Ausgabe 
18.7.1906
 
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allen Dingen auch die durchfahrene Strecke einer sorgfältigen Beobachtung zu unterziehen.

Erfüllt somit keine Lektüre in so einfacher Weise wie diese das Postulat, die in Ermüdung begriffenen Augen z-u schonen und bei Normalsichtigen einer wechselnden Abspannung der Akko­modation der Augen zu dienen, so sind noch höher einzuschätzenl die ethischen Vorzüge, denen das Lesen dieser Bücher dient. Auf diese seien alle diejenigen verwiesen, die den ausgeführtcn oph- thalmohygienischen Gesichtspunkten keine größere Bedeutung bei­messen möchten. Gehört doch die Ethik int weitesten Sinne auch zur Hygiene.

An der Hand solcher Führer wird niemand in Zukunft blind durch unser schönes deutsches Vaterland reisen. Es wird nicht mehr vorkommen können, daß von allen Insassen eines Wagen- Abteils kein einziger weiß, wie der Fluß heißt, welcher uns fast eine Stunde lang auf unserer Fahrt begleitet; ob das Quellgebiet, welches wir soeben in großen Kurven und Tunnels passieren, zur Saale oder zum Main sein Wasser sendet; ob der Höhenrücken, den wir eben passieren, die Wasserscheide zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meere bildet; welche Rolle in der deutschen Geschichte jene Burg, deren Trümmerrestc von steilem Felsenhange auf uns herniederschauen, einst gespielt hat. Auch über Landbau, Industrie, alles geographisch, geologisch und volkswissenschaftlich Wissenswerte unterrichten uns dies: Bücher, und so geben sie auch dem Kreise der Insassen, die nicht gerade so glücklich sind, sich an der Lektüre zu beteiligen, oft ein willkommenes, anregendes und belehrendes Gesprächs­thema.

Unser deutsches Vaterland mit seiner so ruhmreichen und manchmal so verhängnisvollen Geschichte, seiner so verzwickten Staatenbildung beansprucht schon ein gewisses Sichhineinlebeu, um alles Gewordene richtig zu deuten und zu verstehen. Und derjenige, welcher seine Geschichte versteht, wird es um so mehr schätzen und lieben lernen. So dienen diese Bücher der Liebe zu deutschem Wesen, der Liebe zu unferm Vaterlande, welche eine Quelle alles Edlen und Guten ist.

Wir Bahnärzte haben wahrlich allen Grund, so viel es uns niöglich ist, vom hygienischen und ethischen Standpunkt diese Bücher als Lektüre zu empfehlen, und so oft wir eine längere Reise machen, zunächst den anderen Mitreisenden mit gutem Bei­spiel voranzugehen.

Die Eisenbahnbuchhändler haben an der Verbreitung der Hefte kein allzugroßes Interesse, da sie an manchen andern Büchern und Zeitungen, die sie absetzen, wohl bessere Geschäfte machen Mögen. ___________

Diplomaten im Unterrock.

Unter diesem Titel bespricht ein amerikanischer Schriftsteller in einer Zeitschrift die Rolle, die die Frauen in der Politik und insbesondere in der Diplomatie gespielt haben. Da sind zunächst jene Frauen von Diplomaten zu betrachten sie sind gar nicht so selten, wie man glauben sollte die, wie sie das Regiment im Hause führen, von ihren Gatten auch in deren Geschäfte eingeweiht und so ihre Mitwisserinnen und Mitarbeite­rinnen werden. Man weih von Beispielen zu erzählen, wo die Frau Botschafterin in Wirklichkeit der eigentliche Botschafter war bezw. ist, und ein klassisches Beispiel aus der Vergangen­heit ist in dieser Reihe das der Fürstin Dorothee Lieven, die für ihren Mann die Berichte schrieb, als er russischer Bot­schafter in London war. Ueber die Wirksamkeit dieser Frau ist allmählich eine ganze Literatur erstanden. Der Fürstin Lieven schrieb man einen Teil der Schuld an der Besiegung der Russen im Krimfeldzuge zu, weil sie den Zaren Nikolaus L, mit dem sie ständig korrespondierte, in dem Glauben bestärkt hatte, Na­poleon III. werde es niemals zum Kriege kommen lassen. Sehr viel bedeutender ist die Einwirkung einer Anzahl gekrönter Frauen Europas auf den Gang der Politik während des letzten Jahrhunderts gewesen. Die Königinnen Viktoria von Eng­land, Luise von Dänemark, Sophie der Nieder­lande, die Kaiserin Eugense, die Zarin-Mutter von Rußland wären hier neben Anderen zu nennen, aber noch entziehen sich zu allermeist die von ihnen am Webstuhl der Geschichte gesponnenen Fäden der Erforschung. Much der Prin­zessin Clementine von Kobnrg müßte unter dieser Ru­brik gedacht werden, die den bulgarischen Thron ihres Sohnes Ferdinand errichten und befestigen half. Daß es in Berlin nicht an Salons,fehlt, wo man des Nachmittags, zwischen zwei Tassen Tee,. politisiert und diplomatisiert, das kam jüngst bei der Ver­abschiedung des Herrn von Holstein zur Frage, dessenEgeria" die Geheimrätin von Lebbin, namentlich von den ausländi­schen Diplomaten und von der, guterTips" bedürftigen Haute- Finance wie eine Herrscherin umschmeichelt wurde. Seit Gam- betta dem Salon der klugen, aber verschrobenen Madame Ju­liette Adam durch seine Anwesenheit die Weihe gab, bat man in Paris nichts mehr von einem politischen Salon von wirklicher Bedeutung, gehört. Dagegen ist es kein Geheimnis, daß an der Themse seit. der Thronbesteigung König Edwards VII. in den Hausern einiger, sehr vornehmer Damen, wie der Herzogin

von D eponshire und derMarchioneßofLansdowne an entern Wende oft mehr Realpolitik getrieben wird, als in zehn Parlamentssitzungen. Ein weiteres amüsantes, stellenweise vielleicht auch ein Ivenig schlüpfriges Kapitel wäre schließlich den oft sehr verführerischen und von Haus aus auch sehr vor- uehmen Abenteuerinnen zu widmen, die als Spioninnen ihre Kräfte in den Dienst eines Staates stellen, um den Würden­trägern eines anderen Landes ihre Geheimnisse mit List und Liebe zu entlocken. Hier würde es am schwierigsten sein Märchen und Wahrheit zu entwirren. Was besonders in Frank­reich über angebliche Spioninnen erzählt und geglaubt word.-n ist, die Bisinarck vor und nach dem Kriege in Paris unterhalben habe, gehört gewiß durchweg ins Reich der Fabel. Ungeheures Aufsehen erregte um 1880 der Fall des franz. Kriegsministers Generals de Cissey, der in die Netze einer solchen politischen Sirene, der Baronin von Kaulla, geriet. Aber daß diese skrupel­lose Schöne im Solde des vielgefürchteten Monsieur de Bismarck gestanden hätte, wie auch jener eingangs erwähnte amerikanische Autor jetzt den Franzosen nachschwätzt, ist niemals erwiesen worden.

Die russisch-b altisch e Fr ag e". Unter den jüngsten revolutionären Bewegungen in Rußland nehmen die Ereignisse in den russischen Ostseeprovinzen, neben denen in Polen, eine eigenartige Stellung ein: es treten hauptsächlich nationale Be­weggründe in die Erscheinung. Ein Kenner der Verhältnisse, F. v. Wrangell, prüft nun im Juliheft vonNord und Süd" (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt v. S. Schottlaenderh worauf diese Vorgänge zurückzuführen seien, indem er den Vorwurf, daß die deutschen Herren durch ihr Verhalten gegenüber der ein­geborenen Bevölkerung die Schuld trügen, auf das richtige Maß beschränkt. Die Bedeutung der Deutschen in den baltischen Pro­vinzen als Träger und Vermittler der Kultur ist vor allem im AUge zu behalten. In demselben Hefte vonNord und Süd" findet sich unter dem Titel:Die zukünftige Ent­wicklung der Mittel- und Kleinstaaten im Deut­schen R e i ch" ein Vorschlag, um die kleinsten Staatengcbilde des Deutschen Reiches durch Zusammenfassung in staats- und bet» waltungsrechtlicher Beziehung zu einer Anzahl größerer Gruppen zu, vereinigen und somit die bundesstaatliche Gliederung des Reiches zu vereinfachen. Das Heft ist mit dem BildnisseGustaf af Geijerstams" geschmückt, und Kurt Walter Goldschmidt entwirft hierzu das literarische Charakterbild dieses skandinavischen Schrift­stellers. Eine der stärksten Seiten Geijerstams bildet die Schilder­ung des Bauerncharakters; daneben hat er eine besonder: Vorliebe für die Darstellung von Kindern und Kinderszenen. Aus denHandzeichnungen auf der deutschen Jahrhundert- Ausstellung" weiß Rudolf Klein manche interessanten Ergänz­ungen und vor allem auch Berichtigungen zu den kunstgeschicht­lichen Ergebnissen der Hauptausstellung selbst zu gewinnen.i Paul Zschorlich beschreibt die Eindrücke einer ReiseAuf Kor- s i k a", zunächstin den Städten" (Ajaccio und Corte), dann auf dem Lande". DerPolit. Monatsbericht" ist wieder von dem Reichstagsabg. Dr. Hugo Böttger verfaßt.

Das goldene Kalb", VerlagHarmonie", Berlin W. 35, Preis brosch. 2 Mk. Bon diesem erfolgreichen Schauspiel des Franzosen Emile Fabre liegt heute die deutsche Buchausgabe vor. In großen Zügen gezeichnet gibt das Werk eine Schilderung des Tanzes um das goldene Kalb und zeigt die Gründung einer Hnndert-Millionen-Gesellschaft und deren Zusammenbruch. Mit ungewöhnlicher Kraft hat der Autor verstanden alle Personm des Stückes lebenswahr zu gestalten und so Bühnenwirkungen von außerordentlicher Plastik erreicht.

Dmmantriitsel.

Nachdruck verboten.

In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a bbeeceg'gg-hliiiioor r s n u derart einzutragcn, daß die ivagerechten Reihen Folgendes be­deuten :

1. Einen Buchstaben.

2. Einen Raubvogel.

3. Seeinäuische Bezeichnung.

4. Stadt in Amerika.

5. Nordische Gottheit.

6. Türkischen Ehrentitel.

7. Einen Buchstaben.

Die senkrechte und ivagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche.

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Alte Bäume lassen sich nicht biegen.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätS-Buck» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,