Samstag den 18. August
Wr. 121
1906
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Der §fern.
vornan von Ulri ch Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Vor einigen Tagen noch — hätten sie vielleicht auf sie gewirkt, wie so oft früher, wenn er rote ein Priester vor ihr stand und von der Weihe ihres Berufes, von der Erhabenheit ihrer Mission sprach. Sie hatte ihm so gern geglaubt War cs doch das einzige, rooran sie sich anklammerte in der Herzenseinsamkeit, die sie nm sich fühlte, seit sie in die Frentde gegangen.
Damals gab er ihr damit etroas, einen Zweck, ein Ziel, eine Hoffnung. Und je mehr sie wuchs und sich entfaltete, desto heißer und inniger griff sie danach und versuchte sich von dem zu befreien, was der Grundton ihres Wesens ivar, bis das kleine, versunkene Glöckchen in ihrem Herzen keinen Latch mehr von sich gab. Sie wähnte cs stumm und still, übertönt von den schrillen, grellen Klängen des gcroaUigen Lebens; von den gellenden Posaunentönen des Erfolges!
Aber heut' mitten hinein in diese aufrauschendcn Melodien, in diesen Jubelhymnus des Triumphes, die gerade in diescit Tagen sie umbrausten, klang plötzlich ganz leise das kleine Glöckchen an. Silbern und weich und rührend, und während er zu ihr redete in eindringlich betörenden Worten, ertönte cs deutlich und vernehmbar in ihr tviedcr,
„Glaub' ihm nicht, es ist nicht wahr, es ist nicht wahr."
Tas ivar die Heimat.
Ein kleines, graziöses Liedchen, das sie gesungen, zu Hause, als von Bühne und Kunst und all dem großen Zauber noch nicht die Rede war.
Es ivar das Lieblingslied von Karl Viktor itnb Hans Hübner. Niemals wurden sie müde, es ztt hören; und rocntt sie ihnen eine besondere Belohnung für einen ritterlichen Dienst zu eriveisen hatte, in denen die beiden Gefährten sich nicht genug tun konnten, und sie bann nachmittags ober abends bei Kantors waren und baten: „Sing’ ein Lied, Drlla!" da klang es süß und schelmisch: „Glaub' ihm nicht, es ist nicht wahr, cs ist nicht wahr ..."
Sie lauschte.
Silbern, weich, rührend — und eine unsägliche Wehmut beschlich ihre Seele.
Das wollte er ihr rauben ?
Sie lächelte, als sie daran dachte, mitleidig beinahe. Dcr Tor! Mochte er reden. Es war gut so. Einmal mußte doch alles gesagt werden, und so verharrte sie schweigend, ohne von ihren Gedanken etwas zu verraten. Und er sprach weiter:
„Frei sollst du sein! Nicht eingeengt durch Familien- bände, wie immer sie seien, dir allein sollst du gehören! Aber mir, mir sollst du aus der Fülle deines Reichtums schenken, wonach ich dürste, wonach ich lechze — dich! Frei sollst du sein und doch — mir gehören! Jedesmal aufs neue dich mir weihen, jebesmal aufs neue das Göttergeschenk mir barbringen. Ein freies, befreites Gebundensein, wie cs denen zicmt, die auf einem Lager von Rosen und Lorbeeren die göttlichen Glieder hinbchncn und, wenn sie aufrecht stehen, mit ihren Stirnen die Himmelspforten berühren."
Ein mtheimliches Feuer loderte in seinen Blicken. Ihr graute. Sie war emporgcsprungen und hielt die Hände wie abwehrend von sich gestreckt, als er an sie noch näher hercm- ztttretett versuchte.
In seinen Augen lauerte etwas Fürchterliches, und ein irres Lächeln zuckte um seine Lippen.
„In Freiheit sollst du mein fein, Della! Hörst du! Solange es uns freut. Nicht durch ein sakramentales Musi gebunden — Madonna!"
Sie machte unwillkürlich eilte gebieterische Hcmdbewegung. Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu, sic fühlte mit grauenvoller Klarheit, daß der Wahnsinn aus ihm spreche. Dcr Wahnsinn, dcr die Menschen befällt, die in dünkelhafter Ucber- hcbung Maß und Nichtschnur verlieren für das, was in der Natur der Erdgeborenen ihr sterblich Teil ist. Einen Uebcr» menschen dünkte er sich. Sie hatte das Wort ost von ihm gehört, mit vernichtendem Hochmut angcroenbet. Damals hatte sie seinen Worten gelauscht wie Offenbarungen und sich ihnen gebeugt in willenloser Schwäche. — Das war die faszinierende Macht, die er über sie hatte, die Suggestion, der sie unterlegen — ein Angstschrei entrang sich ihren Lippen, da lag er vor ihr auf dem Teppich, hatte ihr Gewand umklammert und winselte, heulte und ächzte.
Wie ein Hund — der Held.
Tahin also führte es.
Und bis ganz dicht an den Abgrund hatte er auch sie geschleppt!
Wenn das kleine Lied in ihr nicht ertönt wäre zu rechter Zeit?
Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust.
Wie jammervoll, wie erniedrigend war sein Los!
Sie ivagte nicht, sich zu rühren; sie war ganz allein
mit ihm, niemand in dcr Nähe.
Einige bange Augenblicke vergingen. Dann erhob er
sein Haupt und sah sie an. Was er in ihren Mienen
gefunden, hätte ihn ernüchtern müssen. Mitleid und Abschctt l
Aber er ivar von Sinnen, sprang empor und umklammerte ihre Hand mit eisernem Griff.


