Ausgabe 
18.6.1906
 
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»Aber Jda!"

Erglühend ergriff Suse die Flucht, aber böse war sie der dicken Prophetin nicht. Eine Zukunft voll ungeahnten Glückes tat sich vor ihr auf. Sie schwindelte. Sie mußte sich in ihrem Zimmer einen Augenblick setzen, um sich zu fassen. Es waren dieselben Möbel, die damals in N. den Zusammen­bruch ihres Glücks mit angesehen hatten, die hier noch Zeuge vieler heimlicher Tränen gewesen waren Zeugen auch ihres trotzigen, zuversichtlichen Kämpfens ums Glück. Nun ihr die kräftigen kleinen Hände mutlos und matt in den Schoß gesunken waren, war ihr der Siegespreis mühelos zu­gefallen.

Aber vielleicht wogen diese Monate müder Resignation schwerer als der tändelnde Kampf vorher, da sie ihres Glückes sicher.

Nun war sie am Ziel.

Ein heißes Dankgebet gegen Gott stieg aus ihrem jungen seligen Herzen.

Dann kleidete sie sich rasch um. Bildhübsch in dem knappen, schwarzen Tuchkostüm, das Meta ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, stieg sie eine Viertelstunde darauf mit dem Geliebten in einen Wagen.

Seine Blicke ließen denn auch nicht von ihr und manch Vorübergehender sah lächelnd auf das in ihr Glück versunkene Pärchen und dachte bei sich:das ist gewiß ein zurückgekehrtcr Chinakrieger."

Ganz verblüfft fuhren sie auf, als der Wagen vor dem wohlbekannten hohen Mietshause hielt. Die Fahrt war ihnen wie im Fluge vergangen.

Ruth selbst öffnete auf ihr Klingeln die Tür. Sie erschrak so, daß ihre Hand nach dein kleinen Tischchen im Entree tastete, um sich daran festzuhalten. Im Moment konnte sie sich die Situation überhaupt nicht erklären sie sah nur zerstört, was sie mühselig aufgebaut.

Oh Gott, Suse!" wär alles, was sich zur Begrüßung Wer ihre weißgewordenen Lippen rang.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie ans Suses kon­fusen Erklärungen, dre sie in abgebrochenen, sich über­stürzenden Worten, am Halse der Schwester hängend, hervor- sprndelte, klug wurde.

Trautendorf mischte sich schließlich lachend hinein.

Du bringst Deine Schwester ja um, Tollkops! IHv Muß ja hören und sehen vergehen bei dem, was Du alles in sie hineinschreist. Laß sie doch wenigstens los."

Suse gehorchte, jedoch nur, um sich stürmisch an seine Brust zu werfen.

Du bist ja bloß eifersüchtig, Schatz' ich darf nicht mal mehr meine Schwester umarmen aber warte r weißt Du noch, Ruth, wie ich früher mal behauptete, ich küßte meinen einstigen Bräutigam mal tot vor Liebe."

Ruth nickte zustimmend. Sie erinnerte sich noch so gut enes Ausspruchs und des Abends, an dem er gefallen enes elenden peinvollen Abends. Wie die Leiertone win- elten:Nur einmal blüht im Jahr der NW, nur einmal im Leben die Liebe."

Es war nicht wahr. Ein Herz konnte noch eine zweite, schönere Blüte treiben, wenn die erste welken mußte. Aber warum konnte diese zweite nicht auch sterben? Warum quälte die Sehnsucht noch immer, die zermürbende, un? gestillte Sehnsucht?

Warum mußte sie die Lippen fest zusammenbeißen, um einen neibvollen Schmerzensschrei zu ersticken, als der hübsche schlanke Offizier sich nun zu der Schwester nieder­bog und neckisch forderte:Nun, Du kannst mit dem Tot­küssen immerhin anfanaen, Liebling", als sie mit ansehen Mußte, wie die Lippen der beiden sich fanden?

Sie machte sich etwas an dem kleinen Schreibtisch zu schaffen, schob ein loses Blatt in die darauf liegende Leder- Mappe, um unauffällig ihren Mienen äußere Fassung, freudige Teilnahme aufzuzwingen. Sie hatte sich nie so vettelarm gefühlt tote in dieser Stunde.

Das Kommen der beiden Brüder erlöste sie aus einer quälenden Situation.

(Fortsetzung.)'

157 Hage korsischer Raubmörder.

Eriimernngrn an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n.

(Na..,-nick erwünscht.) (Fortsetzung.)

Ich bezweifle, daß der Raubmörder dort heräbge- kommen und die Salariostraße aufwärts gegangen ist. Wahrscheinlich wird er nicht die breite Fahrstraße gewählt haben, die, wie er wissen mußte, ihn an den Malern, die immer an derselben Stelle malten, vorbeiführte und häufig begangen wurde. Er konnte viel leichter über den ein­samen Berg, von niemand gesehen, ivenn auch anfangs durch dick und dünn, nachFrredrichsbrunn" resp.Stecklen­bergs entkommen.

Der Sohn des Ermordeten, der schließlich in dep Schwurgcrichtssitzung erklärte, daß er mich nicht mehr für schuldig hielte, da ja kein Motiv vorläge, fügte hinzu, daß er dennoch Klaubte, daß ich in der Nähe gewesen wäre und seinen Vater aus Furcht vor der korsischen Bendettaj in Stich gelassen hätte. Er bedachte hierbei nicht, daß 1., wenn jemand in der Nähe gewesen wäre, der räuberische Anfall nicht gewagt worden wäre; 2. hätte ich sicher Hilfe herbeigerufen, wenn ich nicht gewagt hätte, selbst eiuzu- greifen; 3. wäre es wohl bequemer gewesen, das zu er­zählen, was man gesehen hätte, als 157 Tage abzusitzen, um schließlich vielleicht zu lebenslänglicher Galeerenstrafej verurteilt zu werden; 4. würde ich kaum noch den Mut besessen haben, mit 500 Lire und einem Kreditbrief von 4500 Fr. bei mir eine Tour oben über die Berge zu machen/ denn, wäre ich dort überfallen, hätte kein "Hahn jemals nach mir gekräht. Ich wiederhole hier nochmals ausdrück­lich, daß ich 1. überhaupt nicht gewußt habe, daß Direktor M. sich dort oben oder in der Gegend befand; 2. das Stöhnen oder Seufzen nicht gehört habe, andernfalls wären wir vielleicht weiter mit der Entdeckung des oder der Mörder und mir wäre die furchtbare 157tägige Gefangen­schaft erspart geblieben.

Interessant ist das Erlebnis des Barons V. h. L. an dem schrecklichen Tage. Er dürfte, sagen wir, 1/4 Stunde vor dem Direktor M. weggegangen sein. Vielleicht gegen 10 Uhr wurde der Baron in der Nähe der Kapelle Peraldt von einem Fremden von langer, hagerer Gestalt nach der Zeit gefragt. Der Baron trat einige Schritte zurück, zog seine Uhr und nannte die Zeit, um sich dann wieder um­zukehren und weiter zu gehen. Er hörte den Fremden' folgen. Der Baron drehte sich wieder nm. Ter Fremde begann van dem schönen Wetter, dem milden Klima usw. zu sprechen. Der Baron bejahte dies kuH abfertigend, drehte sich wieder um und ging weiter.?('(§ er fernerhin die Schritte des Fremden hinter sich vernahm, wandte der Baron siH nochmals um, dit der Frage, ob man noch etwas von ihm Wunsche. Als er sich kurz nachher noch einmal wieder herum­drehte, wär der Fremde spurlos verschwunden. Das war um'10 Uhr und ungefähr um IO1/4, Uhr und bis 10.20 Vm. ist Direktor M. oben über der Kapelle Peraldt ermordet tvorden.

Als um %11 Uhr der Sohn eines Villenbesitzers am großen Knick der Salariostraße mit seinem Hunde durch' den Garten ging, fuhr der Hund« am Ende des letzteren wie wild auf ein Gebüsch los, aus dem zwei Menschen schimpfend davonliefen. Diesen jungen Mann aus ganz un­bedenklicher Familie hat der Untersuchungsrichter von 'Ajaccio mehrere Tage einsperren lassen.

Ob Direktor M. auch von dem Fremden angeredet Wörden ist, ob letzterer ihn eingeladen hat, mit ihm den Berg hinaufzusteigen, oder Direktor M. gefolgt ist und ihn mit seinem Gespräche immer weiter hin auf gedrängt hat/ wird nie aufgeklärt werden. Wie ich hörte, ist in der Näh« des Toten sein ausgeschlagenes deutsch-französisches Taschen­wörterbuch gefunden worden. Dies legt die Vermutung nahe, daß es ein französisch Sprechender war, mit dem er sich zN verständigen hatte. Vielleicht hat Direktor M. seinerzeit mein Tischgespräch mit dem Baron v. d. L. mit angehört, daß ich keme Lust hätte, mit dem Gymnasiasten Mannet spazieren zu gehen, da dieser einen Revolver, ich aber kein« Waffe trüge. Der Baron hatte darauf erwidert, der jung« Mann wäre ganz harmlos. Hierdurch, wie durch die Be­merkung im Bädecker, daß die öffentliche Sicherheit in Korsika für Fremde nirgends zu wünschen übrig lasse, hat