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yit veil kleinen grauen Männeraugen regte sich ein amüsiertes Lächeln.
„Ich gehöre zu den Menschen, die da zu sagen pflegen: dies und jenes gefällt mir bei anderen sehr gut, nur bei mir nicht."
„Das sind immer solche, die nie probiert haben, wie sie selbst sich bei irgend einer solchen Sache ausnehmen wurden."
Ihre Kampflust fing dem eingefleischten Junggesellen au, Spaß zu machen.
„Gnädiges Fräulein meinen mit anderen Worten, das Heiraten hätte mir schließlich ebenso gut gefallen, wie vielen anderen."
„Ja, sicher! Sie haben ja übrigens noch Zeit, Ber- säumtes nachzuholen."
Der Oberregierungsrat verneigte sich galant.
„Zwei so reizenden Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts gegenüber könnte selbst mein Borurteil gegen die Ehe sich besiegen lassen!"
„Nu also!"
Ruth stand sprachlos daneben. War das wirklich Suse, die in kleinstädtischen Ansichten und Schicklichkeitsbegriffen erzogene Suse, die da mit einem wildfremden Herrn in der ungeniertesten Weise über das heikle Thema des Heiratens sprach.
Noch dazu mit einem Manne, der ihr als passende, gute Partie vorher anempfohlen worden war. In so einem Falle wäre sie ja noch kühler und zurückhaltender gewesen als sonst. Ihr stolzes Blut brannte in ihren Adern vor Scham. Sie versuchte der jungen Schwester irgend ein Zeichen der Mißbilligung zu geben, aber diese bot soeben verführerisch lächelnd dem ältlichen Kavalier eine Tasse Tee imb war int besten Zuge, sein verknöchertes Juuggesellen- herz zu erweichen und auf den Pfad der Ehe zu leiten.
Sie amüsierte sich anscheinend himmlisch dabei und nur als der Oberregierungsrat, nachdent er die Tasse Tee ans ihrer Hand genommen, dankend diese Hand küßte, huschte eine leichte Verlegenheit über ihre beweglichen Züge und ihr Blick irrte verstohlen suchend über die plaudernden Menschengrnppen.
Wer die schlanke Offiziersgestalt des Geliebten war nicht zu erblicken. So nahm sie sorglos ihren amüsanten Flirt wieder auf.
Unterdeß hatte Ruth, da auf noch kommende Besucher kaum mehr zu rechnen war, ihren Platz neben der Schwester verlassen, trotzdem der Oberregierungsrat höflich bemüht ge- wesett war, sie zuweilen mit ins Gespräch zu ziehen. Sie hatte das Gefühl, den Gästen der Tante Liebenswürdigkeit beweisen zu müssen, und da es ihr nicht an gesellschaftlicher Gewandtheit mangelte, vermochte sie recht gut, sich trotz ihres Fremdseins mit den Anwesenden angeregt und lebhaft zu unterhalten. Die Elemente, welche sich int Salon der Geheimrätin zusammenfanden, gehörten dem Gelehrten- tmd höheren Beamtentum au, unter dem die Oberflächlichkeit ein seltener Gast zu sein pflegt.
Ruth fand sich da eher zurecht, fühlte sich angenehut und sympathisch berührt. Das leichte Wortgeplänkel, S-uses Liebhaberei uni) ein Privilegium der Offizicrskreise, lag ihr nicht, wie man zu sagen pflegt, sie stand darin aus uu- sicherem Boden.
Allmählich lichtete sich der Kreis der Gäste, der alten Dame wegen ging inan rücksichtsvoll frühzeitig, nicht nach Hause, das gab's nicht in der Großstadt, nein, man endete noch in einem Theater oder Restaurant.
Ruth Meridies konnte sich endlich der bis dahin stets umringten Geheimrätin nähern, welche, die Spannung int Gesicht der Nichte bemerkend, ihr schon von weitent er- mutigend zunickte, sie daun in ihrer lebhaften Art beint Arm faßte und triumphierend meldete:
„Es geht alles nach Wunsch, mein Kind. Professor Körner, der noch selbst mit Dir sprechen will — ah, siehst Du, er steuert bereits auf uns los — er hat einen guten Bekannten, der einen Malkursus für junge Damen leitet — aber er nimmt nur solche mit ausgesprochenem Talent —"
Sie hatte die letzten Worte schon iu Hörweite des alten Herrn gesprochen, sodaß dieser, au beide Damen herau- tretend, fortsetzte:
„Daß es Fräulein Meridies daran nicht fehlt, davon hat mich die Kopie der Defreggerschen Dorfschönen, die gnädige Frau mir als die Arbeit Ihrer Fräulein Nichte bezeichß
neteit, überzeugt. Ich begrüße Sie als berühmte Kollegin in spe, mein liebes Fräulein."
Der liebenswürdige weißhaarige Künstler hielt ihr lächelnd die schlanke Hand hin, in die sie, vor Freude tief errötend, ihre Rechte legte.
„Ich werde gleich morgen mit meinem jungen Freunde rebett und Sie ihm warm ans Herz legen. Sie melden sich am besten — heute haben wir Dienstag — also Donnerstag zwischen 11—12 Uhr in seinem Privatatelier in der Fasanenstraße. Nehmen Sie verschiedene Malereien und Zeichnungen von sich mit und recht viel fröhlichen Wagemut. Nur nicht durch kleine Hindernisse abschrecken lassen. Wer zur Höhe will, muß durch Dick und Dünn gehen."
Ein forschender Blick des Künstlers überflog rasch das schöne, stolze Mädchengesicht mit dem leisen Zug von Resignation um den schmalen Mund. Zweifel stiegen in ihnk auf, ob diese herbe, keusche Mädchenblüte geschaffen war für den Weg durch Dick und Dünn, auf bett eigener Wille sie führte. Ein Künstler strebte hohen Idealen zu in seinem Schaffen, aber er mußte dafür manch andere Ideale aus- geben.
Ob sie dazu fähig war? Ohne schwere innere Kämpfe jedenfalls nicht. Sie tat ihm eigentlich leid, sie gehörte in den engen Kreis der Familie, nicht in was stürmisch wogende Meer des Daseinskampfes.
Ahnte Rnth^eine Gedanken? Ihre Augen hatten einen seltsam bangen Ausdruck, die jähe Angst des Menschen, der sein Schicksalsrad ins Rollen gebracht hat und fürchtet, seinen Lauf nicht mehr aufhalten zu können. Wenn sie iHv Ziel nicht erreichte? Wenn alle Mühe, alle Kosten unnütz verschwendet waren? Da tönte wie aus weiter Ferne, doch ganz deutlich die klangvolle, sympathische Männerstimme:
„Ein halbes Jahr tüchtigen Unterrichts und sie sticht manchen von uns ans."
Ihre Gestalt straffte sich, ein befreiter Zug trat in ihre Augen.
„Vielen, vielen Dank, Herr Professor!" sagte sie auf- atmend, „toenit Sie sich wirklich bemühen wollen, so melden Sie mich bei —“ sie stockte und lächelte dann, „ich weiß ja noch nicht den Namen des Herrn."
„Willy Hammer!"
„Ach, den Namen habe ich erst neulich gelesen, er hat ein Porträt der schönen Prinzessin v. P. ausgestellt —"
„Ja, er ist einer unserer bedeutendsten Porträtisten, hat aber auch schon vorzügliche andere Bilder gemalt — Sie können keinen besseren Lehrer finden. Also viel Glück auf den Weg, mein gnädiges Fräulein."
Er reichte Ruth Abschied nehntend die Hand und neigte sich über die reich beringte Rechte de-r Geheimrätin, die noch ein paar Schritte neben ihm her bis zur Tür ging, ihm nun ihrerseits einige Dankesworte sagend. Als sie sich ins Zimmer zurückwandte, sand sie sich dem Oberregierungsrat gegenüber.
„Ich muß mich leider ebenfalls verabschieden, meine gnädigste Frau!" meinte er verbindlich, „eine Besprechung ruft mich noch an einen anderen Ort. Es fällt mir schwer, ich habe selten eine so genußreiche Stunde verlebt. Ihre kleine Nichte ist ja ein bezauberndes Geschöpf."
„So? Nun, das freut mich zu hören!" sagte die Ge- heimrätiu trocken, innerlich kopfschüttelnd über den „alten Esel", der so schnell ins Garn gegangen zu sein schien. Er sah wahrhaftig ganz rot und animiert aus und sprach lächelnd weiter:
„Fräulein Meridies hat mir zwar die unglaublichsten Dinge an den Kopf geworfen — in ihren Augen bin ich als alter Junggeselle scheinbar ein Ungeheuer — aber sie hat etwas so natürliches und naives, sie wirkt wie ein Schluck frischen Ouellwassers, das man trotz aller anderen Genüsse stets zu schätzen weiß."
Die Geheim tin zog die Augenbrauen hoch. Donnerwetter, dachte das scheint ja ernsthaft zu werden. Wär' ba§ ein Glück p . das Mädel.
Bloß nicht merken durste er, daß er gekapert werden sollte.
„Ja, sie ist ein liebes Kind! Noch ein bißchen unerzogen, aber wenn sie erst mehr in Gesellschaft kommt, schleift sich das ab."
„Wie ich schon sagte, gerade das wirkt so erfrischend an ihr, wir sind in Berlin solch reizende Naturkinder nicht gewöhnt, ich hoffe, öfter das Vergnügen zu haben, Fräulein Meridies bei Ihnen, gnädige Frau, Wiedersehen zu können."


