Ausgabe 
18.8.1906
 
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Hauptwaffenplatz von Obergermanien gemacht haben, so muß dies darin seinen Grund haben, daß die einheimische Stedelung von Moguntiacum, die sie bei der Besetzung des Landes vorfanden, besonders zweckmäßig gewesen ist. Ties war offenbar schon früher die Stelle engster Be­rührung zwischen Galliern und Germanen. Ein uralter Weg führt von der Weser über Gießen, Butzbach und den Taunus nach dem Untermaintal, dort sich vereinigend mit der Straße, die von Thüringen her zwischen Rhön und Vogelsberg über Marköbel dem Rhein zuzieht, zwei Linien, denen die beiden Schienenstrecken KasselFrankfurt und BebraFrankfurt annähernd entsprechen. Jene genannten Wege also fanden die Römer vor und nur sie konnteu ihnen für ihre Operationen gegen die Chatten dienen. Fabricius unterscheidet in der Geschichte des röm. Mainz 3 Perioden, und zwar nach Maßgabe davon, ob sich das Reich bis zum Rhein oder darüber hinaus erstreckte: In der 1. Periode nach den: Scheitern des Vorstoßes bis zur Elbe bilden Rhein und Donau die Grenze von 9 n. Chr. bis zirka 70. Auf diese ist das Reich in der 3. Periode wiederum be­schränkt; dagegen geht es in der 2. (Zeit der Flavier bis Gallienus 70256) bis an den Limes, also bis tief nach Deutschland hinein.

Während der 1. Periode bildeten 2 Legionen (12 000 Mann) und etwas Reiterei, dazu Hilfstruppen aus Nicht­römern, zusammen etwa 15 000 Mann, die Besatzung von Mainz; dazu kam dann noch eine Abteilung der Rhein­flotte. Die südlichen Teile der obergermanischen Provinz deckten damals je 1 Legion in Straßburg und in Windisch (Schweiz).

Zwischen diesen Hauptwaffenplätzen und bis zur Grenze von Obergermauieu am Vinxtbach (rheinabwärts von Andernach) waren Auxiliarabtcilungen in kleineren Kastellen untergebracht; so in Worms, Bingen, Andernach und anderen Lagern, deren Zahl und Lage nicht immer dieselbe war, da die Bewohner des rechten Rheinufers, gegen die sic errichtet waren, noch nicht durchweg seßhaft waren und ihre Sitze wechselten. Auf dem rechtsrheinischen Gebiet saßen fast nur Germanen. Einst gab es in Ober­deutschland blühende keltische Siedelungen, jetzt war das Land öde und verlassen. Daher kommt es, daß das Straß­burger Lager lange unbesetzt blieb. Anders stand es mit unserer Gegend, wo die Mattiaker und Chatten die ge­fährlichsten Feinde der Römer waren. So wurde denn gegen sie die Grenze gegenüber dem Mainzer Legionslager über den Rhein hinübergeschoben bis Wiesbaden, Hofheim, Hed­dernheim als Außenposten der großen Festung, in und bei der während der ersten Periode die Hälfte des ober- germanischen Heeres lagen.

Die Erfahrungen des Jahres 70, in dem die Chatten die Kastelle Wiesbaden und Hofheim zerstörten, über den Rhein drangen und Maiuz belagerten, veranlaßten eine Neuordnung des Grenzschutzes. Damals wurde die Straße vou Straßburg nach Rottweil a. Neckar gezogen, um die Truppenlager ont Rhein mit denen an der Donau zu ver­binden; eine neue Legion in Straßbing und Kastelle deckten diese Linie. In den achtziger Jahren würde dann Mainz nut Augsburg direkt in Verbindung gesetzt durch eine Etappenstraße. Eine solche Militürstraße nannten die Römer mit dem FachausdruckLimes; diese tief vou Kastel aus über Kostheim, Groß-Gerau, Heidelberg, Cann­statt entsprechend der heutigen Bahnlinie über Göppingen, Urspring, Heidenheim nach Jaimingen an der Donau. Bon' den die Straße schützenden Forts war Groß-Gerau in dieser Periode besonders wichtig. Bedeutungsvoll für unsere Gegend war das Jahr 83, wo der Kaiser Domitian, der damals selber einen großen Feldzug gegen die Chatten stihrte, die Grenze vom Taunus hinüberverlegte bis zu den Vorhohen des Vogelsbergs und sie durch Erdkastelle und Wachtturme sichern ließ. Wie nämlich der Militärschrift­steller Frontin berichtet, griffen die Chatten zu Beginn dieses Krieges die römischen Truppen von ihren Schlupf­winkeln im Gebirge unversehens an, um sich ebeuso plötz­lich und ungehindert wieder zurückzuziehen. Durch die Anlage von 180 MeilenLimites" machte nun der römische Kaiser biefe germanischen Ueberfälle unmöglich und ent­blößte ihre Zufluchtsstätten. Auch hier sind unter Limites wiederum Militürstraßen zu verstehen, die sich strahlen­förmig nach dem feindlichen Gebiet hin auseinander­zweigten. Was wir über die ältesten Wege unserer Gegend wissen, verdanken w.ix meist der Inn gen Forscherarbeit des

Professors Wolff in Frairkfurt. Dieser hat drei verschiedene Straßensysteme in- und übereinander gefunden. Da ist 1. ein vorrömisches Wegenetz, dessen Hauptlinien schon er­wähnt wurden, 2. ein frührömisches, das nur die stra­tegischen Punkte, die Kastelle, verbindet, und 3. das spätere römische, das auf die inzwischen aufgeblühten bürger­lichen Niederlassungen Rücksicht nimmt. Die älteren Römer­straßen schließen sich an die Kiesstraße an, die von Kastel her parallel dein Taunus nach Butzbach zieht. Während aber der vorrömische Weg unmittelbar am Fuß des Taunus her läuft, führten die Römer den ihrigen mitten durch die Wetterau, weil die alte Völkerstraße vou den Taunus­höhen beherrscht und daher durch die Germanen bedroht war. Die neue Straße würbe gedeckt durch die Kastelle Heddern­heim, Okarben, Friedberg, vielleicht auch Arnsburg; von diesen Punkten gingen wiederum Seitenstraßen aus. Tie Anlage dieser großen Chaussee samt deu Kastellen er­forderte die Heranziehung ungewöhnlich starker mili­tärischer Kräfte, aber nur so konnte man hoffen, die Rhein­grenze dauernd zu sichern. Dazu gehörte aber noch außer­dem, daß man die Pässe. des Taunus besetzte, befestigte, mit Feldwachen belegte und untereinander verband. Nach Beendigung des Krieges überlieh man das besetzte Gebiet mit seinen Kastellen der Bewachung durch Auxiliartruppen. Sie waren gewissermaßen nur die Feldwachen, denen er­forderlichenfalls mit größter Schnelligkeit die Linien- truppen der Mainzer Garnison auf den angelegten Limites zu Hülfe kommen konnten. In der gesicherten Verbindung von Mainz mit jeder Stelle des rechtsrheinischen Okku- pationsgebiet lag eben dessen wirksamster Schutz.

Ob man damals schon die Grenzlinie selbst als Limes bezeichnete, ist nicht ausgemacht, später tat man es jeden-, falls.

War so durch die Okkupation der Wetterau deck Chatten die Möglichkeit genommen, unversehens die Rhein­linie zu überschreiten und Mainz zu bedrohen, so galt es auch weiter flußabwärts durch Besetzung des rechten Users die Germanen von: Strom feruzuhalten. Deshalb biegt der Limes, nachdem er etwa vom Winterstein an ungefähr in südwestlicher Richtung über die Höhen des Taunus hin­gelaufen ist, bei Langenschwalbach nach Südwesten nnt und steigt, das Aar- und das Mühltal schneidend, die westlichen Taunusabhänge hinab zur Lahn, die er ein Stück oberhalb Ems trifft. Freilich au diesem Abschnitt ist nichts vou einer Reihe von stark befestigten Kastellen und von einem weit­verzweigten römischen Straßennetz zu bemerken; ein Kastell, Marienfels, genügte in der domitianisch-Lrajauischen Zeit und was die Wege anlangt, so benutzten die Römer die Vorgefundenen, die sie höchstens stellenweise etwas aus­führten. Der Rhein von Mainz bis Koblenz war nämlich von Natur vor Uebcrfüllen der Germanen von Norden her ziemlich sicher. Denn die zahlreichen, tiefeiugeschnittenen! Seitentäler, die von der Höhe des Taunus kommend die Abhänge in der Richtung nach Nordwesten durchschneiden, machen den Anmarsch an dieser Seite des Gebirges ent­lang fast unmöglich, und die hohen Talwände des Rheines in dein Abschnitt zwischen Mainz und Koblenz erschweren das Uebersetzen über bei: Flnß. Dazu kam, daß die von Nordosten nach Südwesten marschierenden Germanen von der Mainzer Garnison in der Flanke bedroht waren und von ihrer Rttckzugslinie abgeschnitten werden konnten.

Umsomehr mußten aber die Römer ihre Aufmerksam­keit dem Grenzabschnitt nördlich der Lahnmündung zu- wendeu. Bon Koblenz ab nämlich weitet sich das vorher so enge Rheintal zu einer geräumigen Ebene, dem sog. Neuwieder Becken ititb die Legionen hatten, um vou Mainz hierher zu kommen, im Falle eines feindlichen Angriffes vier Tagemärsche zurückzulegen und zwar auf bem linken User, an bem allein eine römische Chaussee hcrlief, sodaß es leicht vorkommen konnte, daß sie den Rhein angesichts der Feinde überschreiten mußten. Gerade im Neuwieder Becken aber waren germanische Einfälle zu gewärtigen, in das aus dem inneren Deutschland uralte Völkerwege eiu- münden und Wo ein Uebergang über den Fluß leichter war. Nirgend sind daher die Auxiliarkastelle dichter gedrängt als hier. Mle jedoch hat man möglichst nahe am Rhein angelegt, um so im Falle der Gefahr die Vereinigung mit den Mainzer Legionen zu erleichtern. Die Grenze selbst wurde aber so gezogeu, daß alle Niedergänge vom Wester­wald zum Rhein (Wiedtal, Sayntal usw.) gesperrt wurden;