Ausgabe 
18.5.1906
 
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Das Hauptziel unserer Erziehung aber wirb das sein: starke Charaktere, Persönlichkeiten zu bilden, in sich geschlossene, har­monische Menschen, die erfüllt sind von Liebe und Idealismus, Felsen in dem ewig brandenden Meere des Lebens.

Die Frauenmoden und die Männer.

Geht's denn die Männer überhaupt etwas an, wie sich die Frauen auziehen? Nun, warum sollten die Herren der Schöpf­ung nicht schon aus ästhetischem Interesse ein Wort mitzureden haben! Und darüber brauchte keiner ausgeWgelten Be­trachtung einem rechtschaffenen Ehemanns z. B. kann's einfach nicht gleichgiltig sein, wie sein Frauchen in der oder jener Ge­wandung ausschaut. Da würde es auch ein arg schmollendes Mündchen geben, .wenn der Eheherr kurzweg brummen wollte: Ist mir ganz egal, tote du heute in Gesellschaft gehst!" Viel­leicht könnten sogar ein paar Tränchen kullern, und das nieder­schmetternde Urteil dürfte ergehen:Pfni, du bist abscheulich!"

Allerdings, wenn die Männer gar zu kritisch in M-ode- angelegenheiten sind, dann ist's den Damen auch nicht recht. Unzählige Evatöchter werden am Ende den gescheiten Rousseau eins, zwei, drei zu denAbscheulichen" rechnen, wenn sie er­fahren, daß er sich erdreistet hat, zu behaupten:Fast immer werden die Moden von den häßlichen Frauenzimmern aufgebracht, und die hübschen sind töricht genug, sich unterzuordnen." Was will das aber besagen gegen Sebastian Brant, den uugalanteu Sittenrichter des 16. Jahrhunderts:Es kommt daher eines Bürgers Weib viel stolzer, denn eine Gräfin tut; wo jetzt Geld ist, da ist Hochgemut; was eine Gans von der anderen sieht, darauf ohn' Unterlaß sie dicht't, das muß man haben, es tut sonst weh. Der Adel hat keinen Vorteil mehr; man find'! eines Handwerksmannes Weib, die bessers wert trägt an dem Leib von Röck', Ring', Mänteln, Borten schmal, denn sie im Hans hat überall!" Es gab Zeiten, wo es die regierenden Fürsten zu ihren landesväterlichen Pflichten rechneten, die Damenmoden ge­setzlich zu regeln. Im Jahre 1483 erließen Kurfürst Ernst und Herzog Albert von Sachsen eine Aeiderverordnung, wonach eine Frau oder Jungfrau vom Ritterstande nicht mehr als einen seidenen und zwei gestickte Röcke besitzen sollte; und kein Kleid sei hinfüro zu tragen, das über zwei Ellen auf der Erde nach­schleife. Ergo, der Kampf gegen die Schleppe ist nicht erst von gestern und heute. Aber auch die hohen Stadtobrigkeiten meng­ten sich gern in solche Dinge. Wenn jetzt hier und da ein schüch­terner Versuch gemacht wird, mit amtlichem Nachdruck gegen die riesenhaften Theaterhüte vorzugehen, so ist das noch gar nichts im Vergleich zu früher. Da verordnete der Rat von Speyer anno 1356 wie folgt:Die Hauben der Frauen sollen nicht mehr als vier Reihen von Staufen haben; keine soll ihre gewundenen Haarzöpfe hinten herabhängen lassen oder vorne Locken, sondern ihr Haar aufbinden; nur den Ledigen ist dies gestattet. Kein Kleid, unteres oder oberes, soll... an den ©eiten geschnürt, noch durch Eiignisse eingezwungen werden."

Wie ein mittelalterlicher Vater feine Heranwachsenden Töchter vor dem Zuviel der Mode zu warnen suchte, dafür ist die Er­zählung be§! Ritters Latour-Landry (um 1400) ein klassisches Beispiel. Er berichtet den jungen Mädchen von einer vornehmen Frau, um deren Seele sich dann St. Michael mit dem Teufel heiß gestritten habe. Zu Gunsten des letzteren hätten die schönen hermelinverbrämten Kleider der Verstorbenen in der Wagschale gelegen.He, St. Michael", habe der Satan gerufen,diese Frau hatte zehn Kleider und zehn Oberröcke. Ihr wißt, daß schon die Hälfte ihr hätte genügen können. Ein langes Kleid, zwei kurze, und ebensoviel Oberröcke sind genug für eine ein­fache Frau; und wenn sie sich gottgefällig mit weniger begnügt hätte, so hätten noch fünfzig Arme mit dem Preis eines einzigen ihrer Röcke bekleidet werden können." Und so sei die arme Seele dem Teufel zugefallen.

Umso besser, daß der tiefsinnige Weise von Königsberg, der unverheiratet gewesene und darum hübsch unparteiische Kant, den Frauen philosophisch zu Hilfe kommt. Er meint, das Ver­langen der Weiblichkeit,durch die veränderlichen Erfindungen des Putzes zu schimmern", sei, sofern es mit Geschmack geschehe, gar nichts Beleidigendes für andere", vielmehr etwas sehrArtiges", und es liege kein Grund vor,dagegen mit un­wirschem Tadel vorzugehen". Im übrigen wird sich wohl jede verständige Vertreterin des schwächeren Geschlechts mit dem ernst- männlichen Gutachten Max Haushofers zufrieden geben müssen: Törichte Mode ist alles, was weniger praktisch, weniger natur­gemäß und gesund, weniger dauerhaft, weniger wohlfeil, weniger schön als das bisher Dagewesene ist." . . . Wohlverstanden törichte Mode! Im übrigen aber soll sich eine Frau geschmackvoll und adrett kleiden.

Vermischter.

*Ab er m au s a g t do ch s o!" Wenn man eine verständige Frau auf das Widersinnige einer Adobe aufmerksam macht, so wird sie zugeben, daß man recht hat, aber sie wird hinzusetzen: Es ist nun mal so Mode". Hält man jemand vor, daß er statt

zahlreicher Fremdwörter gute deutsche anweuden könne, so wird er, wenn er gleichfalls verständig ist, das zugeben, aber trotz­dem häufig hinzusügen:Aber man sagt doch so". Und wenn man die Leute fragt, warum sie statt Geldtasche durchaus Porte­monnaie sagen müssen, oder toarum auf einmal überall ein Milieu sein soll, wo früher nie davon die Rede war, ober warum alles Mögliche jetzt intim fein muß, was man einst etwa stimm­ungsvoll nannte, immer wieder wird einem das bequemeAber man sagt doch so" entgegenklingen.Sollte es wirklich für denkende Menschen keinen anderen Weg geben?" so fragt Palleske in der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Ja, wer ist denn dieserman" ? Die große, dumpfe, gleichgiltige Masse, dieser vielköpfige Körper, der doch in Wirklichkeit teilten Kopf hat und ben man mitman" zu bezeichnen pflegt, von bem sollte ich mir Vorschriften machen lassen? Nie und nimmer­mehr! JlSenn ich mir im Laden Briefumschläge fordere, und der Verkäufer sieht mich verwundert an, oder verbessert vielleicht gar meinen Ausdruck mit wohlwollender Ueberlegenheit in seiner Erwiderung zu Couverts, was macht denn das aus? Soll ich etwa um seines' Beifalls willen von Grundsätzen abweichen, die ich für richtig erkannt habe? Nein, auch in sprachlichen Dingen sollte es heißen: Mehr Festigkeit, mehr Persönlichkeit!"

*, Ein Luthersprüchlein. Es ist merkwürdig, wie zäh, ja unausrottbar gewisse Irrtümer sind. Da findet man immer unb überall ein angebliches Wort Martin Luthers:Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr fein Leben laug". Und dabei ist von einem katholischen Geistlichen, P. Gri- far, nachgewiesen, daß dieses Wort nicht von Luther stammt, sondern von dem Dichter Johann Heinrich Voß, der bekanntlich über zwei Jahrhunderte später gelebt hat! Daß der Reformator ein recht lebensfroher Mann gewesen ist, daß er Weib, nämlich fein Weib, und Gesang geliebt hat fein Leben lang, unb im Steife feiner zahlreichen Küiberschar brav musiziert hat, das ist freilich wahr. Den Wein hat er nicht verurteilt, aber immer­hin gesagt, der Teufel Deutschlands sei und bleibe ein guter Weinschlauch.

Humoristische Schüleraufsätze.

Aus einer größeren Serie solcher Aussätze, die inKind unb Kunst" (1. Kinderwelt, 2. Pädagogischer Teil für Eltern und Erzieher. Verlag Alexander Koch, Darmstadt) veröffentlicht ist, seien zwei als Probe hier ioiebeigegeben :

Das Gelb im Topfe.

Einmal sollte ich in einem Topfe Honig holen; bas Gelb aber lag in bem Topfe. Als ich zum Krämer kam, mußte ich warten bis ich an die Reihe kam. Ich gab ihm meinen Tops und er ging hin unb holte den Honig, und als er mir ben vollen Topf geben wollte, sagte er: Wo ist das Geld? Da guckte ich ihn verwundert an unb sagte: Das liegt im Topf! Tran unb Teer.

Einmal sagte Hans seine Mutter: Du sollst Seife unb Soda holen. Hans sagte: Dat kann ick nich beholn. Da sagte seine Mutter: Daun mußt du immer sagen: Seb*) Soda, Seb Soda. Ja, sagte Hans. Und er ging hinunter und sagte dabei immer vor sich hin: Seb Soda, Seb Soda, Seb Soda; da siel er über einen Stein, da sagte er: O Gott! Da hatte er das andere vergessen, und er sagte nun immer: Tron un Teer, Tron un Teer. So kam er zum Krämer und sagte: Tron un Teer Tran und Teer wollte ich haben. Da gab der Krämer es ihm, unb er brachte wirklich Tran nnb Teer mit nach Hanse.

*) Seb (plattdeutsch) Seife.

Lsterarisehss.

Der ländliche Friedhof. Seine Anlage, Pflege und Verwaltung. Von Pfarrer H. Hüttenrauch. Mit Mbildnugen. Presi- brosch. 2,50 Mk. G. Strubigs Verlag in Leipzig.i Der Verfasser wendet sich mit seiner Schrift an Geistliche, Ge­meindekirchenräte, Gemeindevorstände sowie überhaupt an alle, denen die Aufsicht, Pflege und Verwaltung eines ländlichen Kirchhofes obliegt/ Er will vor allem Verständnis für die An­lage und Pflege des Kirchhofes wecken. Das Buch gibt auch für städtische, nicht nur für ländliche Verhältnisse gute Anreg­ungen und Winke. Jeder Berufene kann sich daraus auswählen, was für seine Gemeinde, seinen Geschmack paßt.

Versteck-Rätsel.

Nachdruck verboten.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgenben Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer".

Betschnnanen Finsterniß Bleiburg Reibeisen Deidesheim Wonnemond Stärkekleistcr Wachtposten.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer;

Ein Sperling in der Hand ist besser als eilte Taube auf dem Dache.

Redaktion: Ernst £> e ß. Rotationsdruck unb Verlag der Brüh l'schen Unwersttats-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen«