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„Mer gewiß, Herr Oberregierungsrat, auf baldiges Wiedersehen."
„Adieu, meine gnädigste Frau."
Die Geheimrätin rauschte aufgeregt chrer Tochter entgegen, die Arm in Arm mit Ruth durch das Zimmer schlenderte.
(Fortsetzung folgt.)
MrvostLät und Erziehung.
Bon Emil Kundin s. (Nachdruck verboten.)
In unserem „nervösen Zeitalter" gestaltet sich die Bekämpfung der immer mehr um sich greifenden Nervosität oder Neurasthenie zu einer Frage von größter Wichtigkeit. Saugt doch diese mehr 'lästige als gefährliche „Zeitkrankheit" gleich einem Vampyr an der Energie und Tatkraft des Menschen und zerstört ihm das köstlichste Gut: die Freude am Leben. Wenn nun auch durch eine passende Gesundheitspflege die Nervosität bekämpft, insbesondere jedoch das Fortschreiten bereits bestehender Nervosität zu schlimmeren Formen verhindert werden kann, so ist doch nicht daran zu zweifeln, daß wir das beste und sicherste Schutz?- mittel gegen diesen Feind in einer vorbeugenden Erziehung besitzen. Und gerade auf diese Erziehung paßt Goeche's Ausspruch: „Mit einer erwachsenen Generation ist nicht viel mehr zu machen; seid aber klug und fangt mit der Jugend an, so wird es gehen." Die nachfolgenden Ausführungen werden sich also nicht mit der speziellen Erziehung der sogenannten „nervösen Kinder", die schon frühzeitig die Kennzeichen der Nervosität, wie gestörter Schlaf, allgeineine Unruhe und Erregtheit nsw. zeigen, beschäftigen, sondern wollen allgemein giltige^pädagogisch- Ratschläge zur Heranbildung eines an Leib und Seele starken, von Lebensmut und Lebensfreude erfüllten,^ mit einem widerstandsfähigen Nervensystem ausgerüsteten Geschlechtes geben.
Auf zweierlei hat eine solche Erziehung ihr Augenmerk zu richten: einmal auf die Erzielung größter körperlicher Widerstandsfähigkeit, zum andern auf die einer seelischen Erstarkung. Das Wort der Alten muß ihre Devise werden: „Mens sana in corpore sano". (Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.) Der weitaus leichtere und die sichersten Erfolge verbürgende Teil der Erziehung ist natürlich derjenige, der die Gesundheit des Körpers erstrebt. „
Die Ernährung bestehe in einer nahrhaften, gemischten Kost. Der Fleischgcnuß ist einzuschränkeu, dagegen Milch reichlich zu geben. Kaffee, Tee sowie geistige Getränke sind bis zum 15. Lebensjahr gänzlich zu vermeiden. Zur Stählung des Nervensystems muß der Körper schon frühzeitig durch regelmäßige kalte Waschungen abgehärtet werden. Der Schlaf muß reichlich sein. Niemals dürfen Kinder abends spät aufbleiben, sei es, daß sie Schularbeiten anfertigen oder Lektüre treiben, spielen oder gar an der Geselligkeit der Erwachsenen teilnehmen. Die Regel: früh zu Bett, ist für Kinder konsequent durchzuführen. Die gleiche Bedeutung wie reichlicher Schlaf hat der reichliche Aufenthalt der Kinder in frischer Luft. Häufig hört man jedoch Eltern sagen: „Mein Kind hat keine Zeitzes muß erst seine Schularbeiten machen. Arbeit geht dem Spiel vor." Gewiß trifft die Schule mit ihren hohen Anforderungen, ihrer Ueber- bürdnng der Schüler mit manchem wertlosen Ballast nicht wenig Schuld. Andererseits kann aber nickst geleugnet werden, daß viele Eltern ihrem Ehrgeize das Jugendglück ihrer Kinder zum Opfer bringen. Da werden die Kinder zu den höchsten Leistungen, die natürlich Nervenkrast kosten, angepcitscht. Besonders, aber versündigen sich diejenigen Eltern, die schwachbefähigte Kinder haben und diese in gelehrte Berufe hineinpressen. Diesen bedauernswerten Kindern werden die Jahre auf dem Gymnasium oder anderen höheren Lehranstalten zu einer Kette qualvoller Leiden, die naturgemäß an den Nerven zehren, und den Grund zu oft schwerer Nervosität legen. Den Kindern die Kindheit! Möchten doch die Eltern ihren Lieblingen dieses ihr gutes Recht nicht schmälern! Anstatt sie stundenlang an den Schreibtisch zn fesseln, schicke man sie hinaus in Gottes herrliche Natur, wo sie im frohen Spiel ihre Kväfte betätigen, ihre Jugend genießen können. Mau halte sie an zur regelmäßigen Ausübung eines Sports, sei es Eisläufen, Rudern, Schwimmen oder Radfahren. . Anstatt, wie es leider häufig vvrkommt, die Mußestunden beim Skat oder bei oft öder Unterhaltung zuzubringen, mache man mit seinen Kindern Spaziergänge hinaus in den Wald, auf, Feld und Wiese. Nicht nur ein hoher Gewinn an körperlichem, sondern auch au seelischem Wachstum wird die Folge einer solchen den Naturgenuß und die Liebe zur Natur fördernden Beschäftigung mit den Kindern sein.
Diese letzte Betrachtung führt uns schon zu dem zweiten Teile einer der Nervosität vorbeugenden Erziehung. Ebenso wie ärztlicherseits bei der Behandlung der Nervosität das psychologische Moment immer mehr in den Vordergrund gestellt wird, so gewinnt auch die seelische Erziehung eine ganz besondere Bedeutung, wenn cs sich darum handelt, das spätere Austreten der Neurasthenie zu verhindern. Selbstverständlich ist dieser Teil der Erziehung der weitaus schwierigere, weil er ein seines
Verständnis der Kindesseele, viel pädagogischen Takt, aber auch viel Energie und Konsequenz des Erziehenden erfordert.
Die Psychologie oder Seelenlehre unterscheidet drei Gebiete der menschlichen Psyche: Erkennen, Fühlen und Wollen, anders ausgedrückt: Geist, Gemüt, Willen. Wenn es nun auch eine Hauptaufgabe der Erziehung sein wird, diese drei Gebiete mit einander in Einklang zu bringen, so ist doch wiederum nickst zu leugnen, daß wir im Hinblick ans eine der Nervosität vorbeugende Erziehung besonders die Äilleiisfcite ins Auge fassen müssen, daß wir also in den Kindern diejenige Kraft ausbilden und stärken müssen, die ihnen die Fähigkeit verleiht, aktive Menschen zu werden, die stets den Kopf oben behalten und fick nicht so leickst von den unausbleiblichen Widerwärtigkeiten auf dieser unvollkommenen Erde Niederdrücken lassen. Gerade in unserer die Ausbildung des Intellektes bevorzugenden Zeit kann die Forderung nicht laut genug erhoben werden: Bildet Willens^ menschen! Wie oft hört man heutzutage nickst die Klage, daß es so wenig Charaktere, so wenig Persönlichkeiten gebe, „an die man sich mit Lust mag schließen und mit Zuversicht", wie es im „Wallenstein" heißt. Die Erziehung zur Willensstärke beginne schon frühzeitig. Die Kinder müssen zum unbedingten Gehorsam erzogen werden, ohne daß die Erziehung den Charakter der Härte und übergroßen Strenge anzuuehmen braucht. Es ist aber eine alte Erfahrung, daß die sogenannten Muttersöhnchen, also diejenigen Kinder, denen jeder Wunsch gewährt wurde, die niemals ihre Wünsche unter den Willen ihrer Eltern oder Geschwister ordneten, daß gerade diese später im Leben haltlose Menschen werden, daß sie vor allem einen großen Prozentsatz der unzufriedenen, nervösen Menschen stellen, deren Leben so häufig hinter den Mauern bei Irrenanstalten verläuft. Auf der änderen Seite lehre man das Kind: Verantwortung, selbständige Entscheidung, die sich jedoch dem Willen der Eltern unterordnen muß. Deswegen muß die Erziehung das Gewissen schärfen. Ist dieses doch später ost der alleinige Leiter des Menschen. Das Kind muß überhaupt befähigt werden zur Selbsterziehung.
Ganz besonders wichtig ist es, die Kinder so zu erziehen, daß sie sich leicht einen Genuß versagen können. Freilich müssen die Erzieher in diesem Punkte ihren Kindern ein leuchtendes Vorbild geben. Das Familienleben muß sich fernhalten von einer üppigen Lebensführung. Einfachheit und Mäßigkeit sind die Lebensclixiere aller Zeiten gewesen, und besonders in unserer mit Recht materiell genannten Zeit tut es not, diesen Punkt ganz besonders hervorzuheben. Genußsucht ist der größte Feind der Selbstbeherrschung, der Krone der Erziehung.
„Sich selbst bekriegen ist der größte Krieg, Sich selbst besiegen ist der größte Sieg."
So wichtig aber auch die Erziehung zur Willensstärke, zur Selbstbeherrschung ist, so bedarf doch auch das Gefühls- und Ver- standeslcbcn ganz besonderer Pflege, deren Vernachlässigung, sich bitter rächen würde. Im Gemüte, in der Gefühlssphäre findet der Mensch seinen Himmel, aber auch feine Hölle.
„Es liegt um uns herum
Gar mancher Abgrund, den dos Schicksal grub.
Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste ..." (Goethe: Tasso.)
Die Erziehung muß dafür sorgen, daß dem Kinde sein mitt eine Quelle des Glückes, das nicht aitßer nns liegt, iuerbc. Deswegen muß die Phantasie vor Ausschweifung bewahrt werden. Mair schenke der Lektüre des Kindes feine besondere Aufmerksamkeit. Romane und sentimentale Geschichten dürfen nicht in feine Hände gelangen. „Ich verstand nichts, aber ich fühlte alles" — sagte später Rousseau, der in seiner Jugend ganze Bände Romane „verschlungen" halte. Man erziehe das Kind zur Zufriedenheit und — zur Liebe. Es muß frühzeitig inne werden, daß in dem Beglücken anderer ein unversiegbarer Quell unseres Lebensglückes liegt, daß diese Freuden die schönsten und dauerndsten auf der Erde sind.
Zum Schluß noch ein Wort über die intellektuelle Erziehi- ung unserer Kinder. In erster Linie ist hier vor einer zu lange währenden und zu intensiven Anspannung der Geisteskräfte zu warnen. Es muß stets ein Wechsel zwischen geistiger Arbeit und Erholung, die am heften das Spiel in frischer Luft sein wird, angestrebt werden. Die Geisteshygiene hat aber auch darauf Rücksicht 8n nehmen, daß ein und derselbe Gegenstand nicht allzulange hintereinander getrieben werde, daß vielmehr ein Wechsel der Gegenstände stattfinde. Aber noch einen anderen, überaus beachtenswerten Punkt möchte ich hervorheben. Er betrifft zwar zunächst die Schule, hat aber auch für die Eltern, die doch sehr oft nicht bloß Erzieher, sondern auch Lehrer, Führer zur Erkenntnis sind, Giltigkeit: die geistige Aneignung des Stoffes. Dieser Prozeß verläuft auf uusereu höheren Schulen leider in Bahnen, die den hygienischen Anforderungen direkt zn- widerlausen. Anstatt die Kinder die Ergebnisse der Wissenschaft selbst finden zu lassen, gibt man ihnen fertige Resultate. In dieser Methode liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die geistige Frische des Kindes, und so lange hier nicht gründlich Waikdel geschaffen ist, halben die Eltern die Pflicht, so weit es ihnen möglich ist, in diesem Sinne helfend einzugreifen, ihre Kinder zur geistigen Selbsttätigkeit und damit zum geistigen Frohsinn zu erziehen.


