Ausgabe 
19.5.1906
 
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Ihre weichen Arme umstrickten ihn schmeichlerisch, die schwellenden roten Lippen blühten ihm verlangend entgegen. Da küßte er sie und fügte sich ihrer Ansicht. Im Grunde war er weiches Wachs in diesen kleinen energischen Mäd­chenhänden.

, Als sie beide, ein harmloses Gespräch markierend, wieder in den stark zusammengeschmolzenen Kreis der Gäste traten, siel der erste Blick des Offiziers in Ruths schwer­mütige dunkle Augen, die seltsam forschend wie in auf- dämmerndem Verdacht auf seinem Gesicht hafteten. Er sah rot und erregt aus, das entging ihr nicht, aber sie dachte an Suses Durst nach Reichtum und Wohlleben und ihr Verdacht zerstob. Die Tante hatte recht, sie würde sich nicht verplempern, sie war viel zu klug berechnend dazu.

Sie ließ sich jetzt von den Vertvandten sehr bereitwillig mit dem Oberregierungsrat necken und Fritz Trautendorf trug dabei ein so ruhig gleichgiltiges Gesicht zur Schau, daß Ruth sich völlig täuschen ließ. Erleichtert konnte sie sich nun ihren eigenen Angelegenheiten, die sie stark beschäf­tigten, zuwenden. Und nun zum erstenmale in ihrem Leben vergaß sie über ihrem eigenen Interesse ihr Hüteramt bei Suse.

5.

Ein grämlicher Nebeltag schleppte seine nassen, grauen Nebelschleier über das Häusermeer der Großstadt. Selbst nm die Mittagsstunde vermochte die Sonne sich nicht anders als mit einem sahlen gelblichen Schimmer durch die treiben­den Wolken hindurchzudrängen.

Ein wenig hatte der Regen nachgelassen, nur ein feines Sprühen, das sich in Milliarden winziger Wasserperlchen überall, wo sie nur zu hasten vermochten, festsetzte, erfüllte die warme Luft.

Die riesigen Glasfenster des Hommerschen Privatateliers schienen wie mit Silberkügelchen bestreut und in dem großen Raunr, dem sie den Eintritt des Lichtes wehrten, herrschte ein frostiges, nüchternes Grau, die ungünstigste Beleuch­tung für malerisches Schaffen.

Auch die gediegene Pracht des Ateliers mochte sich bei heller Beleuchtung weit vorteilhafter präsentieren. Heut erschienen die echten Perserteppiche und Kelims, die von den Wänden der einen Atelierhälfte herabhingen und den Fußboden überdeckten, beinahe fahl in den Farben und schmutzig, die breiten Goldrahmen einzelner Oelgemälde wirkten matt, die blaukpolierten roten und grünen Leisten anderer glanzlos. Nur die kostbaren Seidenstoffe, die sich in einer Ecke zeltartig über einem mit weißen Fellen be­legten Divan spannten und schwer zur Seite desselben uiederfielen, leuchteten in satten, orientalischen Farben­tönen.

Die übrige Ausstattung dieses Atelierteiles zeugte so­wohl von Reichtum als vou künstlerischem Geschmack. Schön geschnitzte große Lehnstühle mit Lederbezügen gruppierten sich um einen riesigen, kunstvoll gearbeiteten Eichentisch, dessen Platte mit Prachtwerken, Mappen und einzelnen losen Blättern ganz bedeckt war, altertümliche Truhen mit mattblinkenden Metall- und rostigen Eisenbeschlägen weckten das Entzücken jeden Kenners und unter nickenden Palm­wedeln erhob sich auf hohem, schwarzem Postament die weiße Marmorgestalt einer tanzenden Bajadere.

Die andere Seite des großen Raumes war ernster Arbeit gewidmet. , Hier waren die kahlen Wände nur von ein­zelnen flüchtigen Kohlenzeichnungen und ungerahmten Skrzzen des Künstlers bedeckt, ein einfaches, langes Bord­brett trug rohe Gipsabgüsse menschlicher Köpfe und Glied­maßen, auf einem schmalen an der Wand sich hinziehen­den Tische lagen Farbentuben, Paletten und Pinsel in buntem Durcheinander, während große weiße Kartons in der Fensterecke lehnten.

Bor der Riesenstaffelei, die noch näher als sonst an die vielscheibigen Fenster gerückt war, stand Willy Hammer tm hellen Leinenanzug uud strichelte noch ein wenig an dem so gut wie vollendeten Bilde auf der großen Lein­wand vor sich herum.

Es stellte ein junges Mädchen dar im weißen Spitzen- rlew mit einem Strauß roter Nelken an der Brust, der sich wunderbar leuchtend von dem stumpfen Weiß der Gewan­dung abhob das einzige liebreizende Töchterchen eines steinreichen Berliner Bankiers.

, war ein wohlgelungenes Porträt, aber den Künstler befriedigte es trotzdem nicht. Die ihm da heute aus der Leinwand entgegentrat, war nicht mehr das unberührte.

I knospenhaft liebliche Geschöpf, dessen süßes, befangenes Kindergesicht sein Malerherz begeistert hatte es war nur noch die verwöhnte, gefeierte Ballschönheit, die schon in der erstenSaison" gelernt hatte, ihre Reize zu ge­brauchen, ihrer Macht sich bewußt zu sein.

Nur eine mehr in der Reihe der blasierten Goldfiscb« aus Berlin W. 1 1 1

Ein halb verächtliches) halb mitleidiges Lächeln glitt aus den dunklen, lebhaften Männeraugen über das rosige, siegesgewiß dreinschauende Gesichtchen. Keine Seele darin, alles erstickt unter Vergnügen, Flirt, Schmuck und buntem Kleidertand.

I Aber heute an diesem trübseligen Regentag hätte er das kleine, elegante Persönchen in ihrer lachenden, tän­delnden Oberflächlichkeit ganz gern vor sich sitzen gehabt es war so entsetzlich öde und ftostig in dem weiten Raum, trotzdem er im großen grünen Kachelofen hatte Feuer anzünden lassen.

Draußen wurde jetzt kurz und durchdringend geklingelt. Glerch darauf klopfte es an die Mitteltür den Fensters gegenüber und , auf HammersHerein" trat ein alter, glattrasierter Diener in hechtgrauer Livree ein, seinem Herrn auf silberner Platte eine Visitenkarte reichend.

Eine Dame, Herr Hammer! Ich glaube man eine neue Schülerin!" bemerkte er mit einer Vertraulichkeit, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem sonstigen korrekten Ton stand, an die sein Herr jedoch längst gewöhnt war und dre er sich von seinemguten Eckart" lachend gefallen ließ. Als solcher war er ja doch auch von der Frau Mama dein leichtsinnigen Schlingel, dem jungenHerrn Willy", mitgegeben worden aus dem Elternhause, dem er lange Jahre schon treu gedient hatte mid sein Hüteramt war nrcyt immer leicht gewesen.

Aber trotz aller tollen Streiche hatte er's doch zu was gebracht, seinHerr Willy", und darauf war der alte Heinrich Binge so stolz, als sei der erreichte Ruhm sein eigenes Werk.

Bloß heiraten mußte er noch, damit die ewigen Weiber­geschichten mal aufhörten, dies Gelaufe von den dummen, leichtsinnigen Frauenzimmern, bis in den geheiligten Ate- lrerraum, wo sie Sekt tranken und Zigaretten rauchten und noch schlechte Witze rissen über denollen Tugendspiegel", der ein Gesicht machte, als wolle er sie allesamt fürs Kloster bekehren.

Heinrich, mir graut vor Dir!" Wie oft hatte er diesen Gemeinplatz von frischen und geschminkten übermütigen Frauenlippen hören müssen. Da hatte er der Dame draußen doch gleich angesehen, daß die nur als Schülerin zu dem tollen Hammer" kam.

Führ' sie herein!" befahl der Maler, nachdem sein rascher Blick dasRuth! Meridies" aus der schmalen weißen Karte gelesen hatte. Die Schülerin, 'die Professor Körner ihm gestern so warm anempfohlen hatte. Ein armes, nicht mehr ganz junges Mädchen und ihn verlangte gerade heute so nach Jugend und Sonne.

Mißgestimmt warf er Pinsel und Palette auf den ersten besten Stuhl.

Jrn selben Moment öffnete auch Heinrich schon die Tür und ließ eine hohe schlanke Mädchengestalt im ein­fachsten, grauen Jackenkostüm eintreten, das die Vornehm­heit ihrer Erscheinurig jedoch nur erhöhte.

Ruth, war sehr rasch gegangen und die schnelle Be­wegung im Verein mit der inneren Erregung hatte ihre sonst blassen Wangen zart gerötet, der sprühende Regen rhr schwarzes Haar natürlich gekraust.

Und als sie nun die dunklen Samtaugen auf Willy Hammer richtete, kam eine solche Verwirrung, so etwas von hilfloser, mädchenhafter Scheu und staunenden Ueber- raschtseins in ihr schönes Gesicht, daß sie dem blonden Bankierstöchterlein an jugendlichem Liebreiz nicht, nach­stand. Ihre sichtliche Verlegenheit trug dazu bei, sein an­genehmes Erstaunen über das Aussehen desnicht mehr sehr jungen Mädchens" zu erhöhen. Den Grund derselben ahnte er nicht. Wie hätte er auch wissen sollen, daß Ruth rn ihm auf den ersten Blick den Mann wiedererkannt hatte, von dessen Lippen der zündende Funke des Ehrgeizes in ryre schlummernde Seele gefallen war? Und der gerade sollte rhr Lehrmeister werden?

Wie betäubt von diesem Wiederfinden, an das sie nie mehr gedacht, nahm sie die Hand, die er ihr kameradschaft­lich bot und schüttelte. (Fortsetzung folgt.)