Ausgabe 
18.8.1906
 
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Della", keuchte er,Della Brandt, du cntkouimst mir nicht! Und wenn du mich schwach gesehen diese wahn­sinnige Liebe zu dir hat mich soweit gebracht."

Er versuchte, sie an sich zu reißen.

In diesem Augenblick wurde leise an die Tür gepocht. Er zuckte zusammen, dann wie in einem letzten Liest von Selbstbeherrschung trat er einen Schritt zurück und nahm eine ruhige Haltung an.

Blitzschnell vollzog sich dieser Vorgang. Ein verächt­licher Blitz streifte ibn.

Komödiant!" stieg eZ wieder in ihr auf, ehe sie mit lauter Stimme rief:Herein!"

Der Zimmerkellner meldete den Besuch des Herrn Doktor Hübner.

Ich lasse bitten", das waren die letzten Worte, die sie noch mit einiger Fassung hervorzubringen vermochte.

Mit einer tiefen Verbeugung verabschiedete sich WittelS- bach. Sein Bück suchte den ihren. Vergebens. Ohne ein Wort iveiter zu sprechen, war er gegangen und hatte den: anderen Platz gemacht.

In der Tür hatten sie sich fast gestreift. Sie kannten sich beide nicht. Kaum halte aber Wittelsbach das Zimmer verlassen, als Adele laut anfweinend zusammcnbrach.

*

Ilm Vormittag des nächsten Tages hatte die Frau Justizrat Handtke eine Auseinandersetzung mit dem Kantor Brandt.

Ihr seid wohl toll geworden?" fragte sie ihn,jetzt, wo Della auf der Höhe des Ruhmes angelangt, eine monate­lange Unterbrechung eintreten zu lassen. So etwas muß man ausnulzen! Wegen des bißchen Nervosität ... die hat jeder Künstler; gerade das ist unerläßlich! Ich verstehe Euch nicht. Was denkt Ihr eigentlich? Glück und Eriolg sind launenhaft, und wenn man sie nicht festhält, ent­fliehen sie."

Ja, aber der Arzt meint doch, liebe Schwägerin . . ."

Der Arzt, der Arzt welcher Arzt? Habt ihr eine große Autorität zu Nate gezogen . . . konnnt da so ein erster, bester, junger Doktor und sagt, sie solle vorläufig nicht mehr singen, und natürlich glaub! man's. Lächerlich'! Der Arzt . . ."

Doktor Hübner ist ein sehr tüchtiger Arzt! Wir kennen ihn von Jugend auf, und sein Vater, der Kreisphysikus, ist in der ganzen Gegend bekannt und verehrt."

Natürlich! Da hat man's. Von Jugend auf! Diese Jugend ist ihr Unglück."

Ich mnß doch bitten, liebes Hannchen", sagte er verletzt.

Lieber Himmel, Schwager, Ihr seid eben Kleinstädter, versteht nichts von der Welt und solltet Gott danken, daß Ihr mich habt! Eine Seele, die bei Eureln Idealismus auch ans Praktische denkt. Stelle dir doch vor, wenn man so etwas nicht ansnutzt ... du hast es doch selbst mit an­gesehen, diese Begeisterung, und man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Gestern den ganzen Tag und heute schon in aller Frühe ... die Füße laufen sich die Agenten bei mir ab ... . einer wartet immer auf den anderen, die größten Impresarios, und was sie Della für Anerbietungen machen und was sie mir bieten ..."

»Dir, Hannchen?" fragte er ganz erstaunt.

Natürlich! Provision für die Verniittlung I Sie missen doch alle, daß sie bei mir im Hanse war, und denken: Gott weiß, was ich drcinzureden habe wie sichs auch gehörte, wenn man jahrelang solche Opfer bringt . . . und nun ..." Ihre Stimme klang fast weinerlich und sie tat ihm leid, ob­wohl er sie eigentlich nicht ganz verstand. Er versilchte da­her, sie zu beruhigen:

Wenn sie nun aber nicht soll, Hannchen?"

Wer sagt das?" fuhr sie auf.

Nun eben der Doktor! Ec sagt, ihr Nervensystem sei ganz zerrüttet, sie brauche unbedingt Schonung . . ."

Ach, Unsinn! Uebertriebcne Besorgnis. Sie kann doch nicht zetzt gerade zur Saisyn, in der sie Hunderttausende hätte

: verdienen können, sich zurückziehen. So etivas ist unerhört, sie macht sich unmöglich für immer; ist erst das Interesse geschwunden, so ist es sehr schiver, es ivieder zu ivecken."

Aber warum nicht?"

Das verstehst du nicht! Anderes, Neues tritt an ihre Stelle. Wer sich selbst aufgibt, dem trauern die anderen nicht nach."

Was soll danii aber geschehen?" rief er, ganz ein» geschüchtert durch ihre Erregtheit.

Singen soll sie . . . auftrcten ... die glänzenden, grandiosen Engagements annehmen, die man ihr bietet. Ich iveiß nicht, Schwager, ivas Ihr Euch denkt . . ."

Ich denke mir, man muß tun, ivas der Arzt rät, und ihre Gesundheit ist die Hauptsache."

Und was sagt dann Della?"

Gar nichts sagt sie. Das ist cs ja eben. Als ich gestern abend nach Hause kam, nachdem ich mich von dir und Lucie getrennt hatte, iveil ihr noch zu Luciens Freundin ginget, fand ich das arme Dellchcn auf dem Ruhebett totenblaß und mit gefetteten Händen daliegen wie ein müdes, krankes Kind. Ich erschrak fürchterlich. Ich hatte sie ganz ivohl verlassen und konnte die Veränderung gar nicht begreifen. Zum Glück ivar Doktor Hübner da, der sagte, sie bedürfe der absoluten Ruhe. Ich solle gar nicht mit ihr sprechen; sie hätte eine heftige Gemütsbewegung gehabt, auch die Aufregungen und Anstrengungen der letzten Tage hätten ivohl ihre Kräfte über- ftiegen, und so sei dieser Zustand zu erklären. Sie würde sich wieder erholen, aber zunächst sei gar nicht daran zu denken, daß sie wieder aliftreien könne, noch überhaupt irgend einer Beunruhigung ausgesetzt werden dürfe. Sie solle auch niemand sprechen, nnd das Beste wäre, so schnell ivic mög­lich abzureisen."

Und und . . . was werdet ihr tun?"

Was er rät! Ach, hätte ich sie mir erst daheim in Bernstadt. In Mutters Pflege ivird sie sich schon erholen. DaS ist ja kein Wunder, daß sie zusammenbrach; das hält ja kein Mensch aus."

(Fortsetzung folgt.)

Mainz und der

Nicht viele Gegenden wird es in Deutschland geben, in denen der verschlungene Gang der Geschichte eine solche Menge von Spuren und Denkmalen hinterlassen hat, lute in der unsrigen. Mag man an dre zahllosen Grabhügel im Um­kreis von Gießen denken, an die großen Ringwälle des Tüus- bergg ober an die großen Bauwerke aus dem Mittelalter, wie Arnsburg, Münzenberg und die Dome von Wetzlar und Marburg. Eiu Denkmal jedoch können wir aufweisen, das zwar nicht durch romantische Schönheit die Augen des Durchreisenden auf sich zieht, sondern nur dem spähen­den Blick des Heimatkundigen sich zeigt, und das vielleicht doch das gewaltigste und wnuderbarste ist in unserm Land, ich meine den Limes, den Pfahlgraben. Seit ungefähr einem Jahrzehnt hat man von reichswegen die Erforschung dieses römischen Grenzwalles energisch in An­griff genommen, und ein Sohu unserer Gegend, Professor Jabrieius-Freiburg (sein Vater war Amtmann in Arns­burg) steht mit an der Spitze der Arbeiten der Reichslimes- komrnission. Was sie in jahrelangen Ausgrabungen und Forschungen gewonnen, hat für die Geschichte der römischen Grenze in Mittel- und Süddeutschland, das hat Fabricius kürzlich in einem zu Mainz gehaltenen Vortrage übersicht- llch dargestellt.

Die Anlage des Limes ist, so führte der Redner ans, nur zu verstehen, wem: wir sie von Mainz aus betrachten, dem Mittelpunkt der Herrschaft der Römer in Deutschland. Von Mainz aus haben sie das rechtsrheinische Land erobert, von dort aus haben sie den Limes gebaut, dort lag die Generalreserve für die Kastelle des Okkupationsgebietes. D:e Lnnesanlagö ist nur zu begreifen, wenn man errät, was die Oberbefehlshaber der obergermanischen Truppen bannt gewollt haben. Die Arbeit, bie die Soldaten mit ber Erbauung der Straßen nnb ber Aufführung ber Grenz- befesngnngen geleistet haben, ist eine gewaltige; verbient "ber auch ber Plan ber Strategen, bie sie veranlaßten, innere Bewunberung? Wenn bie Römer gerabe Mainz zum'

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