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sich der Direktor vielleicht bewogen gefühlt, um sich in der französischen Sprache sortzubilden, sich mit dem Fremden in eine Unterhaltung einzulassen. Die Gattin des Ermordeten hatte ihren Gemahl gewarnt, um keinen Preis in 'Ajaccio allein spazieren zu gehen, damit er nicht unter die Räuber fiele. Leider ist dieser Brief erst nach der Ermordung in Ajaccio eingetroffen.
Ms ich am 30. Dezember gegen Va—3/i4 Uhr nachmittags in das Hotel Suisse zurückkehrte, fragte mich der Portier, ein netter Deutsch-Schweizer, ob ich Direktor M. nicht gesehen Hätte. Da ich infolge meiner Tagestour nicht wußte, daß der Direktor Zum Mittagessen nicht heimgekehrt War, maß ich der kurzen Anfrage keine große Bedeutung bei, sondern holte mir von meinem Zimmer Schreibgerät herunter, um unten im Lesezimmer an meinen Freund Hans Reidemeister des längeren unter Benutzung eines für andere ausgesetzten Brrefkonzeptes zu schreiben. Von der herrlichen Tour noch ganz entzückt, war ich in der angenehmsten Stimmung.
Jenes Konzept handelte besonders von unserer Weihnachtsfeier und dem alten Herrn. Ws btiittt der Portier in das Lesezimmer trat und wieder nach ihm fragte, käM Mir diese wiederholte Frage eigentümlich vor, da ich noch immer nicht wußte, daß der Schuldirektor nicht zu 'mittag zurückgekommen war. Wie ich später aus den Verhören erfuhr, war diese zweite Anfrage im Auftrage des dänischen Fräulein M. erfolgt, welche, wenn ich nicht irre, von einem Spaziergang heimgekehrt war. IM übrigen Waren wir drei stets erst um 6 lthr zusammengekommen. Da der alte Herr vielleicht in der Stadt den längst gesuchten Schachpartner gefunden und sich mit ihm in eine Schachpartie verbissen hatte, so schmeichelte ich mir, daß er zum Abendessen, dem Diner, bestimmt wieder im Hotel sein würde. Ich hatte für ihn einen Zweig von einem Erd- beerbaum mitgebracht, den ich wegen seiner empfindlichen Früchte stundenlang sehr sorgfältig tragen mußte. Der Schuldirektor sollte letztere kosten. Meine erste Frage lvar daher, als der Platz des alten lieben Herrn beim Wendessen unbesetzt blieb, wo letzterer bliebe. Wenn er bereits am Mittage gefehlt hatte, so hätte man doch sofort nach ihm suchen müssen, denn selbst wenn er sich den Fuß verkippt oder gebrochen oder sich verletzt hatte, daß er nicht heimwärts kommen konnte, hätte man nicht darauf warten dürfen, bis ein Zufall half. Endlich rückte der Direktor des Hotels damit heraus, daß oben im Städtwaldchen ein Ausländer blutüberströmt tot aufgefunden wäre. Wir waren über diese Nachricht entsetzt. Man erging sich in allen Möglichen und unmöglichen Möglichkeiten, „Selbstmord" oder, ob der Schuldirektor einen Blutsturz bekommen hatte. Wer so schwer krank war er gar nicht. Ob er versucht hätte, eine Klippe Kl erklettern, dabei ab gerutscht wäre ,ünd sich die Schläfe durchschlagen hätte. Aber dort oben war nur die abgebrö'ckelte Mauer, die selbst ich nur Mit Hilfe des Gymnasiasten Manne:, der mich hochgezogen hatte, erklimmen konnte. Es blieb dairn nur die einzige Möglichkeit übrig, besonders nach der Schilderung des französischen Herrn Geiger, wie er den Toten ausgefunden hatte. Es mußte sich um einen Word handeln. Ich hcktte die traurige Kühnheit, das auszusprechen, was alle im tiefsten Innern fürchteten. Nun rückte der Baron auch mit feinem Erlebnis heraus und sagte, wenn es sich tatsächlich um einen Mord handelte, würde er sein Begegnis zu Protokoll geben. So gern man sich fite jede andere Möglichkeit auszusprechen suchte, was lag schließlich näher, als ein Raubmord. Wütendster Streit tobte tagelang, die letzten Tage auch stürmisches Wetter, sodaß die Fischer nicht ausfahren konnten; was Wunder, wenn einer von den vielen, die schon täglich von der Hand in den Münd lebten, jetzt jeden Erwerbes beraubt, sich auf diese Weise Brot verschafft hatte. Trotz allem wollte ich dennoch nicht an das Fürchterliche glauben, hieß es doch, daß wir Fremden nichts von Banditen zu fürchten hätten, wenn man in Korsika auch allgemein annimmt, daß die Fremden stets sehr reich sind.
Ich bat den Polizeikommissar, dex nach der Tafel in das Hotel gekommen war, mit in das Hospice Eugenie gehen zu. dürfen, um glauben zu lernen, daß der liebe Gott es zugelassen hatte, daß diese lautere Christenseele auf so furchtbare Weise umaekommen war. Wegen meiner großen Kurzsichtigkeit hatte rch Doppelgläser, Klemmer und Brills aufgesetzt. In der Leichenkammer des Hospice stellte ich
fest, daß an den Schuhsohlen nicht die geringsten Schrammen zu bemerken waren, eine Kletterpartie hatte Direktor M also nicht unternommen und war bei derselben nicht verunglückt. Ich bemerkte unten vorn am Halse eine rötliche Stelle und seitlich rechts an der Wange eine Blutstelle. Sollte der Unglücklich« vielleicht niedergeworfen, gewürgt und ihm mit einem Schüsse der Rest gegeben worden sein? Ich weiß nicht mehr, ob ich schon an jenem 'Wend, wo wir alle vor Schrecken ohne Besinnung waren, von den drei Schüssen sprach, die ich gehört hatte. Waren jene zwei roten Marken Schußwunden, so sehlte mir immer noch die Erklärung für den dritten Schuß. Ich habe erst später bei den Verhören als Zeuge vor dem Untersuchungsrichter gehört, wie sich wahrscheinlich der furchtbare Akt abgespielt hat. Mein Kondolenzbrief an die Witwe spricht nur von zwei Schüssen. Da ich nicht Sachverständiger tvar, diente mir die Besichtigung der Leiche zu nichts. Ich wünschte, daß sich der traurige Vorfall noch besiiedigend erklären würde. Da aber die Beamten geheimnisvollst hinter verschlossener Tür berieten und sich weigerten, mir, der ich wiederholt daraus drang, daß sofort die Familie Mi benachrichtigt würde, Genaueres mitMteilen, fürchtete ich, daß es sich doch um einen Mord handelte.
Als auch der Hoteldirektor an letztere nicht sofort depeschieren wollte, und die Behörden bemerkten, dazu wäre morgen noch Zeit genug, beschloß ich, als meine Pflicht gegen den Landsmann, unter Zustimmung des dänischen Fräuleins M. und des Barons, selbst sofort, wenn auch' wider den Willen der Ajaccioer Behörden, das Nötige zu tun. Ich wußte, daß ich dadurch den Haß letzterer auf mich laden und, wie mir aus einer Schilderung: La chasse a l'homme. Policiers franyais et dötectives anglais (Biblio- thoque universelle et Revue Suisse 1899) von früher her bekannt war, mich durch die Benachrichtigung verdächtig' machen würde. Weder von Marseille, noch von Nizza- noch von Livorno gehen täglich Dampfer nach Korsika. Deshalb mußte die Familie schon jene Nacht Nachricht erhalten, damit ihre Wgesandteu Sonntag eintreffen konnten. Ich überlegte hin und her, Ivie bas Telegramm abgefaßt werden sollte, „Gemahl tödlich erkrankt" oder dergleichen wäre schlimmer als die direkte Todesnachricht gewesen, da ein Schwanken Krischen Hoffen und Wünschen fürchterlicher ist, als die fürchterlichste Nachricht. Unter das unabänderlich« Geschick beugt sich der Mensch, wenn auch gebrochenen Herzens. Fräulein M. regte an, daß ich auch der Witwe' ausführlicher schreiben mußte, da von den anwesenden Deutschen ich am längsten mit den Toten bekannt gewesen wäre und seinen liebevollen Charakter am besten kennen gelernt hätte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Rasi-Rnmmel in Trapani.
Um den wegen zahlreicher Unredlichkeiten im Amte verfolgten italienischen E^minister Nunzio Nasi hat inzwischen das gesamte von ihm verhätschelte und begünstigte Gesindel seiner Heimat und seines Wahlortes Trapani — und zum Gesindel gehören dort auch die Stadt- und Provinzvertreter, die sogenannten führenden Klassen, die Geschäftsleute, Advokaten und Cavalieri della Corona d'Jtalia — ihm zu Liebe eine unerhörte antinationale, aniimonarchischs und geradezu rebellische Kundgebung veranstaltet. Man beachte: Der oberste Gerichtshof hat, den klaren Vorschriften der Prozeßordnung gehorchend, die Erörterung des Kompetenzkonfliktes nur abgelehnt, weil der Angeklagte auf flüchtigem Fuße ist. Und deswegen ist ganz Trapani aus Rand und Band, beschimpft die Negierung und den König, besudelt die nationalen Fahnen und Wappenschilder, singt republikanische und anarchistische Lieder und bringt Hochrufe — — auf die Franzosen aus.
Wenn man nicht an einen Massenwahnsinn glauben will, so muß man die Trapanesen in Masse für die be- sinnungs-, ehr- und gesetzlosesten Wichte Italiens halten. Man höre, was aus dieser Stadt, die den angeklagten Minister neuerdings fast einstimmig ins Parlament geschickt hat, berichtet wird: Am 7. d. Mts. zogen große Volkshaufen die Straßen unter Absingung der Anarchistenhymne und eines geschmacklosen Hymnus auf Nasi, sowie unter Pereatrufen gegen Giolitti, den Ministerpräsidenten, den Kassationshof, bfe


