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Weber Aimmerturngeräte und -Gymnastik bringt die in Berlin erscheinende Zeitschrift für körperliche und geistige Veredelung „Der Kulturmensch" sehr beachtenswerte Ausführungen von Max Thielert, die namentlich auch hinsichtlich der Bedenken der Aerzte gegen die Müllerei sowie über die Grundsätze der Zimmergymnastik Klarheit schaffen.
„Selbstverständlich hat der Erfolg des Dänen I. P. Müller", heißt es darin, „dessen System neuerdings auch ärztlicherseits für sehr bedenklich gehalten wird, viele Leute nickt schlafen lassen. Der Ruf: „Fort mit allen Turngeräten!" wird von den verschiedenen GesMftsspekulanten deren Einsicht und Erfahrungen von den physiologischen Bedingungen der Leibesübungen ziemlich unbeschwert geblieben sind, erhoben und mit ein paar längst bekannten hygienischen Brocken schmackhaft gemacht.
Die Einfachheit der freien Körperbewegungen besticht ohne Zweifel; der Satz, daß wir ohne Gymnastik und Turnapparate auf die Welt gekommen sind, und folglich zur Ausbildung und Stählung unserer Muskeln eigentlich keiner Geräte bedürfen, ist fürs erste einleuchtend und wird von denen, die für billiges Geld ihre mangelhaften und unvollständigen Erfahrungen an gänzlich Unerfahrene in Unterrichts- Buch- oder Systemform verkaufen, auch weidlich ausgenützt werden.
Demgegenüber ist zu betonen: Das Pferd, der Hirsch, oder der Löwe, überhaupt alle Vierfüßler, bedürfen der Geräte für ihre natürliche Gymnastik nicht. Bei ihnen bildet der Boden, den sie mit den Füßen stampfen und auf dem sie sich laufend und springend fvrtbewegcn, gewissermaßen ihr Gerät. Für die Beine des aufrechtgehenden Menschen ist das auch der Fall und wir müssen Gehen, Laufen, Springen und Wandern für die unteren Gliedmaßen als die Grundbewegungen festhalten, die nach unserem Körperbau und unseren Anlagen unbedingt betrieben werden müssen, wenn wir gesund und schön bleiben oder werden wollen. Daß aber Freiübungen, und mögen sie noch so zweckmäßig zusammengestellt sein, jemals für die Ausbildung und Weitung der Brust, für die Kräftigurig und Stählung der Arme und der inneren Organe genügen könnten, wird, nachdem wir die Zweiteilung der menschlichen Leibesbewegungen untrüglich festgestellt haben, zu beweisen keinem möglich sein. Freiübungen sind schön und nützlich, aber sie spannen nur in verschwindendem und unvollkommenem Maße die Muskeln unseres Oberkörpers an und können in keiner Weise das Gerät ersetzen.
Dieses Gerät war in unvordenklichen Zeiten der Baum und im Gebirge die Felsvvrsprünge, an die sich! der nahrungsuckende Vorfahre klammerte, es war der Speer und die Keule des Jägers, das Ruder des Küstenfahrers, es waren die Werkzeuge des Landmannes, des Handwerkers und Arbeiters, Schwert, Degen und Spieß des' sich der Angriffe auf Eigentum und Leben Befleißigenden und Erwehrenden.
Die Summe aller dieser mannigfaltigen Bewegungen, die auf den Erwerb der Nahrung gerichtet waren, und das Bedürfnis danach wurde auf uns vererbt. Uns fehlt nun zum großen Teil diese Gelegenheit dazu, unser kompliziertes Nahrungs-Er- werbsfystem zwang uns zur Einseitigkeit, die bei dem Handwerker beispielsweise nur bestimnrte Muskelgruppen anspannte und ausbildete, und bei immer zahlreicheren Berufsarten überhaupt jede körperliche Tätigkeit fast vollkommen ausschaltete.
So entstand dcK Bedürfnis nach Leibesbewegungen außerhalb des Nahrungserwerbes, das Bedürfnis durch Turnen und Sport aller Art den zur Ruhe und Einseitigkeit verdammten Körper 31t stählen und zu kräftigen und den dadurch verursachten Schädigungen zu begegnen, so entstand für den in der Zeit und im Raum beschränkten Menschen die Zimmergymnastik.
Dieses Bedürfnis und die Erfahrung hat im Laufe der Zeit drei Arten von Geräten für die Ausbildung und Stählung der Brust, der Arme und der inneren Organe hervorgebracht, die in ihrer Einfachheit und Zweckmäßigkeit schon seit Jahren erprobt sind. Es sind dies das Reck des Turners,, dem man für das Zimmer die Form des Trapezes oder der Ringe gegeben hat und das dem atavistischen Hang der Baumkletterervorfahren gerecht wird, und ferner die Hanteln, die durch die Streckung und Bewegung von Gewichten jen, mannigfachen Schwingungen der Geräte und Werkzeuge ersetzen sollen, mit denen die Menschheit seit Jahrtausenden für ihren Lebensunterhalt umzugehen gezwungen war.
Die dritte, Art von Zimmerturngeräten erzeugte erst in neuerer Zeit die wachsende Erkenntnis von der physiologischen Bedingung des Widerstandes bei den Leibesübungen. Diesen Widerstand bietet dem kletternden Affen der schwingende, elastische Ast des Baumes in tausend Variationen und Lagen, dem Schwimmer der Gegendruck des Wassers, das er zerteilen muß, dem Fechter die feindliche Klinge oder — fragen wir unsere Studenten — oft genug der gegnerische Kopf, dem mähenden Landmann der Gegendruck der zu schneidenden Gräfer oder Halme. Zumal für schwächere Menschen, die zunächst ihre Muskeln vor den Zerrungen der beiden oben erwähnten Uebungen des Klimmens und des Stoßens bewahren müssen und dann überhaupt ist dieser Widerstand eine Notwendigkeit, dessen Fehlen wir bisher bei der Zimmergymnastik immer wieder vermißt haben. Diesen Widerstand gab die schwedische Gymnastik, deren Heilerfolge und wohltätige Wirkungen unbestritten sind, durch eine zweite Person,
die dem Druck der Uebenden die eigene Ktaft entgegenhielt und' die man durch elastischen und kräftigen Gummi zu ersetzen sich' bemühte.
Von allen diesen Slpparaten, von den englischen Exercisers bis zu den mannigfaltigsten Muskelstärkern aus Gummi oder elastischen Federn hat bisher nur ein einziger, der Autoghmnast des Berliner Orthopäden Dr. Georg Müller, den ernsthaften Prüfungen standgehalten. Alle übrigen wiesen Fehler und Uebelstände auf, wie die Schwierigkeit der Befestigung in Wand- oder Türpfosten oder die des Transportes und namentlich den Mangel an Beweglichkeit, die es dem Uebenden gestattet, den Apparat z» allen Zeiten und an allen Orten, auf der Reise, im Garten oder im Zimmer zu benützen, jene Uebelstände, wie sie auch dem anderen nottoendigen Zimmerturnapparat, dem Trapez oder den Ringen anhaften, und die vorläufig noch nicht beseitigt find. Sie ließen ferner dem individuellen Bewegungsbedürfnis des Einzelnen, das wir als unbedingtes Erfordernis verlangen müssen, zu wenig freien Spielraum und verschwendeten Kraft gerade dort, wo es notwendig war, sie zu erhalten.
Die Schwierigkeit des Transportes der Hanteln wegen ihres Gewichtes bleibt für Reisen wahrscheinlich immer bestehen und somit haben wir als einzigen überall verwendbaren Zimmerturn- apparat eigentlich nur den Autvgymnasten, der in gewisser Hinsicht allerdings .die beiden anderen notwendigen Zimmertnrn- geräte, nämlich Reck und Hanteln ersetzen kann.
Freiübungen werden niemals, namentlich im Winter nicht, die für die durchaus notwendige Nacktgymnastik und die kalte Abwaschung oder Abreibung notwendige Wärme und Durchblutung des Körpers erzeugen können, sie werden nur in verschwindendem Maße in Verbindung mit Uebungen zu einem bestimmten Zweck, bei dem Waschen und Reinigen der Glieder und des Leibes etwa, schon aus dem Grunde, weil sie meistens wegen der öfteren Wiederholung langweilig werden, jenes Wohlbehagen erzeugen können, das die Uebungen mit den besprochenen Zimmertnrn- geräten mit der Erfüllung und Befriedigung natürlicher und ererbter Betoegungsbedürfnisse und Notwendigkeiten auslösen. Der moderne Mensch braucht, weil er abhängig von seinem Beruf ist, und weil er die universalen Leibesbewegungen oder den verschiedenartigen Sport nur zeitweise und nicht täglich betreiben kann, ferner weil unser Klima, räumliche Hindernisse der Großstädte und die Witterung auch diese beschränkten Uebungen oft unmöglich machen, und weil nur eine regelmäßige tägliche Beanspruchung aller Muskeln und Organe Gesundheit und Spannkraft geben oder der Einseitigkeit der verschiedenen Berufsarten begegnen kann, die Zimmerturngeräte so notwendig, wie die Nahrung. Der Versuch, sie ausschalten zu wollen, kann nur auf einer Verkennung unserer Bedürfnisse nach den verschiedenen Dewegungsformen beruhen und, wie das Fiasko I. P. Müllers lehrt, nur kurze Zeit irreführen.
Vermischtes.
* Vom „Amtsgeheimnis" des Briefträgers erzählt jemand in der „Straßb. Post": Dieser Briefträger hatte zufällig das Revier zu besorgen, in dem er selbst wohnte. Eines schönen Tages bekam er einen Brief in die Hände, adressiert: Mademoiselle Josephine $., Rue P. Ha, was ist denn das? Das ist ja meine Tochter! Sieh doch an, so schlau wie sie sein will, sollte sie doch wissen, daß ich ihr selbst den Brief bringen niuß. Wer hat nur meiner Tochter zu schreiben? Ich muß doch scheu, was darin steht. Und damit hatte er auch den Brief schon geöffnet, las seinen Inhalt uttb klebte dann das Kuvert mit feinem Gummi wieder sorgfältig zu. Als er zu Hause ankam, legte er seiner Tochter, sie war Näherin, den Brief auf beit Arbeitstisch: Hier, Josephine, ist ein Brief für dich. Aber sage mir doch, wer ist das, der dir Briefe schreibt? Die Tochter antwortete errötend, daß sie sich gar nicht denken könne, wer ihr schreiben könnte, und rasch verschwand der Brief in ihrer Tasche. Ja, warnni steckst du den Brief so schnell in die Tasche? Wenn nichts dabei ist, so gib ihn her, ich möchte ihn gern lesen. Ich werde warten bis Mittag, und dann sagst du mir, wer der ist, der diesen Brief geschrieben hat. Und richtig, zur Mittagst- zeit gestand die Tochter, daß es ihr lieber Camill war, der ihr geschrieben habe. Er sei Schreiber und wohne da und da. Gut, sagte der Vater, ich will hoffen, daß dies der erste und letzte Brief gewesen ist. Das fehlte gerade noch, daß , ich Weiner Tochter auch noch ihre Liebesbriefe nach Hause bringen muß, um ihr dadurch etwa gar zu beweisen, daß ich diese Liebelei dulde. Weinend zog sich die Tochter zurück. Kaum aber hatte der Vater seinen Dienstgang angetreten, so beeilte sich die Tochter, ihren Camill brieflich von dem Geschehenen zu unterrichten. Der Vater jedoch bat einen seiner Kollegen: Sag' einmal, wenn du eilten Brief mit der und der Adresse bekommst, so gibst du ifyit mir, ich muß ihn lesen, denn er ist von meiner Tochter an ihren Liebsten. Es vergingen keine zwei Stunden, so war der Vater schon tut Besitze des Briefs. Zu feinem größten Erstaunen las er, wie seine Tochter über ihn loszog. Die Rückantwort lautete nicht anders und so ging das eine Zeitlang weiter. Der Vater gab der Tochter nur dann und wann einige Zitate ans den Briefen zu „schmecken", wobei sie jedesmal fast sprachlos >var. Sollte Camill wirklich so schlecht sein und dem Vater heimlich alleÄ


