Ausgabe 
18.7.1906
 
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Mittwoch den 18. Juki

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Der SLerzr.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Während die Mütter drinn' sich mit Tella Brandt be­schäftigten, hatten die beiden jungen Mädchen auch von ihr gesprochen.

Deine Cousine ist wohl sehr stolz?" hatte Therese gefragt.

Ach, stolz? Nein, sie ist nur still. . . und dann so viel üben und arbeiten und das nicht . . . und jenes nicht . Maina macht riesig mit ihr her."

Ja, wenn mein Talent hat!"

Ach Gott, weißt du, mir wärs direkt langweilig. Bei allem, was man tut, nur daran denken zu muffen."

Lut sie das?"

Muß ja. Immer bedacht sein, daß der Stimme nichts schade ... die Mama ist darin geradezu eklig. Wenns ginge, sperrte sie sie in 'nen Glasschrank. Ich glaube, es ist ihr selber unangenehm!"

War sic immer so still und zurückhaltend?"

Ach, in Bernstadt gar nicht. Da war sie furchtbar lustig. Bis daun die Mama sie auf ihre ,höhere Mission' aufmerksam machte."

Du, das ist aber kolossal interessant."

Ja, und dann die Grafen GierSbcrg."

Wirkliche Grafen?" Höchste Neugier und Bewunderung drückte sich in der Frage aus.

Na, und ob? Ganz waschecht! Majoratsherr sogar!"

lind auch die andern beiden, Alfons und Karl Viktor ... sie waren auf Urlaub. Der eine Gardedragoncr, der zweite gerade nach dem Referendar. Und wie die bei Onkels eilt und ausgingen! Bald vorgefahren, bald vor­geritten! Und sie auch oft ins Schloß hinauf zur alten Gräfin. Gott, ich sage dir, feudal!" Lucie hatte das nach und nach erzählt. Anfangs in der trägen, schleppenden Manier, in der sie sich zu sprechen angewöhnt. Erst als sie die Erregung bemerkte, in die ihre Mitteilungen Therese ver­setzten, wurde auch sie etwas lebhafter.

Nein, weißt du, das ist ja einfach pyramidal! Drei Grafen l"

Ja, aber es sind doch Brüder."

Gott, für den Anfang ist das mehr als genug. Em Majoratsherr, ein Leutnant, ein Referendar, na hör mal, der liegt später mal der ganze Adel zu Füßen."

Glaubst du wirklich?" Lucies Phlegma schien er- schlittert.

Natürlicki! Laß sic erst mal öffentlich siuaen! Sich

dir doch mal die Elton an . . . was hat die für Verhält­nisse."

Pst . . . du ... ja ..." Beide blickten sich erschrocken an, dann aber lachten sie verschmitzt.

Du, meine Cousine, nee, die ist so zimperlich und..." Das gibt sich!"

Meinst du wirklich?"

Ich wünschte, ich hätte ein Talent! Und wer weiß..." ihre Stimme sank zum Flüstern herab . . .wer weiß, viel­leicht gehe ich doch noch zum Theater."

In diesem Augenblick waren die Mädchen abgerusen worden..

*

Della Brandt war aus der Stunde heimgekehrt, die sie am Spätnachmittag beim Professor Ranzoni hatte. Un­bekümmert um die eisige Luft und den Wind, der ihr die Schneekristalle ins Gesicht trieb, war sie vorwärts geschritten. Furchtlos durcheilte sie den einsamen Großen Garten, der so völlig verschneit war, daß man Weg und Steg kaum er­kannte. Es machte ihr Vergnügen, über die blendend weißen Flüchen einherzuschrciten, auf denen die Eindrücke ihres Fußes sichtbar wurden, um rasch wieder verweht zu werden. Und so weich war der Pfad, als ginge man auf Eiderdaunen spazieren. Sic lachtc leise vor sich hin. Das kannte sic, das war ihr vertraut. So schneite es in ihrem heimatlichen Gebirgs- städtchcn. Sic hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß c8 auch in den Großstädten einen so schneeweißen, reinen, tüchtigen Winter geben könne.Wie dumm von mir," schalt sie sich selbst.Merkwürdig, daß ich mir einen Zu- sammenhang der Großstadt mit echter, unverfälschter Natur gar nicht recht denken kann." Und dann fragte sie sich im stillen, ob sie in den Wochen, in denen sie hier war, dies bemerkt habe, und halblaut murmelte sic vor sich hin: Ach ja!"

Plötzlich fiel ihr ein, daß sie in der kalten Luft nicht sprechen solle. Der Professor hatte es gesagt. Unwillkürlich hielt sic ihren Muff vor den Mund. Der Wind blies gar zu heftig und der Schleier hing voll kleiner, spitzer Cis-, körnchen. Das stach und pickte und blendete die Augen. Es war ihr aber nicht lästig, und wie in heiterem Er­innern zogen die heimatlichen Wintertage an ihr vorüber. Da scheute mau nicht zurück vor dem Schneewehen und dem lustigen, flockigen Treiben und tummelte sich jauchzend und Schneebälle werfend aut den Straßen umher oder lief hinaus aufs Feld. Hier traute sich niemand ins Freie. Ganz einsam und menschenleer war der Park, und sie merkte auch nicht, daß jemand hinter ihr her ging. Die dichte Schneedecke fing den Schall der Tritte auf wie ein weicher Teppich. Es war eine hohe Männergestalt, tief in einen Velz gehüllt, dessen Kragen ausgeschlaaen war. Der Hut