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er ferne war, . war meine Schuld. Doch dies SHutdbewußtseiu drückte mich nicht gar zu schwer, wie ich offen bekennen muß. In einem wahren Freudenrausch flog ich zu meinen Freunden in die historische „Loge" im „Johann", wo bis tief in die Nacht hinein die Vorgänge des Abends besprochen wurden.
Ten Abend darauf, es war ein Sonntag — das Haus war natürlich! wieder bis zum letzten Platz ausverkauft — saß Rosegger mit seiner Gattin und seinen Kindern in einer Parterre- Proszeniumsloge: etwas bleich, aber ruhig, fast unbeweglich und wortlos verfolgte er die Handlung auf der Bühne; nach den Aktschlüssen nahm er, von seiner Loge aus sich verbeugend, die stürmischen Ovationen des Publikums entgegen, die wenn möglich noch begeisterter waren, als am Abend vorher. Nach dem erschütternden Schlußakt aber, als der Beifallstumult beängstigend sich steigerte und gar nicht ruhen wollte, mußte der Gefeierte auf die Bühne und von hier aus sich von dem tosenden Begeisterungssturm nmbrausen lassen. — Als der Vorhang zum letztenmal sich senkte, stand Rosegger still bewegt, fast schüchtern Oft und sagte zu den Künstlern, die sich mit Glückwünschen und Tankesworten an ihn herandrängten, mit von Ergriffenheit zitternder 'Stimme schlicht-bescheiden: „Dank, dank Euch Kinder, Ihr habt ia titel mehr gegeben, als ich geben konnte! Tas Stück ts ja gar nöt von mir, das ist von Euch!"
Und damit wandte er sich mir zu und nun kam der Augen- blrck, vor dem mtr bangte, und dem mein Herz entgegenschlug! Wie wird er gegen dich sein, was wird er sagen? Und er, er sagte kern Wort; er ergriff nur meine Hand, nickte gedankenvoll und jah mtr gerührt ins Ange. Und da, wie unsere Blicke Nch trafen, durchschauerte es mich, denn es leuchtete aus diesem durck-getstigten milden Antlitz ein Heiliges, der reinste Wille der Menschheit....
«efe<-r Augenblick ist und bleibt der schönste in meiner dornigen Knnstlerlaufbahn: er allein macht es' mir wert, daß ich Schauspieler geworden.
Frankfurt a. M. Arthur Bauer»)
, *), Vorstehende hübsche Reminiszenz an die Grazer Wirksam- kert Arthur Bauers, des hochgeschätzten und beliebten Mit- SlEs des Frankfurter Schauspielhauses, brachte am 1. Januar 130(5 die sehr umfang- und gehaltreiche, mit vortrefflichen Beitragen von ersten deutschen Schriftstellern und Künstlern bedachte Jubstaumsnummer der „G r a z e r T a g e s p v st" zum Gedächtnis an thre am 1. Januar 1856 erfolgte Gründung.
Hessen-Darmstadts Gebietsvergrößerung in Overhessen im Jahre 1806.
Was der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 an reichs- unintttelbaren Grafen und Herren übrig gelassen, wurde 1806 von Napoleon I. durch! eine zweite Mediatisierung nach Gründung des Rheinbunds beseitigt. In Oberhesscn traf Napoleons Maßregel hauptsächlich die reichsständischen Herren von Solms-Brann- feis, Solms-Laubach, Solms-Lich, Solms-Rödelheim, von Schlitz, von Stolberg und von Riedesel. Sie verloren das Recht der Gesetzgebung, der Obergerichtsbarkeit, der Oberpolizei, der Militär^ hohett und der Erhebung von Auflagen. Ihre Hoheitsrechte gingen auf den neuen Großberzog Ludwig von Hessen über. Eine Rethe vberyessischer Orte wird demnach seine 100 jährige Zugehörigkeit zu Hessen-Darmstadt feiern können. Es wurden 1806 tn den großherzoglichen Staat ausgenommen:
« Eretse Gießen: a) von Solms-Braunfels: Bettenhausen, Btrklar, Tvrf-Güll, Hungen, Holzheim, Langsdorf, Nteder-Bessingen, Nonnenroth, Obbornhofen, Röthges, Billingen. b) von Solms-Laubach: Inheiden, Trais a. Horloff, Utphe. y. »ow Solms-Lich: Bellersheim, Eberstadt, Ettingshausen, Grunmgen, Hattenrod, Sich, Münster! a. d. Wetter, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern.
2- Jur Kreise Büdingen: a) von Stolberg-Gedern: Ranstadt, Usenborn, b) von Stvlberg-Ortenberg: Hirzen- hain. Ortenberg, c) von Venningen: Lindheim.
3. JmKreise Friedberg: a) vom Burggrasentunr F r t e dbe r g: Wtenstadt, Friedberg (Stadt bereits 1802), Mtichen, Ilbenstadt, b) von Solms-Braunfels: Burg- Grafenrod (Solms'scher Mteilh Griedel, Nieder-Wöllstadt, Weckes- Rsvl, Wölfersheim, c) von Solms-Laubach: Nieder-Weisel, Wohnbach, d) von Solms-Lich: Södel, e) von Solms- Rodelhetm: Assenheim (Solms'scher Anteil), Bauernheim, Gambach, Petterweil, Rödelheim, Ossenheim, Wickstadt. f) von
rode: Höchst a. d. Nidder, g) von Frankenstein: Ockstadt, h) von Holzhausen: Beienheim, i) von Löw: Stemfurt, Wtsiclshetm. k) Ganerbschaft Staden: Florstadt. l) von Wetzel: Melbach.
4. Im Kreise Lauterbach: a) von Riedesel: Fleschenbach, Freten-Stetnau, Holzmühl, Hopfmannsfeld, Ilbeshausen, Landenhausen, Lanzenhain, MetzloS, Metzlos-Geheg, Nösberts, Ober-Moos, Radmühl, Reuters, Rixfeld, Rudlos, Salz, Schadges, Schlechtenwegen, Sickendorf, Steinfurt, Stockhausen, Vaitshain, Wallenrod, Wetd-Moos, Wernges, Wünsch-Moos, Zahmen, b) von Schlitz: Bernshausen, Fratt-Rombach, Hartershausen, Hutzdorf, Rieder-Stoll, Ober-Wegfurth, O.ueck, RimbaA >p>andlof,Schlitz,
Uellershausen, Uetzhausen, Unter -Schwarp, Unter-Wegfurth, Wrllofs.
5. Im Kreise Schotten: a) von Solms-Laubach- Freien-Seen, Gonterskirchen (?), Lardenbach, Laubach, Ruppertsburg, Wetterfeld, b) von Solms-Rödelheim: Einartshausen. c) von Stolberg-Gedern: Gedern, d) von Stol- berg-Ortenberg: Mittel-Seemen, Nieder-Secmen, Ober- Seenten, Steinberg. —e—.
Die Königin von Essen.
Es entbehrt nicht eines gewissett Reizes, sich aus französischen Blättern über Deutschland zu informieren. Sv war kürzlich über das von fürstlichem Prunk umhüllte Leben von Mademoiselle Berta Krupp, „der Königin von Essen", zu lesen: „Sie wird so von ihren 500 000 Untertanen, das heißt von den 40 000 Arbeitern der Fabrik Krupp und deren Familien, die insgesamt 200 000 Personen umfassen, umgeben, und überdies von den 300 000 übrigen, die die Familien der zahlreichen Lieferanten (sour- nisseurs) repräsentieren. Diese halbe Million steht vollkommen unter der Abhängigkeit von Fräulein Berta Krupp, die eine der einer Souverünin gleiche Macht ausübt. Tie Königin von Essen hat eine Armee, um die sie manch, deutscher Fürst beneidet, die unter dein Namen „Brandwache" e-n vollkommen diszipliniertes Truppeukorps von tausend Mann bildet, die ebenso gut bewaffnet sind wie die Soldaten des Kaisers, die ihm gegebenenfalls zu Hilfe eilen können. Schildwacheu mit geladenem Gewehr stehen auf der Terrasse des Schlosses, Tag und Nacht machen Patrouillen die Runde.... Wie Elisabeth von England verweigert Fräulein Berta Krupp allen'Bewerbern ihre Hand. Ihre Einnahmen haben sich in der letzten Rechnungsperiode auf ungefähr 16 000 000 Francs belaufen. Die Fabrik mit ihren Reserven ist allein eine halbe Milliarde wert, dazu kommen noch die Einnahmen aus den Eisenbahnen, Telegravheu, Telephonen, Bäckereien, Schlachthäusern, Magazinen aller Art, Gasometern, die alle der Königin gehören."
Staunend schließt der Autor: „Man meint ein Märchen von Grimm zu hören, und doch gibt es keine wirklichere Wirklichkeit!"
Hierzu bemerken die „Münchener Reuest. Rachr.": Hoffen wir, daß die in „voller Abhängigkeit von Fräulein Berta Krupp" schmachtende halbe Million sich bald mannhaft aus- rafst, um ein konstitutionelles Regime durchzusetzen und den übertriebenen 'Armeerüstungen und Großmachtgelüsten von Fräulein Berta Krupp entgegenzutreten. Nur unter einem solchen Regime wird die Liebe zwischen Fürstin und Untertan gedeihen. Dann braucht sie sich auch nicht mehr durch bis an die Zähne bewaffnete Schildwachen beschützen lassen, sondern sie wird wie Eberhard der Greiner ihr Haupt der Obhut jedes getreuen Untertanen anvertrauen können!"
Wir fügen dem hinzu, daß wohl wenige, denen so immense Reichtümer zur Verfügung stehen wie den Hinterbliebenen des unglücklichen Krupp, von so außerordentlicher Schlichtheit und Bescheidenheit in ihrem Auftreten sind als gerade die Damen Krupp. Daß die Witwe Krupps, übrigens eine Tochter des vormaligen rheinischen Ober- prüsidenten von Ende, noch am Leben ist, weiß der Franzose ebensowenig, als daß Fräulein Berta noch eine jüngere Schwester hat.
Literatur, Kunst und Wissenschaft.
— „Di e Skizze" nennt sich eine neue, im Verlege von Dr. P. Langenscheidt in Groß-Lichterfelde bei Berlin erscheinende „illustr. Zeitschrift für literarische Kleinkunst". Jedes Heft ist für sich! abgeschlossen und kostet 50 Pf. Ernst Frhr. v. Wol- zogen ist der erste der Mitarbeiter. „Ter Trottel und das Gansl" nennt er die rührende kleine Geschichte, die das Heft einleitet. Der Dichter erzählt die Liebesgeschichte von einem jungen ungarischen Grafen, einem Halbidioten, der als Leutnant in einem Wiener Kavallerieregiment steht und regelmäßig in militärisch ernsthaften Zeiten „krankheitshalber" beurlaubt wird. In Meran lernt er denn während einer seiner Mußkrankheiten eine schwindsüchtige junge Wienerin, die Gattin eines Industriellen, ein zwar dummes aber schönes Gansl, kennen und lieben. Tie Unterhaltung zwischen beit beiden besteht zumeist darin, daß er das Fröschequaken verblüffend getreu nachahmt, worüber sie sich köstlich amüsiert. Aber die Liebe reibt das junge kranke Weib vollends auf, und während sie dem gewissen Tode entgegengeht, schießt er sich eine Kugel durch den Kopf. — Es folgen nicht weniger als ein Dutzend ähnlicher kleiner, fein gemeißelter, mit Geschmack vorgetragener Geschichtchen vmr her


