223 —
Kundeflerfcheffer.
Ist dieser Zeit der „Fleischnot" hat man hier und da wieder einmal auf „Fleischsvrten" gewiesen deren Verbrauch zu gewöhnlichen Zeiten bei zivilisierten Völkern mehr oder weniger verpönt ist. Die Katze ist zwar als „Dachhase" eine ziemlich ständige Erscheinung in den Witzblattern, aber diese übertreiben eben dann genau so, wie bei den Leutnants- und Studenteuwitzen. Als eine noch größere Verirrung erscheint uns der Gebrauch oder vielmehr Mißbrauch des treuesten .Haustieres des Menschen, des Hundes.
Aber HundefleisKcsser hat es nicht nur in Zeiten der Fleisch- teuerung, sondern seit altersher und bei vielen Völkern gegeben. Wie E. Jloeßel in seinem jetzt erschienenen*) Buche „Der Hund, cm Mitarbeiter an den Werken des Menschen", ausführt, gibt es Hundefleischesser in vieleii Ländern und gab es zu. allen Zeiten. Ja, der Genuß des Hundesleisches reicht sogar zurück bis in die Periode der Steinzeit! Die englischen Forscher Bohd Dawkul und Minsk berich-ten, daß die ehemaligen Bewohner der großen britannischen Höhlen Hundefleischesser gewesen seien. Beweis dafür sind die in großen Massen aufgefundenen, zerschlagenen Kstochcn von Hunden, die in diesen Höhlen gelagert waren. Die Kstochcn wurden als solche von meist jungen Tieren erkannt. Daraus ist mit Sicherheit zu schließen, daß die getöteten Hunde dem Menschen zur Nahrung dienten.
Bon der Periode der Steinzeit her übertrug sich der Genuß des Hundesleisches als Nahrungsniittel auf die nächstfolgenden, uitb so begegnet uns die nämliche Verwendung dieses Tieres auch schon in dem ältesten geschichtlichen Zeitalter. Zunächst waren es die Karthager, die uns als Hundefleisch essendes Volk bezeichnet werden und als solches berühmt waren, weshalb man sie „Eanarii", das ist Hundeesser, nannte, dann die Griechen, welche, wenn der Hundefleischgenuß bei ihnen auch nicht allgemeiner Brauch war, doch den Hund als Speisetier nicht verachteten. Die nämliche Stellung zum Genuß dieses Fleisches nahmen die Römer ein, was von Jestus berichtet wird. Junge, säugende Hunde hielt man für eine sehr reine Speise: bei dein Antrittsschmause der Priester, der bei dem der Moua Genita, der Göttin der Geburten, dargebrackten Huudeopfer veranstaltet wurde, stellte mail zu Ehren der Götter einen jungen, als Speise zubereiteteu Hund auf die Tafel. Ebenso erscheint Huudefleisch bei den Festmahlen, die zuni Antritt ihrer Aemter von Magistratspersonen veranstaltet ivurden. Ein Dichter, welcher von Athenäus angeführt wird, sagt, daß der Huild gut zu essen sei zur Zeit der Weinlese. Phor- phyrius hingegen behauptet, die Griechen äßen Hundesleisch nicht. Sextus Enipirius widerspricht dem und sagt, daß wie bei einigen Völkerschaften Thrakiens so auch bei den Griechen es Brauch gc- iveseil sei, Huudefleisch zu essen. Auch in Mauritanien, iiahe am Atlas, gab es Hundefleischesser, die deshalb auch Eanarier genannt wurden.
Unter der Negerbevölkernng im Innern Afrikas ivird der Hund gleichfalls an vielen Stelle» gegessen, m Südkamerun bildet er die Speise der Mieger. Er ivird dort kastriert und gemästet. Die Wahehe in Deutsch-Ostafrika zählen ebenfalls zu den Stämmen, bei denen Hunde gegessen werden. . Gemästet werden die Hunde auch in Angola, einer Landschaft in Nieder- gninea, und dann auf dein Markte feilgeboten. Man zahlt dort für einen fetten Hund bis 22 Sklaven! In Otahaiti in der Südsee wird der Hund mit Kräutern gefüttert. Ist die Mast vollendet, so wird das Tier zwischen Heiß gemachten Steinen gebacken und als Feinkost verspeist. Die Mikronesier, die Bc- wohncr der Marschall Gilbert-Inseln, bevorzugen unter ihren Haustieren ebenfalls namentlich den Hund als Genußuiittel. Die gleiche Vorliebe für den Hund als Speisetier hegen die Neger an der Goldküste. Sie mästen ihn in besonderen Ställen und auch sie verkaufen das Fleisch desselben auf dem Markte nach Gewicht. In Asien sind es vornehmlich die Tuugusen und Chinesen, welche dem Genüsse von Hundesleisch Huldigen. Erstere verzehren nicht nur das Fleisch des Tieres, sondern trinken auch sein Mut. Die Chinesen verspeisen aber Hundefleisch ebenso häufig wie anderes Fleisch. Auch hie Haklos, ein kräftiges Gebirgsvolk, welche die Höhenzüge im Westen von Anwy bewohnen, sind als Hundeesser allgemein bekannt. Hundeschinken sind in China als eine große Delikateste geschätzt und bringen als solche sehr hohe Preise ein, indem sie bis zu fünf Taels das Pfund kosten. Sie werden Hauptsächlich in der Provinz Hu-uan geräuchert, wo man Hunde einer besonderen Rasse zu diesem Zwecke mästet. Huudefleisch ist auch für die Bewohner von Korea eine beliebte Speise, und Hundefleischbrühe bildet geradezu das „Non plus ultra" der koreanischen Speisekarte. Für Masthundezüchter erscheiut Korea als wahres Dorado. Man verkauft das Pfuud Hundefleisch lebend zu zwei bis drei Mark, und das angenehmste Geschenk, welches der König den Mandarinen und anderen seiner Beamten machen kann, besteht in einem — nicht Hühnchen, sondern
Hündchen zur Suppe. Die Malaien züchten nur eine geringe Anzahl von Tieren, namentlich den Büffel, den sie beim Reisbau zum Ziehen der Wagen oder Pflüge gebrauchen. Hunde, die sie zur Jagd halten, werden in manchen Gegenden von ihnen gegessen, selbst dann, >venn erstere scknver erkrankt sind.
*) Wir entnehmen die Abhandlung dem Werke „Der Hund, ein Mitarbeiter an den Werken des Menschen". Von Ernst Jloeßel.
Als die Spanier Amerika entdeckt hatten und das Gebiet der neuen Welt betraten, fanden sie bei verschiedenen Stämmen der Ureinwohner verschiedene eigentümliche Hunderassen, wie den peruanischen und mexikanischen Htind vor, welche als Haustiere gehalten und gegessen wurden. Als das erste Dampfschiff bei den Sioux anlangte, wurden die Reisenden von den Häuptlingen zweier Stämme zu Ehren „des großen weißen Häuptlings" zu einem Festmahle eingeladen. Die Indianer boten das Beste, was sie hatten: Büffelhöcker, Büffelmark und Hundesleisch. „Wir bringen dir unsere Herzen zu diesem Fest, wir haben unsere treuen Hunde geschlachtet, um euch damit zu speisen, und der große Geist wird unsere Freundschaft besiegeln." Äuch Prinz Paul Wilhelm voll Württemberg erzählt in seiner Reiseschildernng von einem solchen Hundeessen im Innern Nordamerikas. Noch ist hier der Eskimos zu gedenken, deren einziges Haustier der Hund ist, der in Seiten der Not von ihnen geschlachtet rind dessen Fleisch alsdann verspeist wird. Auch zur Zeit der Kreuzzüge verspeisten, wenn andere Fleischkost nicht aufzutreiben war, die Kreuzfahrer gebratene Hunde.
In London gehört der „Hundefleischverkäufer", wie man deren in den belebtesten Straßen der Stadt regelmäßig antrisft, zil den interessantesten Erscheinungen des anziehenden Straßenlebens der Riesenstadt. Schon vor mehr als einem halben ^J ahrhundert schrieb man aus Berlin, daß man in der preußischen Residenz Hundebraten sehr häufig sinde. Hundediebstähle, che- gangen zur Befriedigung dieser Geschmacksrichtung, kämen sehe oft vor. In noch früherer Zeit schon war die bekannte Weberkolonie Nowawes bei Potsdam wegen Hundemästens und -Schlachtens berüchtigt, so daß man sich dort wohl vörsehen mußte, seinen Hund nicht aus den Augen zu lassen, wenn man mit diesem das Dorf passieren mußte. Aber auch in anderen Gegenden Dentscht- lands, in Stadt und Land, spielt der Genuß voll Huudefleisch noch heute eine wichtige Rolle, und wenn die Zifferangaben über den Konsum von Hundesleisch in unseren Städten keineswegs als erhebliche bezeichnet werden können, so muß man annehmeu, daß sie in Wirklichkeit viel Höher sind, als sie überhaupt in Berech» nung gestellt werden können, weil eben nicht alle als gestohlen geschlachteten und die aus dem Lande verspeisten Hunde ist jenen Angaben mitenthalten sind.
Aus Sachsen berichtet Kohl in seinen Bemerkungen über die Küche und Nnhrungsweise der Antvohner des Erzgebirges im Jahre 1845:
„In den Konversationen, die Dr. Johnson während lemeä Lebens mit seinen verschiedenen Freunden geführt und die sein treuer J-rennd Dr. Boswcll in feinem „Life vs Dr. Johnson^ alle genau verzeichnet und publiziert hat, kommt auch ein Gespräch vor, welches Dr. Johnson mit jemand über die kuriose Sitte des Hundeessens in China gehabt hat. Die Herren ivuudern sich in diesem Gespräch gegenseitig über daS, was sie sich einander davon erzählen, wie viele Chinesen den Hundebraten für einen delikaten Bissen halten, wie sie die Hunde hierfür mästen, luie eÄ in ihren Städten und Dörfern eigene Hundeschlächter gibt, und wie diese Huudcschlächter von den lebendigen Hunden sogleich ausgespürt und so gefürchtet werden, daß sie nur durch ein Dorf zu gehen brauchen, um gleich alle Hunde in Aufruhr zu setzen und sie samt und sonders hinter sich her auf den Fersen zu haben. Vielmehr noch hätten Dr. Johnson und seine Freunde sich gewundert, wenn sie gewußt hätten, daß sie alle dieselben Dinge auch in beit sächfischien Dörfern in der Nähe von Dresden sehen und erleben können. In der Tat, der Genuß des Hundesleisches (auch des Kätzenfleischesl ist hier unter den Leuten ziemlich verbreitet, gewöhnlich allerdings nur bei sehr armen und verkümmerten Leuten, zum Teil aber auch bei den ordentlicheren und wohlhabenderen. Man halt das Hunde- und Katzen- fett hier durchweg für ein sehr treffliches Mittel gegen Brust- übel, und fast alle die, welche an der Brust oder Lunge, an Husten, Schwindsucht und Asthma leiden, suchen sich diese Medizin zu verschaffen, essen sie oft jahrelang und gewöhnen sich so an ihren Genuß. .Die Hundeschlächter — mir wurden mehrere in verschiedenen Orten als ziemlich allgemein bekaunte bezeichnet — treiben einen ordentlichen Handel mit dem Fette, das sic zum Teil an die Apotheker in den Städten, zum Teile an die mit Asthma behafteten Personen verkaufen. Ick habe fast in jedem der Dorfe« in meiner Nachbarschaft wenigstens einen oder zwei solcher Hundeschlächter gefunden. In manchem Dorfe nannte man mir auch ganz wohlhabende Bauern, die nicht nur zn solchen Huiide- schlächterit kommen und ein Stück Braten essen, sondern die auch zuweilen ihre eigenen Hunde mästen und schlachten. Manche sind darauf mehr erpicht, als auf Lammbraten. Diejenigen, welche sich mit dem Schlachten der Hunde befassen, werden ebenso wie in China sogleich von den Hunden erkannt und es gibt ein schreckliches Geheul und einen allgemeinen Ausruhr unter den Hunden eines Dorfes, wenn ein solcher Mensclftdnrch einen Ort geht. Es ist interessant (?\. die Aufregung der Tiere in solchem Falle zu beobachten. Sie kennen ihren Feind sogleich, denn selbst wenn er glaubt, nichts von Hnndesleischgeruch an sich zu haben, so weiß die feine Nase der Hunde doch noch genug davon auszuspüren. Sie kommen aus allen Hoftüren heulend und bellend heraus, Raufen hinter jenem her und verfolgen ihn oft bis weit zum Dorfe hinaus. Doch bellen sie nur, beißen ihn aber nie, denn sie haben eine tödliche Furcht vor einem solchen


