Lagers transportiert oder gar in den nahe gelegenen' Schwanenteich eingetnnkt.

Auch sonst treibt der Barackenteufcl häufig sein loses Spiel, versetzt die Einrichtung eines Leutnantszimmers urplötzlich auf das Dach der Baracke, erschreckt ängstliche Gemüter durch diaboli­schen Lärm und was dergleichen Scherze mehr sind.

Hals einer je übel genommen? Ich denke nein. Doch sollte jemand für das übermütige Lagerleben gar zu fei» besaitet feilt, so mag er sich damit trösten, daß der Barackenteufel in der Aus­wahl seiner Opfer nicht engherzig ist, und er sich heute diesen, morgen jenen zum Spielbali seiner Laune kürt.

Doch am nächsten Morgen beim Antreten ist wieder alles frisch im Dienst, und nur bann uud wann zeigt eilt verstohlenes Augenzwinkern ein geheimnisvolles Einverständnis an.

So geht zwischen Ernst und Spiel die Döberitzer Zeit schnell herum, und bald ist der Augenblick da, wo der geplagte Sommev- leutnant nunmehr schlank wie eine Pinie in die Arme feiner besorgten Gattin und der Kinder zurückkehrt. Getrosten Mutes kamt er nun feiner erschauernden Obertertia von uner­hörten Heldentaten berichten, die er in frischem Wagemut auf Döberitzer Fluren vollführt hat. Aber ich wette» er fügt hinzu: Schön wars doch! .......E, R.