Ausgabe 
18.4.1906
 
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Mittellose Mädchen.

Roinan von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wenn sie ihn so selbstlos liebte, wie sie's bis dahin n em eint, so hätte sie ja sroh sein müssen, ihn so gnt- gestimmt und liebenswürdig zu sehen, sich selbst und an­deren zur Freude. Alles in ehr sträubte sich im Grunde auch dagegen, an der ehrenhaften, charakterfesten Ge­sinnung ihres Mannes zu zweifeln. Er war Nicht der be- auemste Ehegatte gewesen, aber sie hatte doch zu dem Manne in ihm immer voll Stolz aufsehen können. Sie Meinte es nicht ertragen zu können, ihn kleiner zu stnden, als den, den sie seit Jahren liebte und achtete.

Und so verschloß sie eigentlich gewaltsam die Augen für die Entwicklung der Dinge, mit der sich bereits das ganze Dienstpersonal lebhaft skandalierend beschäftigte.

Der Herr Hauptmann" war ja ftetS: dort zu finden, wo dasgnädige'Fräulein" war. Er ließ sie keinen Schratt mehr allein ausgehen, und .als seine Frau durch em leichtes Schnupfenfieber ein paar Tage lang ans Znnmer gefesselt war, begleitete er die junge Verwandte sogar aufs Eis und fand sich plötzlich nut Schlittschuhen neben Suse und Trautendorf, welch letzterer mühsam einen rstuch unter­drückte, ivas von senler Angebeten wohl bemerkt ituo nut großer Genugtuung ausgenommen wurde. Ohne daß sie sich dessen bewußt war, verfügte sie über die Künste der raffi- meX Sre"zttgte ^freudigste Ucbcrraschung, daß der "Bstter", wie sie ihn nun schon nannte, ihretwillen sich aufs Matt­eis gewagt hatte, und sie verschwendete so viel Schel­merei und Liebenswürdigkeit mt ihren neuen Kavalier, daß Trautendorf in einem Zlistand neben dem luftigen Paar herfuhr, in dem der Menschvor Wut z,l platzen" meint. War es nicht genug, daß der Hauptmann mit offenkundiger Absicht jedes Alleinsein zwischen ihm und dem geliebten Mädchen zu vereiteln wiißte, daß er Suse sogar von den Proben zu den lebenden Bildern persönlich abholte, wahrend den anderen jungen Mädchen selbst von den Eltern nur der Bursche als Schutz gesandt wurde? .

Und war es nicht gemeines Pech, daß er bei den letzten Gesellschaften nie Suses Tischherr gewesen, ja nicht einmal neben ihr hatte sitzen dürfeir. .

Daß Bittner zweimal der Glückliche gewesen, schrieb er wutschnaubend derkalten Hundeschnauze" der Frau von Brockhaus zu, die sicher dort ihren Einfluß bei der Tisch­ordnung geübt hatte. Freilich, sehr nahe am Ziel schien der rotblonde Offizier auch, nicht zu sein. Er hatte Stunden, in denen er, der sonst so Phlegmatische, etwas Nervöses Uiid Unflates zur Schau ttug. ,

Fritz Trautendorfs Stirn hätte sich schnell euiwoikt, wäre ihm ein Blick in Suses Köpfchen gestattet gewesen.

Sie war ja mit all ihren Gedanken nur bei ihm und em­pfand unnennbare Zärtlichkeit und überströmende Liebe, wenn sie ihn nur in ihrer Nähe wußte, seine Augen auf sich ruhen fühlte. Sie kostete vollbewußt die Seligkeit ihrer ersten Liebe aus und freute sich nebenbei noch ihrer,sonstigen Erfolge, ohne daß sie im Entferntesten ahnte, wie gropes Unbeil' sie stiftete und welche Qualen der Eifer,ucht und! des Zweifels sie drei Männerherzen bereitete.

Der Niiglücklichste war jedenfalls Max von Brockhaus, denn die Hindernisse, welche sich seiner späten Leidenschaft entgegenstellten, waren unübersteiglich- iind es gehörte die ganze tatkräftige Energie seiner Natur dazn, überhaupt an die Möglichkeit einer Bereinigung mit Suse zu denken. Es kamen Stunden, da er verzweifelt an verschlossener Pforte rüttelte mit dem festen Willen, sie gewaltsam zu erbrechen, und andere, da sein stark ausgeprägter Ehrgeiz sich ebenso, erbittert dagegen anflehnte, um eines Weibes willen feine glänzend verlaufene heiß erstrebte Karriere aufzugeben. Er verspottete dann selbst mit ätzender Schärfe denJohannis-, trieb", in dem feine betrogene Jugend sich an ihm rächte. Kam er dann aber mit sich selbst zerfallen und wütend! auf die Störerin seiner Ruhe aus dem Dienst und sah oben am Erkerfenster Suses blondes Köpfchen, ihr strahlendes Begrüßungslächeln, dann pfiff er, wie er sich innerlich sagte,! auf dieglänzende Karriere" und meinte, mit dem dümmsten Leutnant tauschen zu können, wenn er die blühende junge Gestalt, die oben im Entree manchmal aus irgend einem Winkel heraus den Heimkehrenden zu erschrecken suchte, hätte als sein Weib in die Arme schließen können.

Eine drängende Lebensfreude, eine förmlich knaben­hafte Ausgelassenheit erfüllte ihn dann. Mit ungerechter! Bitterkeit klagte er seine Frau dafür an, daß sie nicht ver­standen, das, was eilte trübe Jugend ihm vertagt hatte, in ihm zu erwecken. Hatte sie überhaupt je versucht, ferne Interessen und Liebhabereien zu teilen?

Suse wußte schon jetzt besser Bescheid ut der Rang­liste, als seine Frau und halte ungeheuren Respekt vor der Tatsache, daß derBeller" Aussicht halte, in den großen Generalstab kommandiert zu werden.

Auch ihr Verständnis für Pferde halle ftcij überraschend schnell entwickelt. Ach und löte gern hätte sie reiten ge­lernt! Es war eine große Versuchung für den Hauptmann, der er wohl nur im Hinblick auf Suses heimatliche Berhalw Nisse widerstand. Seine Frau hatte ihm auch aus dieses! Gebiet aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen können.

Wie entzückend hätte Suses junge, geschmeidige Gestalt zu Pferde ausgesehen! Er sagte ihr das auch einmal un Stall als sie neben ihrem Lieblitlg, der hellglänzenden GoldfuchsstuteSenta" lehnte, die bereits den Kopf nach ihr wandte, wenn sie schmeichlerisch ihren Namen nej.

Ach reiten!" batte Suse erwidert und dann die Lippen geöffnet, wie eine' Dürstende. Und der Mann hatte die bebenden Hände fest um die Reitgerte geklammert, um da» junge, genußfähige Geschöpf nicht an ferne Brust zu reißen,