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erzählen? Sie schrieb ihm, daß der Bater alles wisse: wer der Schlechte wohl sein könne, der ihm alles erzähle? Liebe Josephine, lautete die Antwort, ich habe deinem Vater nichts gesagt, ich kenne deinen Vater kaum und er niich gar nicht. Er macht vielleicht die Briefe cmf ? Aber sie sind doch alle so gut zu. Wen» du willst, geheu wir zusammen nach Paris', wo wir auch glücklich lebe» können. — Das Mägdlein aber schrieb darauf: Lieber Camill! Ich werde wahnsinnig. Ich halte das nicht mehr aus. Mein Vater ist ein Tyrann. Ich mache ein Loch ins Wasser, ehe der Tag herum geht. Er weiß alles, alles. Errette mich, errette mich, lieber Camill, wenn du mich lieb hast. Dies half. Anderen Tages kam zwar kein Brief, aber der junge Manu selbst. Nimm dir mit, was du Nützliches hast: mache schnell. Während der Vater beim Abendschoppen im Wirtshaus saß und sein „Tärtele" legte, verschwand die Josephine mit dem Camill auf Nimmerwiedersehen. Jetzt bereute der Vater den Bruch des Amtsgeheimnisses gegenüber seiner Tochter schwer, aber trotzdem er alle Hebel in Bewegung setzte, war keine Spur mehr von ihr zu entdecken: sie war eben „durch den Reif". Die Geschichte aber, die ich hier erzählte, ist buchstäblich wahr, sie ist in meiner eigenen Familie vorgckommeu.
* Gesichtsmassage für Männer. Man berichtet aus London: Gesichtsmassage ist die neueste Liebhaberei der englischen Männer. Sie ist ihnen aber nicht nur ein Mittel der Verschönerung ihres Aeußereu, sondern soll auch beit Geist erfrischen und zu anstrengender Arbeit fähiger machen, ja selbst den Kopfschmerz verscheuchen. Daher braucht es nicht zu ver- wuudern, daß nicht allein die eleganten Stutzer die Gesichtsmassage für unbedingt notwendig halten, sondern auch die Parlamentsmitglieder, höchstens von den Vertretern der Arbeiterpartei abgesehen, nnd die Geschäftsleute der City eine große Vorliebe dafür beweisen. Vor jeder großen Rede oder vor dem Abschluß eines wichtigen Geschäftes lassen sich viele von ihnen das Gesicht massieren, sie behaupten, daß sie dadurch eineu viel klareren Kopf hätten, als sonst, und die Barbiere, denen diese Mode natürlich sehr gelegen kommt, schwören darauf, daß die Massierten immer Erfolg haben. Zn einer ordentlichen GesichtÄnassage muß sich der „Patient" in einen Stuhl lege«, wie ihn sonst die Zahnärzte verwenden. Das Opfer wird in eine fast horizontale Lage gebracht, der Kopf ruht auf einem Polster, die Füße werden gegen ein Kissen gestemmt, die Augen sind nach der Decke gerichtet. In den Kragen wird ein Handtuch uud ein wasserdichtes Tuch gesteckt. Daun ringt der Masseur ein zweites Handtuch i» kochend heißem Wasser aus' uud legt es wie eine Maske auf das Gesicht. Das verursacht zuerst ein Schmerzgefühl, das aber sehr bald einem wunderbaren Wohlgefühl weicht. Wenn dann nach dreimaligem Auflegen des heißen Tuches die Poren geöffnet sind, wird die Haut gründlich mit Sterne eingefettet und durch die Massage werden die Unreinlichkeiten der Haut herausgearbeitet. Damit sich die Poren der Haut wieder schließen und keine Erkältungsgefahr besteht, werden Handtücher aufgelegt, die iu kaltem Wasser ausgerungen sind, nnd die Haut zum Schluß mit wohlriechendem Cau de Portugal eingerieben.
* A u s dem „S i m p l i z i s s i m u s". E i u junges Weib ward von dem verlassen, dem sie ihre Hand uud ihr Herz geschenkt hatte. Verzweifelt stürzt sie sich in den Fluß. Uud während ihr Leichnam zwischen bcm Schilf dahinfloß, trat ihre sündige Seele vor Gottes Thron. „Warum tatest Du mir das?" fragte Gott. „Wer erlaubte Dir, meinen Ratschluß für nichts zu achten?" Das junge Weib fiel ihm zu Füßen und bat um Vergebung. „Da er mich betrog, den ich liebte, konnte ich nicht mehr leben", sagte sie. — „Waren denn keine anderen Männer mehr auf der Welt?" sagte Gott. „Ich habe die Erde voll von Männern und Weibern geschaffen, deren Hetzen sich uach Liebe sehnen. Weshalb sollte da die Treulosigkeit dieses einen Deinen Tod veranlassen, so jung und schön wie Dn bist?" Das Weib hob den Kbps und schaute verwundert zu ihm auf. „Davon weiß ich nichts. So. stand es iu den Büchern, die ick las: daß cs nur eine Liebe gebe, daß diese recht, sei, und daß außerdem nichts mehr sein könne. Dann lehrten sie mich auch! von Kind auf, daß diejenigen, die lieben bis in den Tod, tausendmal besser seien als die anderen. Und dann sagte der Pfarrer, als er unsere Hände ineinander legte, daß wir einander für ewig angehörten". Da schüttelte Gott das Haupt und lächelte klug tmd mild: „Dn hast Dich geirrt, mein Kind", sagte er. „Die Dichter, welche das schrieben, liebten manche, und liebten sie alle aufrichtig. Und der Pfarrer, der das sagte, schläft nun sanft und zu meiner Ehre neben seiner dritten Frau. Ich vergebe Dir, was Du getan, weil Du es nicht besser wußtest. Steh auf und sei mit mir im Paradies."--Lie b es b ar om e t er.
„Woaßt, Muatter, ko« Wörtl hat et no uet g'sagt, der Herr Meier, von «an Heiratsantrag." — „Ja inet, da muaßt Geduld Hamm, dös kommt ganz dranf an, ivas oaner vertrag'» kann: Dein Bater hat mir erst bei der neunten Maß d' Lieb erklärt!" — AnSnahmefall. „Soeben wollte mich einer bestechen! Ich werde es der Behörde melden, damit von meiner Pflichttrene Akt genommen wird!" — „Das hast Dn aber doch sonst nicht getan?!" — „Nein, es muß ein Exempel statuiert werden: kommt mir der schofle Kerl mit drei Mark daher!" 1
Musik.
— Zur silbernen Hochzeit des^Küiserpaares hat der deutsche, in Norwegen lebende Kamp mist Max Naebel einen „Hohen- zolleru-Fe st m a r s ch" komponiert. Diese Komposition wurde bei der Gala-Tafel, int Kgl. Schloß am 27. Februar gespielt. Raebel hat mit diesem „Hohenzolletn-Festmarsch" ein Werk geschaffen, das die Zuhörer in Feststimmung versetzt.
Msde.
— Groß ist, was die „G r o ß e M v d e n lu e £ t" mit bunter Fächervignette, Verlag John Henry Schwerin, bietet. Groß ist das Format, in dem das Journal alle 1'4 Tage mit doppelseitigem Schnittmusterbogen erscheint. Groß ist der Schnittmusterbogen. Groß die Anzahl der darauf verzeichneten Schnitte. Groß sind die Handarbeiten-Beilagen mit Naturgrößen Vorlagen. Wir finden dort Kostüme für jeden Geschmack und für jedes Alter, vom Erwachsenen bis zum Baby, alles ausgeführt iu Modegenrebildern, Kolorits, Frühjahrhüte, Wäsche und Spitzen, Pariser Modeurevue usw. Vierteljahrspreis 1 Mk. Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen entgegen.
Gesundheitspflege.
— Das Gähnen, das von den Regeln des Anstands in Gesellschaft verboten ist, wird neuerdings von ärztlicher Seite als ansgezeichnetes Verfahren zur Gymnastik der Atmung sorg an e empfohlen. Ter Entdecker dieser Neuigkeit ist Dr. Nägeli, der seine Ansichten darüber in den Medizinischen Annalen der Universität Lüttich uiedergelegt hat. Nach seiner Ueberzeugung setzt der Vorgang des Gähnens sämtliche Atmungsmuskelu des Brustkorbs uud des Halses in Tätigkeit und ist daher das beste uud natürlichste Mittel zu ihrer Uebung und Stärkung. Der Arzt rät daher allen Menschen, möglichst ausgiebig zu gähnen nnd dabei die Arme ansznstrecken, damit die Lunge ausgelüftet und die Atmung angeregt wird. Eine derartige Gymnastik würde aber Heilzwecke verfolgen können bet Erkrankungen des Halses und auch bei Ohreuleideu. Dr. Nägeli hat diese Kür oft Kranken verschrieben, die an Rachenkatarrh litten, und sowohl die Schluckbeschwerden wie die etwa damit ver- bnndenen Störungen des' Gehörs auf diesem Wege beseitigt ge- sehett. Man wird gewiß fragen, wie eine solche Gähnknr denn eigentlich vorgenommeu werden soll, uud ob man etwa dazu einnehmen könne. Dr. Nägeli bringt das Gähnen bei seinen Patienten hervor entweder durch Suggestion oder durch Nachahmung oder auch dadurch, daß er sie mehrmals hintereinander die Luft iu tiefen Atemzügen einmaligen läßt. Das Gähnen mnß sechs bis acht Mal hintereinander ausgeführt werden und jedesmal von einer Schluckbewegung gefolgt fein. Dadurch wird angeblich auch der etwa in der zum Ohr führenden Eustachische» Röhre vorhandene Schleim angesogen und beseitigt, Md der Erfolg soll ein weit besserer sein, als er durch Eiublasen von Lust in die Röhre erzielt werden kann.
Wo ist die Schwiegermama? Anflösung üt nächster Nummer.
Nachdrua vervoteu. rn.li m rrnm
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Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Schuster, bleib' bei beinern Leisten.
Redaktion: Ernst £> e 6. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh rieben Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießt«,


