Z l-lMW B#Ä-na
M
MW M
Mittellose Mädchen.
Romcur von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) . (Fortsetzung.)
>,Verzeihung, Hans" bat sie, „ich hab Ihnen nicht weh tun wollen. Es ist meine Ueberzeugung, daß ich viel §u alt für Sie bin", sie geriet ins Stocken, weil fein Blick sie verwirrte. „Ich danke Ihnen, Hans!" begann sie dann entschlossen wieder, „es ist so gut von Ihnen, ich habe Sie itiud) gern und ich habe Vertrauen zu Ihnen ivie zn keinem anderen Menschen — aber trotzdem kann ich Ihre Frau nicht werden."
„Und warum nicht?" fragte er heiß. Ihr Widerstand fachte seine .Leidenschaft an.
„Ruth, Sie sind so schön, so talentvoll, so gut. Sie haben wohl ein Anrecht auf eine glänzendere Heirat, aber jich will Sie auf Händen tragen — Sie sollen's nie bereuen."
Sie machte eine milde, abwehrende Handbewegnng. „Zn ivas das alles?" schien sic zu sagen, „Du iveißt so gut wie lich, daß das Leben, was Du mir bietest, glänzend ist im Vergleich zn dem ivas ich jetzw führe — das ist es nicht —, das nicht."
Er verstand sie. Er war sehr ernst geworden.
„Sie lieben mich also nicht, Ruth ?" sagte er mit schwerer Betonung.
, Starr sah sie an ihm vorüber,
„Rein, ich liebe Sie nicht!"
Seltsam kalt war ihre Stimme. Seine Gefühlswärme starb dahin. Er griff nach seinem Hut, machte ihr eine kitrze, stumme Verbeugung und ging.
Au der Tür blickte er zögernd zurück. Ob sie sich doch vielleicht noch eines Besseren besann? Sollte ex sich wirklich so bitter getäuscht haben? Innerlich war er ihres Jaworts seit langem sicher gewesen.
Aber Ruth stand regungslos. Ihr kleiner Kopf mit dem teilten Profil hob sich wie aus Stein gemeißelt von dem rötlichen Tapeteuhintergrunde ab.
Erst als die Entreetür hinter dem Tavongeheiiden zuklappte, fuhr sie ans ihrer Starrheit empor. Eine Macht, die stärker Ivar, als ihr eigener Wille, zog sie ans Fenster. Dort stand sie hinter dem Store mit krampfhaft verschlungenen Händen, wartend, bis er auf der Straße unten er® schien. Wie aufrecht er sich hielt. Und wie hübsch und stattlich er aus sah. Nun grüßte er einen Vorübergehenden. Die verglühende Sonne leuchtete einen Moment über sein dickes Blondhaar, in dem sie als Kind so gern gezaust hatte. -Unwillkürlich richtete ihr Blick sich auf das kleine schmucklose Häuschen auf der anderen Seite der Straße. Das hatte der Fabrikbesitzer Klausen bewohnt, ehe er sich draußen tor der Stadt feine Villa baute. Und deutlich erinnerte Ruth sich des Tages, an. dem ihr Bruder Kaxl zum ersten
Male den „Jungen von drüben" in das kleine verwilderte Gärtchen gebracht hatte, in dem sie ihre kindischen Spiele, trieben.
Seitdem waren sie unzertrennlich gewesen, did Drei.
Ruth besonders hatte sich des mutterlosen Knaben mit der ganzen Hingabe ihrer tief und ernst angelegten Natur angenommen, aber so mütterlich sorgend sie den Gleiche altrigen auch behandelt hatte, ihr Herz war jung und heiß, wie jedes andere Mädchenherz, und es hatte sich, bald mit gut verborgener Zärtlichkeit fest an den blonden, fröhlichen, sorglosen Kameraden geklammert.
Dann war Karl auf die Universität und Hans auf das Polytechnikum gekommen, um sich dort für die Uebernahm? der väterlichen Maschinenfabrik vorzubereiten.
Als er nach fünfjähriger Abwesenheit, zum Manne gereift, dauernd in die kleine Stadt zurückkehrte, war die zärtliche Glut in Ruths Herzen zur hellen Lohe entfacht worden. Aber sie hatte sich weiterhin meisterhaft zu beherrschen gewußt. Er durfte nicht ahnen, ivie sehr sie ihn liebte.
Und sie hatte nie gedacht, daß sie die Stunde erlebest könnte, jene schönste Stunde, die es für ein Weib gibt, wenn' es liebt.
Sie preßte beide Hände auf das zuckende Herz. Ihr eigener Wille hatte diese Stunde zur Todesstunde von Liebe und 'Hoffnung verwandelt. Sie allein wußte, warum sie es getan.
Sie biß die Zähne zusammen. Eine furchtbare Ber- lassenyeit, ein entsetzliches Gefühl von Leere überkam sie.
Mit verzweifelten Augen, iit die langsam brennend heiße Tränen stiegen, starrte sie in den verlöschenden Glanz des Wintertages.
Tann ging hinter ihr eine Tür. „Ruth, bist Du's?" Das war des Katers müde Stimme. „Ich möchte die Lampe haben, Kind. Es ist so plötzlich dunkel geworden."
Die schlanke dunkle Gestalt des Mädchens glitt zur Tür. „Das kommt, weil die Sonne gesunken ist!" sagte sie. Und. es lag etwas trostloses in ihrer Stimme, das dem alten. Manne auffiel. Aber ehe er zu einer Frage kam, war sie schon hinaus. Bekümmert suchte er sein Zimmer auf. „Meine arme Ruth!" flüsterte et. Er weiß sehr gut, wie viel ans ihren fchwacheu Schultern ruht. Es zerreißt ihm das Herz, wenn er so mitansieht, wie sie kämpft und arbeitet, um der kränklichen Mutter alle Sorgen und Mühen des Haushalts zu ersparen, wie ihre Jugend und Schönheit, ihr reiches Maltalent verkümmert in armseligen Verhältnissen. Und er konnte nichts, rein gar nichts tun, das zu ändern.. Ihm blieb nichts übrig, als ruhig weiterzuarbeiten in der Tretmühle seines Berufs. Wer ihm das einst gesagt hätte, daß er sich so genügsam hinschleppen würde durch das Leben, in das er, die Brust voll hochfliegender Pläne, ein getreten war. Er war außergewöhnlich begabt und von brennendem Ehrgeiz erfüllt. Seine Examinas bestand er glänzend. Und doch hatte er es nicht weiter gebracht, als bis zum Amtsgerichtsrat in der kleinen.Stadt. Tas. kam daher, weil er als


