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ihren zitternden Fragen und Geständnissen zwischen Suppe uud Braten hatte ihn eigentümlich erregt. Gewiß, er hatte den intimeren Verkehr tnt Hause Frehlinghaus geflissentlich fallen lassen. Es war ein herber Schmerz für ihn; es war ein Auslöschen Hellen Lichtes. Aber er fürchtete Unannehmlichkeiten für Freda. Frehlinghaus war nicht zu trauen. Dieser schleimglatte Hofmensch lebte zwar in einer gewissen Scheu vor ihm und respektierte seine verwandtschaftliche Ehrlichkeit; doch das konnte sich ändern. Seiner innersten Natur nach Ivar er ent rüder Geselle; er war auch eifersüchtig auf beit Schatz, den er hütete. Da zog Aren- stein sich langsam zurück. Es war das beste. Es gab keine Aussichten für ihn und keine Hoffnungen. Nie hatte er Freda von seiner Liebe gesprochen. Wer hundertmal hatte die Unterhaltung Grenzen des Empfindens gestreift uud Töne angeschlagen, die das Herz verstehen mußte, die wie ein Choral klangen und wie ein Hoheslied. Doch sie wollte nicht. Sie liebten sich beide, und jeder wußte es. Warum zerriß sie nicht die Fessel ihrer unwürdigen Ehe? Sie konnte im besten Falle nur eilte eisige Gleichgiltigkeit gegen ihren Mann empfinden; vielleicht auch haßte sie ihn. Und doch wollte sie nicht. . .
Nun hatte sie gebeten, er möge wiederkommen wie früher, als Gespiele der Kindheit, als Vetter und guter Freund. Es gab keine Bitte, die er ihr nicht erfüllt haben würde. Er hatte auch ein unsägliches Mitleid mit ihr. Es tvar schrecklich, daß dieses lebensfrohe, heitere Geschöpf au einen Mann gekettet sein mußte, der in jeder Schwingung seines Empfindens ihr Gegenteil war: ein finsterer Puritaner, Schranzenuatur auf der einen, harter Tyrann auf der anderen Seite. Heros kannte das Hofleben zur Genüge. Er liebte es nicht. Wer er hatte Freunde unter den höfischen Chargen: glänzende Ehrenmänner, die auch unter der Huld ihrer Herren und Herrinnen das Eigenste ihres Wesens zu wahren wußten. Frehlinghaus war also kein Typus. Menschen wie er laufen in allen Gesellschaftsschichten umher, uud wo sie hinkommeu, verstummt das Lachen, und der Frohsinn flüchtet.
Auch in Freda löschte der Mann mählich! alles, was lachender Sonnenschein in ihr gewesen. Heros fand sie sehr verändert. Vergebens lugte er nach einem Schelmen- blrck aus ihrem Auge, nach den lustigen Reflexen inr Grün der Pupille, den Glanzlichtern ihrer anmutvollen Heiterkeit. Flog einmal ein Lächeln über ihr Gesicht, dann erschien zwar noch immer das Grübchen auf der rechten Wange, und i tnt runden Kinn markierte sich eine winzige Senkung, wie der Eindruck einer Nagelspur; aber die kleinen Amorettennester wollten zu dem Ausdruck des Lächelns so gar nicht passen. Es ging immer die Wehmut mit und etwas Müdes I und Zaches.
Es soll anders werden, sagte sich Heros. Ich will sie I wieder lachen lehren. Will verstecken, was mir das Herz bewegt, und nichts sein, bin ich bei ihr, als die alte lustige Kumpanei. Will ihr Schnurren und Schnickschnack erzählen und sie auch wie ehemals iu die Theater begleiten und zurück auf die Sonnenseite führen — soweit es geht. Sie soll wieder lachen lernen . . .
. Nun hatte er auch das nächste Zimmer durchschritten, einen Blick auf einen tanzenden Faun geworfen, dessen Marmorleib aus einer Palmengruppe hervorleuchtete, und stand jetzt am Eingang des Wintergartens. Hinter dem Grün horte er das Plätschern eines Springbrunnens — und plötzlich sah er etwas Rotes schimmern.
»Schwante mir'g doch", sagte er, nähertretend; „es blinkte wie Frührot, und ich dachte an einen hübschen Dheatereffekt, an bengalische Sonnen oder dergleichen und derwetlen^ ist es Dein Glorienschein. Hast Dtt Dich ab- stchtltch in dieses Mlanzenlaboraiorium zurückgezogen?"
„Stent", sagte die Gräfin, „doch mehr aus Neugterde; und auch aus einem gewissen Ruhebedürfnis nach dem Tosen der Tafel. Mit einem Ohr lauschte ich Deiner, und an das andere schlug die Brandung der allgemeinen Unter- haltung; das hat mich ein bissel angestrengt. Hier herrscht wahrhafttger Treibhausfriedeu; hier blühen auch schon die Rosen^ Und es scheint unentdecktes Land zu sein." _ ''^n den Salons treibt mau noch mit dem Baumeister Kultus, und wer fielt an dem Sport nicht beteiligt, sitzt | int Rauchztmmer. Wte gefällt Dir die Gesellschaft?"
Er stand vor Freda, die zwischen dunklem Grün, von Palmenkronen überschattet, auf einem Rohrstuhl saß.
„Gut", entgegnete sie; „ober soll ich lieber .nicht gut'
I sagen. Ich habe wenig beobachtet, habe auch wenig Sinn für Beobachtung. Es scheint mir. als seien die Geladenen in großem Maße geriittelt worden; als sei es ein stark gemischtes Völkchen."
Heros nickte lachend. „So ist es. Ich finde das ganz- interessant. Kunst und Mäcenatentum; nur die augusteische Sonne fehlt. Ein Krämer und ein Minister; ein verlodderter Komödiant und einer aus dem Gothaer; Frau Jsaaksohn und eine Prinzessin von Geblüt; sogar ein Zensor und ein Feuerwehrleutnant. Es ist ganz hübsch; es regt an. Aber daß Eugen sich hierhergewagt hat---mir ist immer,
als stände noch irgend ein Donnerwetter bevor . . ."
„Eugen ist, abgesehen von Eurer Theatergeschichte, mit dem Geheimrat auch sonst noch geschäftlich liiert. Er hat übrigens genug räsouniert, daß er hermußte. Erst wollt« er für mich absagen. Ich gehöre nicht hierher, meinte er, und es folgten allerhand niedliche Spitzen. Wer mir machte die Sache nun einmal Spaß, und da erklärte ich; ich will. Einem festen Entschluß gegenüber gibt er gewöhnlich nach. Ich hätte vielleicht nicht so ans 'meinem Willen bestanden, hätte die Musterung mich nicht gereizt: ich hoff« wahrscheinlich — Dich hier ztt treffen."
„A!" fuhr Arenstein heftig auf. Er biß sich auf die Lippen und tippte mit der Spitze seines Lackstiefels nervös auf das rotgesprenkelte Koralleumoos, das den Boden bedeckte. „So. . . das sagte er! Mio wahrhaftig eifersüchs« tig . . . Und, Freda — Tu fürchtest nicht, daß diese Eifersucht noch an Nahrung gewinnen wird, wenn —"
„Wenn Du mich nach tote vor in harmloser Weis« besuchst? Nein, das fürchte ich nicht. Notabene, Heros, ich fürchte nichts an ihm; ich fürchte ihn überhaupt nicht. Ich sage wieder: ich will! Ich will, daß es bei uuserer alten Freundschaft 6Iet6e,. . ." Und plötzlich wurde ihre Stimm« weicher. „Mein Gott, Heros", fuhr sie fort, „Tu weißt, daß ich mir vorgenommen habe, bei ihm auszuhalten, bis
. . . solange ich viermag . . . solange meine Kraft ausk reicht — o lieber Gott, daß ich doch stark bleiben könnte!" Und in rasender Hast stieß sie hervor: „Ich bin kein Weist/ das ihrem Manne davonläuft, weil es ihr nicht mehr gefällt bei ihm! Ich habe diese Che gewollt! Ich und ich und! ich bin immer der schuldige Teil! . . . Ich kann mich auch nicht zu eurer modernen Weltanschauung aufschtoingen. Ich stand vor dem Mtare mit ihm. Ich habe ihm Treue geschworen. Ich beuge mich vor dem Sakrament. Ich bleibe t Wer ich kann nur aushalten, wenn ich auch ihm gegenüber stark bin. Mein Wille gilt auch. Den setz' ich dem seinen entgegen. Sklavin werde ich nicht. Meine Freiheit will ich gewahrt haben, so — so lange ich sein ehrliches! Weib bin! . . ."
Sie hatte das nur geflüstert, mit rasch aneiuauder gereihten, übersprudelnden Worten. Es hörte keiner außer! dem, der es hören sollte. Die Gesellschaft bewegte sich in den vorderen Zimmern; selbst in dem Gemach, das tut! den Wintergarten stieß, weilte kein Mensch. Die Fontän« plätscherte schwermütig; Blätter uud Blüten ruhten regungslos in der dicken, feuchten Luft; auch die beiden Seidenäffchen, deren Käfig die Fächerpalmen, Kallas und Arau- carien säst verdeckten, saßen still und eng beieinauder tut bi rührten sich nicht und schauten verängstigt mit den klugen, glänzenden Aeugelchen zu den fremden Menschen hinüber.' (Fortsetzung folgt.)
Die Cinwohrrerzahleu der Orte des Kreises Gießen iu den Jahren 1880 uud 1905.
Den Ergebnissen der letzten Volkszählung vom I.^Dezember 1905 wurden bei der Veröffentlichung nur die Zahlen vom Jahre 1900 gegenübergestellt und in Vergleich damit gesetzt. In eiuent solch verhältnismäßig kleinen Zeiträume beruht jedoch sehr ost die Bevölkerungsbewegung kleinerer Orte mehr aus Zusälligkeiten, während man in einem Zeiträume von einem Vierteljahrhundert schon viel eher einen sicheren Maßstab gewinnen und Rückschlüsse aus dis Ursachen der Zu- und Abnahme der Bevölkerung machen kann.
So könnte z. B. die Geburtsziffer an einem kleinen Orte in zwei oder mehreren Jahren verhältnismäßig groß, die Sterblichkeitsziffer dagegen sehr gering sein; dies würde eine Bevölkerungszunahme verursachen. Es könnte aber auch das Gegenteil der Fall sein und dadurch eine Verminderung ' ■ Einwohnerzahl hervor» gerufen werden.
Bei einer Vergleichung der BevölkerunaSzahlen von 1880 und 1905 sehen wir, daß die Orte, deren Bewohner hauptsächlich Ackerbau treiben, säst sämtlich in ihrer Einwohnerzahl zurückge- gangen, oder nur eine geringe Zunahme aufweisen; besonders ist


