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War schützend in die Stirn gezogen. Man konnte das Gesicht kaum sehen. An einer Biegung des Weges beschlen- nigte er seinen Schritt nnd beim Dnrchqneren eines Weges wurde sie ihn gewahr. Die Gestalt schien ihr bekannt. Einen Augenblick befiel es sie in leichtem Schrecken, aber sie war im Grunde ihres Herzens mutig. Air die Groß- stadtgefahren dachte sie nicht, weil sie sie nicht kannte. Doch ging sie jetzt rascher. Es war nun doch Zeit, nach Hause zu kommen. Und dann flößte es ihr wieder ein eigentümliches Gefühl ein, jemand so in der Nähe zu wissen, der lautlos hinter ihr Herzog wie ein — Gespenst. Sie lächelte, als ihr das durch den Sinn fuhr. Am Ende würde sie noch das Gruseln lernen. Und nun suchte sie eiliger vorwärts zu kommen. Die Erscheiitung machte feinen Versuch, sich ihr zu nähern. „Wie töricht, so davonzulaufen", sprach sie zu sich. „Die Wege gehören allen, merkwürdig genug, daß niemand sich in das Wetter hinauswagt. Der Garten ist auch im Winter entzückend, wie er da liegt in jung- fräulicher Reinheit." Diese Vorstellung weckte einen bestimmten Ideen gang in ihr.
„Die Großstädter haben kein rechtes Gefühl für die Natur, aber sie haben dafür ihre Kunst."
Und nun sah sie plötzlich die „Sixtina" vor sich, heilig und tein und mild, und jetzt wußte sie, wo sie die Gestalt schon gesehen, die ganz lantlos, wie schwebend ans weißen Federwolken hinter ihr Herzog.
In atemloser Hast legte sie jetzt die Strecke zurück, die sie von ihrem Ziele trennte. Fast laufend langte sie an der Haustür an. Sie hatte nicht gewagt, rückwärts zu fchaueu. Nur, jetzt schon int Eingang der Tür stehend, blickte sie sich um. Niemand war zu sehen. Die Luft schien weiß. Immer dichter sank der Schnee herab. Lautlos!
Als Adele eben aukam, öffnete Lueie ihr die Entreetür. „Na, du siehst ja wie ein Schneemamt aus!"
Sie schüttelte die Flocken von sich ab, ehe sie den Paletot anszog und die Pelzkappe abnaym.
„Kommst du von Ranzmii?"
",Die Stunde hat aber sehr lauge gedauert. Schade, daß du nicht früher kamst. Therese Streitmanu war da und auch sonst großer Kaffeeklatsch!"
„Ich bin zu Fuß nach Haus gekommen." Sie waren bei diesen Worten ins Zimmer getreten.
„Um des Himmels willen, bei dem Wetter, Kind!" „Ach, es war himmlisch, Tante! Wie bei uns daheim! Die hohen verschneiten Türme und Dächer . . . man konnte an die winterlichen Hügel denken, die Bernstadt umgeben, so aus der Entfernung. Der Garten sah aus wie in ein großes Leichentuch gehüllt, ganz feierlich und tot, aber nicht traurig."
„Aber, Della, wie kannst du jetzt in den Abendstunden allein durch den Garten gehen? Wenn es auch noch nicht spät ist, es ist doch völlig dunkel. Das ist unpassend, und daun, wie leicht kannst du dich erkälten! Ich habe dir so oft gesagt, du sollst mit der Pferdebahn fahren. Die hält fast vor Ranzonis Haus und fährt bis cm unsere Straßenecke. Ich werde dich in Zukunft von Christine ab- holeu lassen, wenn du nicht folgst."
Der Tadel klang recht liebevoll und war voll zärtlicher Besorgnis.
„O, es war so schön, Taute, die weiße, stille Welt!" „Willst du Tee oder Kaffee? Du mußt etwas Warmes nehmen."
„Mir ist gar nicht kalt. Im Gegenteil, sehr heiß ist mir!"
Besorgt trat die Tante näher, sah ihr in das erglühte Gesicht und fragte: „Dellchen, du fieberst doch nicht etwa?" Sie ergriff ihre Hand.
„Bewahre, Tantchen. Das kommt von der scharfen Luft. Das kenn' ich. In Bernstadt hatten wir immer ganz rote Köpfe,, wenn wir von draußen kamen."
„Wer?" fragte Lueie.
„Ich und Hans Hübner und Graf Viktor . . ." sie hielt plötzlich inne. „Wenn wir von der Eisbahn kamen oder von den beschneiten Feldern und..."
„Haben beim Hübners auch int Schlosse Zutritt?"
Sie sah die Fragende mit großen, verwunderten Blicken an, dann ließ sie sich am Tische nieder, an dem auch Mutter und Tochter während des Gespräches ihre Plätze wieder eingenommen hatten.
„Zutritt, Tante?! Onkel Kreisphysikus war Hausarzt
oben, und die liebe, güte Fran Doktorin und Hans, das waren gern gesehene Gäste. Grad so wie wir. Und Hans nnd Karl Viktor waren auf dem Gymnasium zusammen uub dann in Heidelberg während der Studienzeit, und wenn sie zu den Ferien nach Hause kamen, im Sommer oder Weihnachten, waren sie immer nnzertrennlich. Und Hans war so fleißig und tüchtig und ernst und hat aus Karl Viktor den besten Einfluß gehabt. Das hat die Frau Gräfin immer gesagt. Die beiden gehören zusammen." (Forts, f.)
157 Hage korsischer Wauömöcder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)
Der Gerichtspräsident fixierte dann alles. Die Geschworenen zogen sich zurück, und auch ich mußte den Saal auf kurze Zeit verlassen. Dann wurde in meiner Abwesenheit die Entscheidung der Geschworenen verkündigt, und als ich den Saal wieder betrat, schoß es wie ein Kreuzfeuer von allen Ecken und Orten mit „ncquitte" mir zu, sodaß der Präsident, als ich aus der Anklagebank wieder Platz genommen hatte, zu seiner Umgebung trostlos sagte: „Er weiß ja schon alles". Daun wurde das Urteil verlesen, von dem ich nicht viel verstand, beim mit einem Male brachen brei Bänke mit furchtbarem Donnergetöse zu- sainmeu. Vollgestopft, wie ber Saal schon war, wollte jeder dem Schlußakte — meine Sache war auch die letzte der Schwurgerichtsperiode — beiwohnen. Alle Welt 6er Hinteren Reihen war deshalb auf die Bänke geklettert.
Dann löste sich alles in Wohlgefallen auf. Der erste, der mir gratulierte, war der Hauptmann der Gendarmerie, und bcinii konnte ich mich vor. Händeschütteln und Gratulieren burch bett ganzen Saal kaum retten, trotzdem! der Gerichtspräsident, 'der eine stürmische Ovation fürchtete, verküitdet hatte, daß jeder, und wenn es die feinste Dame wäre, bei irgend welchen Beifallsäußerungen unweigerlich sofort eingesteckt würde. Auf deu Terrassen vor dem Palais de Justier standen Kopf an Kopf Tausende von Menschen, die ihren Beifall laut kundgaben; Soldaten mußten mir mit ihren Gewehrkolben Durchgang verschaffen, damit ich zu meinem Wagen, der unten auf mich wartete, zu einer letzten kürzen Wiederkehr ins Gefängnis gelangen konnte. §ier stopfte ich, so gut ober so schlecht es gehen wollte, alles in meinen Koffer, ber gepreßt und gebrückt sich enb- lich zuschließen ließ, unterschrieb schnellstens noch bie Konto- abrechnungeu, ohne sie zu prüfen, unb baükte bent Ches bes Gefängnisses mit einem Händebruck, baß er stets nett mit mir gewesen war. Er, auch erfreut über meine eub- liche Befreiung, wünschte mir glückstrahlend ein „A revoir!" bas ich natürlich nicht akzeptierte. Mein Bruber sagte mir später, ich hätte ihm bar auf entgegnen sollen „ä Berlin". Ich wollte aber bett Teufel nicht an die Wand malen.
Dann ging es birekt ins Hotel be Franee, wo meine Brüber, meine Rechtsanwälte, de» Redakteur ber einzigeit freien korsischen Zeitung „A Trautuiitaita Jresea e Sana", bie als Wahlspruch „Pugno pro patria" führt, Sanlu Casanova, unb mich ein Abendessen vereinte.
Tags darauf fand ich von einem Geschworeneu eine Gratulation vor: „Pierre Poletti, Professeur au Lyeße de Bastia est heureux d'avoir pn, d'aecord avee tous ses eolleques du jury, vous renbre votre libertä, votre famille et votre Patrie."
Während das „Bastia Journal" mich noch mit Schmutz bewarf, und das berüchtigte Hetzblatt „Petit parisien" einen entstellenden Artikel brachte, berichtet Santu Casanova ab- schließeud am 18. Juni in seiner Zeitung wie folgt:
„Die Geschworenen."*)
Wir haben immer viel Vertrauen zur französischen Magistratur gehabt und insbesondere zur korsischen, da diese ja in einer von Salzwasser umspülten Insel lebt unb, wenn bas Salz totes Fleisch unversehrt erhält, so konserviert es noch besser lebeubes Fleisch. Nichtsbestoweniger hat ein Teil unserer Illusionen neulich Schiffbruch gelitten angesichts ber Szenen bes Schwurgerichtshofes nt ber Affäre Tiemanu.
Dieser war angeklagt, am letzten 30. Dezember ut Ajacico einen Landsmann, Namens M., einen pensionierten Schulprofessor, ermordet zu haben.
*) liebersetzt von Herrn Bojanowski. Ajaccio.


