Ausgabe 
19.1.1906
 
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Sri. SS

Durchaus, Herr Graf" und wieder verneigte sich Hauuuer.

- Und danüt ist meine Mission beende!. Bis auf eins ..." Er straffte sich die prallen ockergelben Hand­schuhe glatt ....Ich bin ein wenig in Verlegenheit, wie ich mich ausdrücken soll. Ja, das bin ich. Aber schließ­lich spricht alle Welt davon. Die Welt erzählt, daß die verstorbene Madame Rosalöa Peretti einen Teil ihres Ver­mögens für den Theaterbau bestimmt habe. Ist das ivahr? Sie können sich denken, meine Herren, daß es meiner durchlauchtigsten Prinzeß bei dem Ruf, den jene Artistin genoß,, nicht gerade erwünscht sein kann

Aber der Graf sprach nicht aus. Er mußte ver­stummen. Es ging ein rasches Zucken durch den Körper Priestaps, und seine Wangen färbten sich plötzlich tiefrot. Dann sprudelte er hervor, während ein helles Glitzern in seine sanften grauen Augen trat:Herr Graf pardon! Ich bitte, Herr Graf: kein Wort weiter! Lassen sie mich Aufschluß geben, ehe Sie fortfahren. Es ist wahr: Madame Peretti hat für den neuen Theaterbau bedeutende Summen gestiftet. Sie tat dies aus hoher Kunstbegeisterung aus einem edlen Empfinden ihrer großen, für alles Schöne em­pfänglichen und begeisterungsfähigen Seele. Wenn das Ho­heit der Prinzessin nicht paßt, so bedauere ich es; aber ich kann es nicht ändern. Nur. eins noch, Herr Graf. Sie sprachen von dem .Ruf' der Peretti. Sprechen Sie nicht mehr davon nicht vor mir nicht in diesem Tone!.. Er leuchte, und Tränen rollten über seine Wangen . . . Nicht vor mir, Herr Graf denn die Peretti war meine Mutter ich bin ihr Sohn aus legitimer Ehe nicht hinter dem Zaune geboren . . . und ich habe meine Mutter lieb meine arme, arme Mutter! ..."

Das schrie er. Und nun überwältigte ihn Schmerz und Empörung. Es wurde ihm immer schwer, sich zu beherrschen. Jetzt aber heulte er auf und stürzte davon und warf die Tür hinter sich in das Schloß.

Frehlinghaus befand sich in tödlicher Verlegenheit.

Mein Gott", stammelte er,das wußte ich ja nicht, das . . . das tut mir wirklich leid ..."

Mir auch", sagte der Prinz scharf.Herr Baumeister haben Sie die Güte, Herrn von Priestap unser tiefstes und aufrichtigstes Bedauern zu übermitteln. Verlangt er sonst noch eine Erklärung, so soll sie ihm werden. Wir haben höchste Achtung vor einem Sohne, der das Andenken seiner Mutter schützt . . . Frehlinghaus, kommt . . ."

Er reichte Hammer die Hand und drückte sie herzlich. Der Graf streichelte seine Favoris und zuckte nervös mit den Schultern,Es tut mir leid", wiederholte er,mehr kann ich nicht sagen. Jede Kränkung lag mir fern o Gott, hinunelfem ... Es gibt ja auch anständige Damen unter den Mitgliedern des Wintergartens. Nun gewiß doch . . . Herr Baumeister, wir sind daccord. Ganz gehorsamst es war mir sehr angenehm, daß ich Sie sprechen konnte . . . Und sagen Sie dem Herrn von Priestap, es täte mir äußerst leid. Mehr kann ich nicht sagen . . . Aeußerst leid . . ."

Dies wiederholte er noch dreimal, ehe er das Zimmer verließ. Hammer brachte die Herren auf den Korridor. Da stand schon der Diener in Grün und Gold und öffnete die Entreetür.

Au revoir, sagte der Prinz.

Au revoir, sagte auch Frehlinghaus. Dann siel ihm noch etwas Wichtiges ein. Er wandte sich an Hammer zurück und tippte mit dem Finger auf dessen Schlips. Apropos, lieber Baumeister was mir da durch den Kopf schießt: haben Sie nicht Verwendung für eine Schrei­berin? Vorzügliche Handschrift, auch geübt auf der Maschine, korrespondiert französisch und englisch ... können Sie so etwas gebrauchen?"

Hammer bejahte. Er suche sogar augenblicklich einen Ersatz für feine Sekretärin, die sich verheiraten wolle.

Süperb", meinte der Hosmarjchall.Da schicke ich Ihnen die Dame zu. Sie ist ans gutem Hause ein Fräulein von Sorben aber bitterarm, Waise und steht ganz allein. Sie tun ein gutes Werk, wenn Sie sie engagieren. Sie

stenographiert übrigens auch. General von Collin hat sie mir empfohlen"

Frehlinghaus", rief der Prinz, der vorangegangen war, die Treppe herauf,kommst Tu nun endlich?! Ich möchte gern noch Deiner Frau guten Tag sagen."

Bin schon da", rief der Gras zurück.Addio, lieber Baumeister . . . und dem Herrn von Priestap vermelden Sie also, es täte mir herzlich leid. Jeder Mensch kann irren. Die Peretti war vielleicht besser als ihr Ruf. Gott, warum nicht! Es täte mir leid . . ."

Dann ging er endlich. Auf der Straße hielt hinter der Equipage des Baumeisters der Wagen des Grafen. Ein Diener im Waterproof stand neben dem Schlage.

Also Du springst mit zu mir herauf?" fragte Frehling­haus den Prinzen.

Wenn Du huldreichst gestattest. Freda ivollte gern ein­mal eines der neuen Künstlerkabaretts besuchen und ich möchte eine Verabredung mit ihr treffen. Auch wieder nur, wenn Du huldreichst gestattest, Herr Hofmarschall."

(Fortsekung folgt.)

Am Haae des K nchis....."

(Unaufhaltsam enteilet die Zeit, sie sucht das' Beständige, Sei ihr getreu, und du legst ewige Fesseln ihr an.)

Graz! Welcher Zauber liegt für mich in diesem Namen! Wie Frühlingshauch umweht mich die Erinnerung an die selige Zeit, die ich in dieser herrlichen Stadt verleben durfte. Drei Jahre verflogen mir dort in Glück, in Arbeitsfreudigkeit und Frohsinn; inmitten eines gleichgesinnten Freundeskreises blickte ich voll lachender Hoffnung in die Welt, es war ein jauchzender Freuden­tanz der Jugend! Heute, wo schon die abschiednehmende Sonne des Hochsommers über meinem Scheitel steht, greife ich zuweilen in dieRüstkammer des Alters" und suche liebe traute Erinner­ungen hervor, und da verharren meine Gedanken am liebsten bei einer, die sich mir tief und wundersam in die Seele geprägt hat, und die ich, wie ich glaube, hier erzählen darf.

Es war in den ersten Tagen des November 1890; das Stadt­theater unter Leitung Alfred Schreibers, meines unvergeßlichen Direktors, sah einem hochbedeutsamen, die ganze literarische Welt interessierenden Ereignisse entgegen: der Erstaufführung des SchauspielesAm Tage des Gerichts" von Peter Rosegger.

Mir war die Aufgabe zugefallen, die männliche Hauptrolle des Stückes, den Straßl Toni zu spielen, eine der herrlichsten Ge­stalten, die je eine Tichtcrphantasie geschaffen hat. Die, Verant­wortung, die auf mir lastete, war schwer, ich war mir dessen voll bewußt, und das steigerte meine Aufregung, die mich vor jeder neuen, auch der einfachsten Rolle erfaßt, bis zum schütteln­den Fieber, um so mehr, als doch die Proben bereits im notiert Gange waren, und ich mit der Verkörperung des Straßl Toni nicht zurecht kominen konnte. So klar und fest auch der Dichter die Ge­stalt vor meine Augen hingestellt hatte, wo ich sie immer anfaßte, entglitt sie meinen Händen; die furchtbare Erregung trübte mein Empfinden und ließ mich nicht den rechten Ton finden. Rosegger, der den Proben anwohnte, wurde immer einsilbiger, bedenklicher, um nicht zu sagen unwilliger. Bei der Hauptprobe sah ich ihn eifrig mit Direktor Schreiber sprechen und mir vorwurfsvolle Blicke zuwcrfen. Nach Schluß der Probe fragte ich Schreiber uach dem Inhalt seines Gespräches mit dem Dichter, da ich fühlte, daß es meine Leistung betraf, und da erfuhr ich denn für n-ich Ver­nichtendes! Rosegger war gänzlich enttäuscht von meiner Auf­fassung und meinem Spiel und äußerte sich, wie mir Schreiber muteilte, ungefähr so:Der Bauer laßt ja ganz aus; der versagt ja vollständig. Sei' Roll kann er auch nöt sest genug, da reis' ich ab, nach, Wien; heut noch. Das kann und mag ich mir morgen nöt anschau'n". Und richtig: Er reifte ab und Wohnte der Premiere feines Werkes nicht bei, die am folgenden Tag, am 8. November, stattfand. Des Dichters, nur zu be­rechtigter Vorwurf raubte mir alle Fassung. Eine unsagbare Verzweiflung überkam mich Äm liebsten wäre ich davongelaufen, gleichgiltig wohin, nur fort; und in dieser Stimmung ließ ich das mit höchster Spannung erwartete Ereignis heranrücken, wie ein grauenvolles Ungeheuer, das mich in seinem Rachen ver­schlingen will. Das waren entsetzliche Stunden!

Und der gefürchtete Abend ging vorüber. Wie? Das werden sich sicher noch viele Grazer Theaterfreunde erinnern! Es war ein unbeschreiblicher Jubel, ein Triumph. Beifallsstürme durch­dröhnten immer wieder das weite alte Holzgebäude am Carl Ludwig-Ring. Das Stück ergriff, das Stück erschütterte. Der deutschen Bühne war ein großer Dichter erstanden!

Berichterstatter großer auswärtiger Zeitungen schickten die Freudenbotschaft in alle Himmelsrichtungen. Und der Dichter selbst? Er war ferne. Fern von der Stätte seines Ruhmes, er tonnte nicht hören, wie seine Grazer ihm begeistert zujauchzten, er konnte die Rührung und Dankbarkeit nicht glänzen sehen in den Augen feiner Steirer, deren Stolz und Liebe er ist, und daß