— 352 —
„Verfolger unsere« Deputierten' usw. Wo die johlenden Massen vorbeizogen, mußten die Laden geschlossen werden und inan zwang viele Personen, sich dem Zuge anzuschließen. Die Ortspresse, die im Solde Nasis war und jetzt in dem seiner Partei ist, hatte schon tags zuvor verlangt, daß der Gcincinderat zum Zeichen des Protestes zurücktrete. Dies wurde in einer Gemeindcratssitzung nach sehr heftigen streben beschlossen; das in Masse anwesende, sich wie unsinnig ge- bcrdende Publikum spendete lärmenden Beifall, verbrannte ein Bildnis des Königs (!) und nötigte den Magistrat, dessen Brozenbüste im Nathanssaale durch eine solche Nasis zu ersetzen. Eigenmächtig zerschlug inzwischen der Pöbel die Tafeln mit den Straßennamen „Vittorio Emcmuele", „Regina Elena«, „Prinzipessa Jolanda«, und taufte diese Straßen in „Via Nunzio Nasi«, „Emma Nasi", „Eimlw Nasi" um. Eine junge Eiche, die zur Erinnerung an die Geburt der ältesten Tochter des Königspaares gepflanzt war, wurde ausgerisscn und ins Meer geworfen. Warum auch die Via Torrcarsa ihren Namen wechseln mußte und zwar in den eines „Via Francese" (Französ. Straße") hätte die hirnlose Menge wohl selber nicht zu sagen gewußt. Auf die Mauern und die Bürgersteige dieser Straße wurde zu Dutzenden von Malen geschrieben: „Es lebe die französische RepublikI"
Doch auch dies war den Querköpfen nicht genug. Wo man ein königliches Wappen erblickte: über den Regieläden, an den Amtsgebäuden, den Briefkästen usw., wurde es mit Kot beworfen und mit Kohle besudcldt. Dann zog ein Volkshaufe nach dem Hafen und erzivang die Nicderholung der dreifarbigen Flaggen auf den Schiffen. Der Kommandant eines Torpedobootes, an den man unter Geschrei und Drohungen das gleiche Ansinnen stellte, entschloß sich, die Taue loszumachcn und sich vom Kai zu entfernen. Nach dem Rücktritt der Stadtverordneten haben auch die sämtlichen Mitglieder der Handelskammer ihr Amt niedcrgelegt; die Provinzräte wollen angeblich dasselbe tun, die Inhaber von Orden und Ehrenzeichen ihre Dekorationen zurück- schicken (wird schwerlich ausgeführt werden, da der Italiener zum mindesten „Cavaliere" sein muß, um sich selbst zu achten). Es hat sich ein Ausschuß „hervorragender Bürger" alias Gauner in Glacä-Handschuhcn) gebildet, „um die Bewegung lebendig zu erhalten, bis Trapani Genugtuung empfängt". Ob man erwartet, daß die Regierung den Kassationshof hcimschickt, einen neuen, aus „hervorragenden Bürgen:" von Trapani bildet und ihm den Prozeß gegen den Exnunister anvcrtraut?
Vermischtes.
* Die Korktanne, das einzige Beispiel einer Konifere mit ausgesprochener Sorfrtttbe beginnt in Deutschland heimisch zu werden. Der bekannte deutsche Botaniker, C. A. Pur- pus, entdeckte diesen wuiiderbaren Baum —• eine Tanne nut silberweißer Bcoradelung, deren Stainm mid Neste mit schneeweißer bis rahmfarbiger Korkrinde bedeckt sind — nachdem er kurz ■ vorher auch von dem Amerikaner, Professor Hart Merriam bemerkt worden war, im Jahre 1900 im nördlichen Arizona in den San Francisco Mountains. Die charakteristische Rinde zeigt sich erst bei 1—2 Meter hohen Exemplaren: an jüngeren Bäumen sieht sie aus wie die Haut einer Schlange. Ain schönsteil ist sie an solchen Exemplaren, die Licht und Luft haben; bei alten hundertjährigen Bäumen wird die Rinde rissig und dunkelgrün. Dre Korktanue bevorzugt etwas feuchte Standorte und nndet sich hauptsächlich in den Schluchten auf der Nord- und Ostseite der Bergabhänge: sie geht bis zur alpinen Region, die bei etwa 3000 Meter liegt. In Deutschland wurde diese eigenartige Tanne zum ersten Male int Jahre 1900 durch ein von dem Botaniker Purpus mitgebrachtes Exemplar, sowie durch ebenfalls von ihm mitgcbrachten und an den botanisch cit Gartenin Darm - stadt gesandten Samen, verbreitet. Dort befindet fich noch das größte, etwa 1.50 Meter hohe, importierte Exemplar, das bereits die charakteristische Rinde zeigt. — Inzwischen hat die Taiine aber auch Eingang in die besseren Baumschulen gefunden, wo sie durch junge Pflanzen vertreten ist. Sie gedeiht bei uns vortrefflich, ohne an die Behandlung besondere Ansprüche zu stellen. Leider hat sie aber als Hochgebirgsraum die unangenehme Eigenschaft, in der Ebene zu früh auszutreiben, und infvlge-
desseit werden nicht selten die jungen Triebe durch Spätfröste zerstört. Sie ist deshalb am geeignetsten für rauhere oder höher gelegene Gegenden mit nicht allzufrüh eintretender Vegetation. Die Rinde, welche die in Deutschland gezogenen Korktannen haben, ist vorläufig noch dünn und daher bis auf weiteres technisch von keiner besonderen Bedeutung. Sie wird bis jetzt meistens zur Herstellung von Schmuckgegenständen benutzt, für die sie sich allerdings als sehr wertvoll erweist. — Es dürfte sich aber doch lohnen, die Kultur der Korktanne auszudehnen und zu erweiterit, denn manche importierte Pflanze, die anfangs größere Schwierigkeiten bereitete, als die Korktanne, hat später außerordentlich lohnende Resultate geliefert.
* Eine Familien-Chronik anzulegen, ist ein schöner und nachahmenswerter Brauch, denn ein derartiges Buch ist nur zu wohl geeignet, den Familiensinn, der ein kostbares! Gut unserer Nation bildet, zu pflegen und zu fördern. Es wäre sehr wünschenswert, wenn, wie schon die Adelsgeschlechter, so auch unsere bürgerlichen Familien aller wichtigsten Ereignisse im Familienkreise mit einigen Zeilen gedenken würden.. Welche unschätzbaren Fundgruben wären diese Familien-Chronikcn für kommende Geschlechter, die dadurch über ihre Vorfahren besser unterrichtet sind als wir, die nur selten Angaben über Angehörige weiter als bis auf den Großvater hinaus machen können. Solch eine Chronik hat auch einen hohen erzieherischen Wert, denn wohl jeder Sohn oder Enkel tvird mit Rühruitg in den vom Schimmer der Vergangenheit verklärten Aufzeichnungen blättern nnb kann daraus oft Lcbenserfahrttng, neuen Mut und neue Hofftrung zur Stärkung im Ringen ums Dasein schöpfen. Niemand sollte daher die geringe Mühe scheuen, die die Führung eines Familienbuches erfordert, beim da sich die Aufzeichnungen über viele Jahre erstrecken, erfordern sie im einzelnen nur eine ganz geringe Zeit, meistens nur einige Minuten. Selbst schon seit Jahrzehnten bestehende Familien müßten noch eine derartige Chronik anlegen, die mit etwaigen kleinen Lücken immer noch besser ist, als wenn gar keine Aufzeichnungen gemacht werden.
Ne wh o r k, 15. Juni. Präsident R ooseve l t, der gegenwärtig ein Jahresgehalt von 50 000 Dollars bezieht, soll eine Zulage von 25 000 Dollars zur Bestreitung seiner Reiseunkosten erhalten. Der Präsident empfing im Weißen Hause eine Anzahl Zeitungsvertreter und legte ihnen dar, daß 25 000 Dollars nur gerade die Kosten seiner Reisen decken würden. Ter Präsident ist genötigt, auf jeder Reise zwei Detektivs, drei Vertreter der Preßvcrbände, einen Sekretär und einen Stenographen Mitzunehmen. Ferner ist es althergebrachte Sitte, daß im Wagen des Präsidenten Vorsorge für Besuche von Beamten und Zettungsberichterstattern getroffen ist. Teilweise werden die Kosten der Reisen des Präsidenten von Instituten bestritten, die ihn zu Besuchen einladen, wie beispielsweise das Carnegie- Institut in Pittsbnrg. Andere Institute jedoch, die den Besuch des Präsidenten erbitten, sind nicht in der Lage, die Kosten zu tragen und müssen deshalb vorläufig verzichten. Diesem unerfreulichen Zustand soll die Aufbesserung des Gehalts des Prast- denten abhelfen.
Mnsiknrappe.
— Das Geheimnis, weshalb R. W o hl f a hr t, N eue E lein e n t a r - K l a v i e r s ch u l e, op. 222, (Verlag von P. I. Tonger- Köln), einen nie dagewesenen Erfolg erzielte, beruht darin, daß der Verfasser, gleichbewährt als Fachmann wie als Pädagoge, noch dem Urteil hervorragender Klavierlehrer cs verstanden Hat, allen Anforderungen gerecht zu werden, d. h. jeder Lernende, ob er nun eine künstlerische Ausbildung erstrebt oder die zu erwerbende Fertigkeit in den Dienst der Hausmusik stellen will, findet eilte bis zur Mittelstufe führende solide musikalische, wie technische Grundlage. Vor einem Jahr erschien die 14. umgearbeitete und verbesserte Auflage (158 Seiten Großnotenformat, großer klarer Stich, holzfreies Papier, 4 Bünde je 1 Mk., m 1 Band broschiert 3 Mk., in Halbleder gebunden 4 Mk., tit Leinwand gebunden 4.50 Mk.). Im Sommer wurde bereits die 15. und im Herbst die 16. Auflage nötig. Gelegentlich der soeben zur Ausgabe gelangten 17. Auflage verfehlen wir nicht, alle Musikfreunde auf dieses Denkmal deutschen Fleißes und deutscher Gründlichkeit aufmerksam zu machen.
Versteck-Rätsel.
Nachdruck verboten.
Man suche ein Sprickftvort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer".
Edelstein — Kaffeebohnen — Angenärzte — Kriegerverei» - Reisetasche — Znndercrz — Dpcrusänger — Theekanue Bielhnser — Geldbörse — Assessor — Handarbeit — Heinrich — Botenfrau.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer; Zorn ohne Macht wird verlacht.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Derlaa der Brübl'kcken Universitäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lange. Gießen.


