Mittwoch den 19. September
1906
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Im Manne des Keßeimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verbotet.
(Fortsetzung.)
1. Kapitel.
K e n n i n g h a l l.
Konnten alle Superlative der englischen Sprache einem Fremden einen Begriff geben von der Größe der Waynes von Kenninghall, ihrer langen Ahnenreihe, ihrem historischen Namen, von dem Ruhm der Männer, der Schönheit der Frauen, von dem Reichtum an Geld und Gütern, dem Nimbus, der sie umgab und der sie von der gewöhnlichen Menge zu trennen schien? •— Und jeder, der sie kannte, hätte entschieden nein darauf antworten müssen.
Die Waynes von Kenninghall waren zunächst ein altadeliges Geschlecht. Sie waren nicht mit Wilhelin dem Eroberer herübergekommen, denn sie hatten sich bereits einen Namen in Englands Geschichte gemacht, als diese berühmte P^sönlichkeit den biederen .Sachsen normannische Kultur brachte.
Sie gehörten zu der großen, alten Sachsen-Raffe; sie besaßen Sachsen-Tugenden und Sachsen-Fehler. Sie besahen sächsiche Treue; treu waren sie ihrem Gott, ihrem Könige, ihrem Vaterlande. Sie besaßen sächsische Geradheit und Offenheit, haßten Falschheit, verachteten Gemeinheit und niedrigen Sinn und spotteten über hohlen Dünkel; sie besaßen sächsische Ehre und Ehrenhaftigkeit, waren treueste Freunde und edle, achtungswerte Feinde; sie besaßen endlich die markige Sprache und Ausdrucksweise ihrer germanischen Ahnen, sodaß das Wort eines Wayne in Ansehen rind Achtung stand, wie ein Eid von einem anderen.
Die Waynes rühmten sich eigener, besonderer Vorzüge. Sic konnten eine lange, lange Familien-Gcschichte aufwcisen, ohne daß darin ein Mann als unehrenhaft, ein Weib als leichtsinnig oder falsch hätte gebrandmarkt werden müssen.
„So treu wie eine Wayne" war schier sprüchwörtlich geworden. Ihre Familien-Chroniken kündeten von tapferen Männern, die im Kampfe für Thron und Vaterland gefallen, von tapferen Frauen, ebenso makellos wie schön, die in Kriegs- und Verfolgungs-Zeiten Dynastie und Land gute Dienste geleistet.
Es gab Leute, die so weit gingen, zu behaupten, daß England sich keines besseren Namens rühmen könnte, wie des ihrigen, und doch hatten die Waynes ihre Fehler. Sie waren stolz,' hochmütig, verschlossen und zurückhaltend; besonders unduldsam gegen alle Willensschwäche — ein Wayne hätte eine tätliche Beleidigung leichter, tausendmal leichter vergeben,
als eine Lüge oder einen kleinen Betrug gegen ihn. Einen Wayne täuschen, betrügen, war gleichbedeutend mit dem Verluste seiner Freundschaft. Es war eine ganz unverzeihliche Sünde. Bittere, derbe Wahrheit ließen sie sich gefallen, soweit sie begründet war, ohne dem Offenherzigen etwas nachzutragen.
Es war ein sehr abergläubisches Geschlecht; endlos war die Zahl der Sagen und Geschichten, die sich an ihren Namen knüpften. Kenninghall, ihr Stammsitz, war namentlich voll davon; jeder Turm, jeder alte Baum hatte seine Geschichte; jedes dunkle Gemach und jede Wendeltreppe ihren Geist.
Ihre Neigung, an Vorzeichen und Vorgeschichten zu glauben, war ganz auffallend. Den westlichen Schloßflügel entlang lief eine große, schöne Terrasse, und jeder Wayne glaubte steif und fest, daß, wenn irgend ein schreckliches Unheil der Familie bevorstehe, vorher ein Klatschen wie von Regentropfen auf derselben sich hörbar mache. Sie glaubten daran so aufrichtig, wie wir daran glauben, daß die Sonne auf- und niedergeht. Ein solcher Aberglaube im neunzehnten Jahrhundert — und doch trug er dazu bei, die Waynes mehr denn je berühmt zu machen.
Kenninghall war in ununterbrochener Erbfolge von Vater auf Sohn übergcgangen. Die WayNes heirateten sämtlich früh; sie heirateten alle gute und schöne Frauen, unbekümmert um Vermögen; das einzige, worin sie eigen waren und worauf sie Wert legten, waren gute Herkunft und makelloser Ruf. Kein Wayne heiratete eine Kokette oder dergleichen; ihre Frauen hätten sämtlich Mütter eines Heldengeschlechts sein können.
Mortimer Lord Wayne, der gegenwärtige Herr von Kenninghall, war in einer von diesen Beziehungen von der Regel seiner Vorväter abgewichen; er hatte nicht jung gefreit. Er stand jetzt int vierunddreißigsten Lebensjahre und kehrte eben erst von der Hochzeitsreise zurück.
Lord Wayne besaß eine verheiratete Schwester, die Gräfin von Riseholme, eine sehr schöne und in jeder Be" ziehnng vollendete Frau. Seine beiden jüngeren Brüder waren tot; sein Vetter, Algernon Wayne, war somit nächstberechtigter Erbe. Algernon Wayne hatte die ehrgeizigste und ränkesüchtigste Frau von ganz England geheiratet. MrS. Wayne, die sich augenblicklich mit ihrem Gatten zu Besuch auf Kenninghall befand, konnte auf Schönheit nicht sonderlich Anspruch machen; sie war schlau, hatte schlaue, kluge Leute gern, war so stolz und ehrgeizig wie Luzifer, und nichtsdestoweniger sehr in ihren etwas beschränkten, gutmütig-bequemen Gemahl verliebt.
Sie hatte höchst unsinniger Weise eine schwache Hoffnung genährt, Lord Wayne würde niemals heiraten, und


