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Die Anklageschrift enthält keinen einzigen ernsten Be- weksgrnnd gegen den Angeklagten. Es ist ein wahres Meisterwerk, dieses Schriftstück, das so zusammenhanglos ist, daß es nicht einmal dazu dienen könnte, die Unterhosen des Staatsanwalts von Ajaccio zu binden.
Die Gründe, die den Schuldbeweis gegen T. erbringen sollten, sind die allermerkwürdigsten.
1. Am Abend des Mordes ist der Angeklagte die Treppe des Hotels etwas rasch heraufgestiegen. Das ist ein furchtbarer Beweis, der ihn auch ohne Prozeß verurteilt.
2. Während das Gericht den Tod Meyers einem Selbstmord zuschob, hat der Angeklagte das Gegenteil behauptet. Das ist ein anderer, ebenso wichtiger Beweis wie der erste.
3. T. ist der erste gewesen, der der Fran M. den tragischen Tod ihres Gemahls angezeigt hat. — Das ist ein anderes schweres Verbreche»!
4. Als der Polizeikommissar nach dem Hospice gegangen ist, um die Leiche in Augenschein zu nehmen, hat T. diesen Beamten begleitet, als er aber in die Gegen- tvart der Leiche gelangt ivar, ist er so bewegt gewesen, das; er angesichts des vom Blei zersetzten Gesichtes den Kopf abgewandt hat. Wenn auch er in Lachen ausgebrochen wäre, wie der Polizeikommifsar, so wäre seine Unschuld vielleicht ipso facto proklamiert worden! Aber eine solche Bewegtheit ist mehr als genügend, um den Gerichtshof zu, überzeugen!
' 5. Am 30. Dezember ist der Angeklagte nicht zum Frühstück gekommen. Das ist auch wieder ein Hauptbeweis. Allerdings hatte er den Abend vorher der Besitzerin des Hotels gesagt, er werde auf dem Lande frühstücken und hatte sich ein kaltes Dsjeuner bereiten lassen. Aber die Staatsanwaltschaft von Ajaccio hat diese Entschuldigung noch magerer befunden, wie sein Frühstück.
6. Der Angeklagte hat auf Französisch die Besitzerin des Hotels gefragt, ob sie Briefmarken habe. Diese hat die Frage aus Deutsch beantwortet. Daraufhin ist T. in sein Zimmer gegangen, ohne Briefmarken gekauft zu haben
Vielleicht, wenn er welche gekauft hätte, wer weiß...
7. Ein- oder zweimal' hat der Angeklagte mit dem Ermordeten und Frl. 9)1. eine Partie Whist gespielt. Das genügt, um den Richtern die Ueberzeugung von seinen verbrecherischen Absichten zu geben!
8. Ain Abend des Mordes ist T. gegen 5 Uhr nach Hanse gekommen in einem zugeknöpften Ueberzieher.
Wenn wir mitten im August gewesen wären, so tväre das- ganz natürlich gewesen. Eine solche Vorsicht aber, mitten im Winter, hat die Aufmerksamkeit des Herrn Hofer, des Hotelbesitzers, eriveckt.
9. Eines Tages hatte der Ermordete zu T. gesagt, einer seiner Freunde, Besitzer einer Kohlengrube, wäre vom Kaiser geadelt worden. Da also der Angeklagte wußte, daß Meyer mit so reichen Leuten in Verbindung stand, habe er ihn ermordet, überzeugt, bei ihm eine Börse voller Goldstücke zu finden!
Das sind alles Belastungsgründe, die diesen Mann fast unter das Fallbeil Deiblcrs gebracht haben. Nach der Lektüre der Anklageschrift und nach den nichtssagenden Aussagen so vieler Zeugen, dachte man allgemein, der Staatsanwalt habe auf die Anklage verzichtet. Im Gegenteil hat aber Herr Angelt fortgefahren, seine blutdürstigen Katzenaugen auf die Maus zu heften, die vor Angst in der Mäuse- fallc hin und her sprang. Mit Talent und Energie von drei Advokaten verteidigt- ist der arme T. durch ein Wunder gerettet worden.
(Schluß folgt.)
Zur Kisenöayn-Kygiene.
Von San.-Rat Dr. Hager, Bahnarzt in Magdeburg.
(Nach einem Vortrag.)
Zur Hygiene der Eisenbahnen gehört die Hygiene des Reisens; und ein Teil der Hygiene des Reisens ist das der Hygiene entsprechende Verhalten des Reisenden selbst mährend der Fahrt.,
Das Ideal aller der Veranstaltungen, welche lediglich die Fortbewegung der Menschen von einem Ort zum andern zum «weck haben, würde das sein, dem Fortzuschaffenden alle Be- auemlichkeiten eines Aufenthalts in einer hygienisch einwand- freien Häuslichkeit zuteil werden zu lassen. Von diesem Ideal bleibt, wie das ja in der Natur des Ideals liegt, die .Wirklichkeit auch beim Eisenbahnfähren immer in einer gewissen Entkernung; indessen auch ohiie daß man auf die Beschwerlichkeit
der Reisen m früheren Jahrhunderten hinzuweisen braucht, ivird icder, welcher auf eine längere Spanne Lebenszeit zurückzuschaucn vermag, ohne weiteres zugeben, daß wir uns dem Ideal beträchtlich genähert haben und anerkennen, wie ungleich angenehmer und hygienischer das Reisen namentlich auf längeren Strecken sich gegen früher gestaltet hat.
.... Ich möchte. die ärztliche Aufmerksamkeit heute auf einen untergeordneten Punkt des Verhaltens in den Eisenbahnwagen lenken, der, ich möchte sagen, mehr zu der feineren persönlichen Hygiene des Reisenden gehört.
In dem Augenblick, wo der Reisende seinen Wagen besteigt und sich einen möglichst passenden Platz gesichert hat, pflegt bet vielen, die eine längere Reise machen, die nächste Sorge zu jein: „Wie kommst du am besten und leichtesten über diese Zeit der unfreiwilligen Ruhe nnb Arbeitslosigkeit in sitzender Stellung hinweg?" Und naturgemäß ist daun die Anschaffung einer passenden Reiselektüre das erste. In der besten Weise ist heute für eine solche an großen und sogar an manchen kleineren Stationen gesorgt: jedermann findet nicht nur seine Liebliugs- zeitung, an welche er sich gewöhnt hat; er findet auch andere passende und im Gegensatz zu früheren 'Zeiten auch immer eine in moralischer Beziehung einwandfreie Lektüre angeboteu. Ich .'sage „einwandfreie" nnd erkenne damit ausdrücklich an, daß die Eisenbahnbehörde in dieser Beziehung ihre Fürsorge walten läßt. Trotzdem ist der Punkt „Eisenbahn-Lektüre" derjenige, an welchen die kleine hygienische Bemerkung, die ich zu machen habe, anknüpft.
Ist das anhaltende Lesen während einer Eisenbahnfahrt gesund? Wir dürfen anuehmen, daß die nicht vermeidlichen Schwankungen des Wagens während der Fährt immer minimale Schwankungen der zu lesenden Buchstaben mit sich bringen, und daß dies etwa denselben Effekt hat, als wenn man eine Zeitung liest, welche beim Druck sich verschoben hat, sodaß die Lettern durcheinander geraten und unleserlich geworden sind. Vielleicht sprechen bei normalsichtigen Individuen auch noch kleine Schwankungen der Akkomodatioustätigkeit des Auges auf die zu lesenden Buchstaben mit. Dementsprechend ermüdet das längere Lesen in der Eisenbahn die Augen mehr, als ein Lesen int Zimmer. Manche Reifende behaupten, überhaupt auf einer Fahrt nicht anhaltend lesen zu können. Ihnen allen werden ältere Kollegen, die Landärzte waren, bekannt fein, welche angaben, daß sie sich ihre Augen durch vieles Lesen im Fahren verdorben haben.
Manche Eisenbahn-Reisende ziehen deshalb eine llnterhaltung mit ihren Gedanken oder auch mit ihren Mitreisenden vor; aber in letzterer Beziehung sind nur wenige so vom Glück begünstigt, daß sich ein geeigneter Gesprächsstoff findet, welcher alle Insassen oder wenigstens mehrere des Wagenabteils zu einer dauernden und angenehmen llnterhaltung veranlaßt. Es bleibt demnach immer für eine ganze Anzahl der Reisenden die Lektüre als ein Notbehelf. Vorteilhaft würde eine Lektüre erscheinen, welche eine häufigere Unterbrechung — gewisse Pausen — des Lesens erfordert und den Augen vom Buche hinweg eine andere Richtung zu geben geeignet ist, bei welcher auch die für Normalsichtige anzuuehmeuden kleinen Schwankungen int Akkomodationsapparat verbunden wären oder abwechselten mit einer zeitweisen Entspannung der Mkomodatiousäpparate durch Sehen in die Ferne.
Dieser Ausgabe entspricht in glücklichster Weise, namentlich für längere Reisen und bei Tage, eine Art von Lektüre, die sich eine gründliche Beschreibung der durchzusährenden Gegenden nach geographischen, landschaftlichen, historischen und nationalökonomi- schen Gesichtspunkten zum Ziele gesetzt hat. Es sind die jüngst int Versag von Justus Perthes in Gotha erschienenen Bücher: „Rechts und links der Eisenbahn, neue Führer auf den Haupt- bahuen im Deutschen Reiche".*) Im Gegensatz zu größeren Reisebüchern legen diese Bücher den Hauptnachdruck auf die Beschreib- uug der durchfahrenen Strecke. Tie Reisewege bieten in unserem an landschaftlichen Mannigfaltigkeiten und geschichtlichen Teuk- würdigkeiteu glücklicherweise so reichen Vaterlande eine Fülle von Anregungen, und immer wieder ist der Lesende veranlaßt, für kürzere oder längere Zeit die Lektüre zu unterlassen, das Gelesene zu erwägen, seinen Gedanken oder seinen geschichtlichen Reminiszenzen, so weit dieselben reichen, Audienz zu geben, vor
*) 65 Hefte mit je 2 Karten. Jedes Heft 50 Pf. Hcraus- gcgebcn von Prof. Paul Langhans unter Mitwirkung von H. Fischer-Berlin, Prof. Dr. Hahn-Königsberg i. Pr, Prof. Dr. Halbfaß-Neuhaldensleben, Prof. Dr. Hansen-Oldesloe, Dr. Lampe- Berlin, Prof. Dr. Langeubeck-Straßburg i. E, Dr. Leutz-Char- lottenburg, Prof. Dr. Ncnmnnn-Freiburg i. B, Pros. Dr. Oehl- maun-Linden, Geh. Reg.-Rat Pros. Dr Partsch-Leipzig, Prof. Dr. Regel-Würzburg, Dr. Schjeruiiig-Krotoschin, Prof. Dr Sievers-Gießen, Prof. Dr. Mc-Hallc und Dr. Zemnnuch- Plauen i. V. „Tie beigegebene Reisekarte (nach Vogels Meistcr- karte des Deutschen Reiches im Maßstab von 1:500 000) veranschaulicht die kräftig hcrvortreteude Bahulinie nebst ihren Anschlüssen und die Haltestellen der Schnell- und Peksouenzüge, zu beiden Seiten der Bahn das vom Wteilfenster ans sichtbare Gelände mit seiner Waldbedeckuiig. Eine besondere Karte de-- natürlichen Landschaften Deutschlands zeigt in großen Zügen die Eingliederung der Landschaft in die typischen Oberflächenformen unseres Vaterlandes."


