Ausgabe 
19.3.1906
 
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srischgebackener Assessor, als fein väterliches Erbe schon sehr zusammengeschmolzen ivar, sich sterblich in ktn bildschönes, armes, adliges Fräulein verliebte, und es allen Ab­mahnungen und Borstellungen zuin Trotz nach kurzer Zeit heiratete.

Jahrelang waren sie ein kindisch glückliches, zärtliches Ehepaar gewesen, aber heute wußten sie das kauin mehr, das lag hinter ihnen, wie eine ferne, ganz ferne Insel der Seligen, von der ein erbarmungsloser Steuermann, Schick­sal genannt, sie längst Iveit weg ins öde, offene, stürmische Meer des Lebens gerudert hatte. Sie hatten gehabtweder Glück noch Stern". Kinder kamen eins nach dem andern, untergruben die zarten Kräfte der schönen Frau, stellten Anforderungen an die Kasse des Hausherrn, die dieser bei seinem schmalen Einkommen nicht erschwingen konnte. Krankheit und Not wurden bei ihnen heimisch. Der Tod zweier Kinder brach schließlich der kränklichen Fran Berta fast das Herz. Ihr überreiztes Gehirn fiel in völlige geistige Umnachtung, lieber ein Jahr mußte sie getrennt von den Ihrigen in einer Nervenheilanstalt zubringen.

Und damals Ivar es gewesen, als die kauuc zwölfjährige Ruth die erste Bürde in der Pflege des jüngsten Brüderchens auf sich genommen hatte. Der Amtsgerichtsrat aber war in jener Zeit zu dem müden, verbitterten Manne geworden, der er auch blieb, als seine Fran längst genesen znrttckge- kehrt war,

llm seine jüngsten Kinder kümmerte er sich fast gar nicht, und da bei deren Erziehung auf die schwache, kränk­liche Mutter nicht zu rechnen war, so lag auf Ruth auch heute noch die schwere Aufgabe, sie in Zucht und Ordnung zic halten. Biel heimliche Tränen und Kämpfe hatte dies Erzieheraint sie schon gekostet. Ihr natürlicher jugendlicher Frohsinn war darunter erstickt. Sie hatte längst gelernt, ihre eigene Person zurückzusetzen und nur für andere zu leben.

2.

Auch jetzt hatte sie ihre Erregung schnell bezwungen und nur die Sorge um den Bruder zitterte noch in ihrem Herzen.

Nachdem sie dein Baker die Lampe gebracht, geht sie ruhig und ernst wie stets ihren häuslichen Pflichten nach. Im Eßzimmer, das sie auf ihrem Wege nach der Küche durchschreitet, sitzt Heinz allein am Tisch unter der Hänge­lampe, hat den Kopf in die .Hände gestützt und bewegt int eintönigen Plappern des Auswendiglernens die Lippen.

Suse ist verschwunden. Sie sitzt wohl in irgend einem Schmollwinkel.

Ist Walter noch nicht da?" fragt Ruth besorgt. Ent energisches Kopfschütteln ist die einzige Antwort des Lerncn- den.Wo kann er denn stecken? So dunkel wie es draußen schon ist! Hoffentlich ist ihm nichts passiert." Eine neue Sorge legt sich bedrückend auf ihr Gemüt. Ta klirren im Gange von der Küche her Schlittschuhe und der schnelle Tritt eines Knabenfußes nähert sich der Tür.Walter, Gottlob."

Ruth hatte den schlanken Körper des zwölfjährigen Kna­ben in ihre Arme genommen und streichelt liebkosend das zarte, von der Kälte rosig angehauchte Gesichtchenihres Jungen".

So spät, Walter? Tn Taugenichts! Weißt Du nicht, daß ich mich ängstige nm Dich! Und ganz naß bist Tu, es schneit wohl gar draußen."

Ach nein! Wir haben uns' nur noch 'n. bischen ge- schneeballt, Ruth."

Des Knaben große tiefdunkle Augen leuchten in glücklichem Frohsinn. Mantel und Mütze fliegen in eine Ecke.

Es wär zu schön, natürlich ans dein Eise auch. Ich kann schon eine Acht fahren. Ruth, morgen mußt Tu kom­men und mich ansehen. Ja?"

Nun selbstverständlich, mein Junge. Aber jetzt schnell Deine Sachen ordentlich änfheben und bann an die Schularbeiten. Was macht Teilt detttscher Aufsatz für morgen?"

p »Ach, Ruth." Er nestelt sich mit einem vielsagenden Seufzer in ihre Kleider. Mütterlich lächelnd sieht sie auf ihn moder, streicht ihm über den lichtbraunen Kranskopf, während sie verspricht: »Nach dein Abendbrot arbeite ich mit Dir."

Da schlingt er dankbar die Arme um den Hals und begiebt sich beruhigt an seine Aufgaben.

Gleich nach dem bescheidenen Abendessen zieht der Amts- gerichtsrat sich ivieder in feilt Studierzimmer zurück. Ruths Blicke folgen ihm mit einem. Ausdruck von Angst und Liebe, der zugleich etwas Gequältes hat.

Dabei sieht er fast lächerlich aus, der alte Mann, in seinem mausgrauen, rotbordierten Schlafrock, der um seine hagere, gebeugte Gestalt schlottert und der auf der Rückseite bedenkliche Spuren von vielem Getragensein zeigt. Seit langem hatte Riith gespart, sich jeden Genuß versagt, um ihm zu seinem Geburtstage int April einen neuen schenken zu können, beim er selbst würde seine Anschaffung als nn-> nütjige Ausgabe betrachten und als solche natürlich unter» lassen wie hat sie alle Energie daran gesetzt, die Heine Summe nicht anzugreifen nun bleibt ihr doch, will sie dem Bruder helfen, nichts anderes übrig, als auch auf diese Freude zu verzichten.

Sie kann kaum die Füße heben, als sie jetzt langsam lind mechanisch den Abendtisch abräumt. Selbst Fra>! Berta, die vor lauter kleinlichen Sorgen nicht dazu kommt, sich um das Innenleben ihrer Kinder zu kümmern, erschrickt bei einem Blick in das totenblasse, abgespannte Gesicht ihrer Aelteslen, als diese das Tablett aufnimmt, um nach der Küche zu gehen. Fragen mag sie nicht, sie kennt das .verschlossene Wesen der Tochter. So wendet sie sich an Suse, die blühend und rosig, ein Bild der Gesundheit, in ihrem Stuhl lehnt und a>is übrigem Brot ffeine Kügelchen dreht, die sie Heinz an den Kopf wirft.

Kannst Du beim nicht etwas mithelsen, Suse?" sagte sie mehr kläglich als streng, und als bas Mädchen sich miß» mutig und träge erhebt, jammert sie weiter:Nur Unsinn hat das Mädel im Kopfe, zu jeder Arbeit möchte man sie stoßen. Wie ich so alt war wie Du, hätte ich es nicht mit ansehen können, daß ein anderes um mich her arbeitet und sich quält Gott, wohin soll beim bas führen? So gar kein Lebensernst. Und bas Leben ist doch so schwer und so bitter. Das müßtest Du doch auch schon wissen, Kind"

Suse war mit ihrem Stoß Teller schon zur Tür hinaus, ehe die Mutter noch geendet unb draußen warf sie sich, nach­dem sie ihre leichte Last abgesetzt hatte, auf einen der harten Holzstühle und brach in ein kindisches, trotziges Weinen ans.

Das Gejammer der Mutter hat den Becher überlaufen gemacht, der schon bis zum Rand mit dein Schmerz über den versagten Ballabend angefüllt gewesen.

Ruth, die eben im Begriff stand, ein Töpfchen Wasser zu dem abendlichen Grog des Vaters auf den Gaskocher zu setzen, ivandte sich langsam nach ihr um.

Was gibts beim schon wieder, Suse?" fragte sie gequält, und drückte die Handflächen an die pochenden schmerzenden Schläfen.

Das Mäbchen antwortet nicht gleich, sie schluchzt wahr­haft herzbrechend. Ihr Kopf liegt zwischen den verschränkten Armen ans der weißgescheuerten Tischplatte und von dein stumpfen Blau ihres Hauskleides hebt bas Blond ihres Haares sich ab wie gesponnenes Gold.

(Fortsetzung folgt.)

Dem Wahren, Edlen, Schönen.

Ein Großstadtrvman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.) ,

Frehlinghans kaufte jid) ein Blatt und schaute hinein^ Ein Artikel unter dem Strich ivar betitelt:Skandal im! Prinz Ferdinand-Theater" und lautete:

Wir haben bereite, bei Eröffnung des neuen Ham-i merschen Prachtbaues nufer lebhaftes Bedauern darüber! aussprechen müssen, daß in diesem Falle der künstlerische! Kern recht wenig der kostbaren hülle entspricht. Uiiserj Musikreferent hat die Oper des .Herrn Rafaeli, bic maul int totalen Mißverkennen der stolzen Inschrift des Hauses! als Eröffnnngsvvrstelluug gewählt hat, nicht günstig be-. urteilen können. Im allgemeinen aber war seine Kritik,