550
dann würde ihrem Manne das Erbe zufallen. Alle Waynes heirateten ja vor fünfundzwanzig Jahren; hatte er also überhaupt heiraten wollen, so folgerte sie, so hätte er es dann getan, wo auch die anderen geheiratet hatten. Als ^zahr auf Jahr verfloß, wuchsen ihre Hoffnungen fast zur positiven Gewißheit. Es war also eine schwere Enttäuschung für sie, als Mortimer Lord Wayne in seinem vierunddreißigsten Jahr seine Heirat mit einer jungen und sehr schönen Dame ankündigte.
„Wer hätte gedacht, daß eilt Mann ivie Mortimer die Schwachheit der Waynes für Schönheit haben würde ?" sagte Isabel zu ihrem Gatten. „Ich weiß ja, daß es sein gute» Recht ist, nach seinem eigenen Geschmack zu wählen, aber was mich betrifft, so iveiß ich von vornherein, daß ich die Iran nicht werde leiden können."
Worauf Algernon lachte und erwiderte, er glaube, daß sie sehr gut hassen könne, ido sie es wolle; imb auf welches zweifelhafte Kompliment Mrs. Wayne versetzte, daß . sie es jedenfalls wollen iverde. —
Es ist ein herrlicher Juni-Abend, an dem unsere Erzählung beginnt. Die Flagge weht von Kenninghalls Turm, denn Lord Wayne und seine junge Gattin werden erwartet. Ein wundervoller Abend I Ter Himmel ist voller rosig leuchtender Wolken; die Sonnenstrahlen waren lange nicht so warm und hell gewesen — und sie sielen auf den ruhigen tiefen See, wo die Wasser-Lilien schliefen, bis die Oberfläche wie geschmolzenes Gold erglänzte; sie fielen auf die prächtigen Springbrunnen, die ihre funkelnden Strahlen hoch in die helle Luft schleuderten; auf die tausend Blumen, die die Düfte fast jedes Klimas hauchten; auf die großartigen Gärten und Plätze, auf den smaragdgrünen, saminetweichen Rasen; auf die mächtigen alten Cedern, die wie stets auf der Wacht stehende Riesen erschienen, auf die Magnolia-Bäume, deren große, weiße Blumen die Luft mit reichem und fast über- süsem Duft schwängerten, sie fielen endlich auf das mächtige alte Herrenhaus Kenninghall selbst. Es war eins der stolzesten, großartigsten Schlösser, die England nur aufznweisen hatte. Ein Heim für Könige oder Fürsten, mächtig, großartig und doch schön und reizvoll — alt, doch in nichts des modernen Luxus ermangelnd. Es bildete einen Vorwurf, eines Malers und Dichters würdig, mit seinen epheuberankten hohen Türmen und zierlichen Türmchen, seinen tiefnischigen, ivundervoll geschwungenen gothischen Fenstern, seinem fürstlichen Portikus mit den schlanken Säulen aus reinstem Marmor. Noch jetzt schien der Nimbus ritterlicher Zeiten darüber zu schweben, war es doch zu einer Zeit erbaut worden, wo man die Ban- kiinst als eine unsterbliche, hehre Kunst betrachtete, und nicht lediglich als einen Kontrakt zwischen Baumeister und Ziegellieferanten.
Reisende und Touristen kommen aus allen Teilen Englands, um Kenninghall zu sehen, und kehren voll Begeisterung für die Vergangenheit und mit leichter Verachtung für die unkünstlerische, Geld zusammenscharrende Gegenwart wieder heim. Man hat heutzutage keine Zeit mehr für solche Gebäude wie Kenninghall, die mit ihren wunderbaren Verhältnissen, ihrer reichen und doch geschmackvoll einfachen Linien- führung, mit ihrer vollendeten Symmetrie bei aller Größe des Ganzen immer wieder das Auge aufs neue fesseln und entzücken.
Das Gerücht will wissen, daß Lord Wayne beinahe ein kleines Vermögen darauf verwendet habe, Kenninghall für sein schönes junges Weib wieder vollständig in Stand setzen und ausschmücken zu lassen; das Gerücht sagt aber auch, daß nichts zu schön fein könne für Mylady Wayne, deren ruhige, königliche Schönheit unübertroffen ist. —
Auf dem smaragdgrünen Sammetrafen ist eine kleine C cuppe versammelt — Algernon Wayne und seine Gattin Isabel, Lady Beverley, eine alte Dame und entfernte Verwandte der Waynes, und Se. Ehrwürden Mr. Sheldon, Vikar von Kenningsthorpe — alle auf Lord Waynes Einladung zum Empfang der Braut erschienen. Lord Wayne hatte selbst an Mrs. Wayne geschrieben und sie um die besondere Liebenswürdigkeit ersucht, alle Vorbereitungen zum
Empfang Lady Waynes zu überwachen. „Ich weiß, Kenninghall hat sein bestes Aussehen" schrieb er, „und freue mich darüber, denn ich möchte, daß es einen günstigen Eindruck auf sie macht".
Diesen Passus hatte Isabel ihrem Manne vorgelesen, nicht ohne hämische Glossen.
„Sie muß in der Tat „jemand" sein, wenn Kenninghall ihr nicht imponiert", hatte sie gesagt.
Und jetzt, wo sie auf dem Rasen saßen, kam ihr derselbe Gedanke.
„Mylady Wayne muß Kenninghall gefallen", sagte sie; „ich erinnere mich nicht, es jemals in größerer Schönheit gesehen zu haben".
Lady Beverley sah auf und rings umher. „Zweifellos, es ist ein allerliebster Ort: ich sage immer, es ist der schönste Ort und Aufenthalt in ganz England. Wie warm und geschützt dieser Rasen doch ist! Ich hatte nicht erwartet, das Gras heute so gänzlich trocken zu finden."
„Warum nicht?" fragte Mrs. Wayne, mit einem halben Lächeln; „die Zeitungen fangen schon an, von öffentlichen Gebeten um Regen zu reden."
Lady Beverley sah ihn mit verblüffter Miene au.
„Wie? Mein Gott, Mr. Wayne, Sie müssen doch diese Nacht den Regen gehört haben; ich bin von dem Tröpfeln auf der Terrasse ein paar mal aufgewacht. Ich war dem Himmel ordentlich dankbar, als ich es hörte."
Algernon Wayne unb seine Gattin sahen sich etwas betroffen an.
„Sie hörten, daß Regentropfen auf die Terrasse sielen, Lady Beverley, diese Nacht?" fragte Isabel Wayne.
„Gewiß, unb jebermann sonst doch wohl auch", war die prompte Antwort.
„Ihre Zimmer gehen doch auf die sogenannte Mylady's Terrasse?" fragte Mr. Wayne, und wieder blickten Mann und Frau sich dabei an.
„Sie erinnern sich wohl nicht der Familiensage von Kenninghall", fuhr Isabel in sanftestem Tone fort, „daß, bevor die Familie von irgend einem großen Unheil betroffen wird, ein Familien-Angehöriger das Klatschen von Regentropfen auf der Terrasse hört? Kein Unglück hat sich je den Waynes genaht ohne diese Warnung".
Lady Beverley sah sehr bestürzt drein.
„Meine liebe Isabel, Sie wollten doch nicht von Unglück reden gerade heute, wo Mylord seine junge Gattin heimbringt."
Isabel zuckte vielsagend die Achseln.
„Ich bin nicht verantwortlich für die Familiensagen," versetzte sie, „und kann auch nicht umhin, daran zu glauben. Es ist wirklich fatal, daß Sie von allen Nächten im Jahr gerade diese Nacht das Tröpfeln gehört haben."
(Fortsetzung folgt.)
Wie Kcdcrn vor 100 Jahren Hessisch wurde, (Original-Artikel der Gießener Familienblätter.) 1 Nachdruck verboten.
Die Rheinbundsakte vom 12. Juli 1806 hatte dem Groß- Herzog von Hessen die Hoheitsrechte über die stolbergische! Herrschaft Gedern zugesprocheu. Es dauerte noch bis zum 14. September, bis die tatsächliche „Okkupation der Souveränitätsrechte" erfolgte. Der letzte Regierungsdirektor des Ländchens, Zimmermann, gibt in einer,Denkschrift eine, anschauliche Schilderung des Vorgangs. Sie lautet in den' wesentlichen Teilen:
Gedern, den 14. September 1806.
Gestern gegen Abend trafen die beiden Kommissarien, nämlich französischerseits M. de Mathion und von GroMrzoglicher Seite oer Geheimrath von Grolmann aus Gießen, nebst ihren Sekretarien hier ein. Heute morgen um Halb neun Uhr verfügten sich dieselben auf die Regierungssitzungsstube, wo sich der Unterzeichnete nebst dem Regierungsrat Preu scheu und Rath Lynker, deßgleichen die Ortenbergischen Bevollmächtigten, Regierungsrath Ra defeld, Canzleyrath Rullmann und Rath Thon, einfanden. Hier eröffnete der französische General-. Commissarius den Act durch eine kurze französische Ansprache. Darauf verlas sein Sekretär das die Uebergabe der Grafschaft Gedern enthaltende Schriftstück (in französischer Sprache verfaßt).


