Ausgabe 
17.12.1906
 
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Nein, ich möchte nur sterben, nicht leben,' erwiderte sie.

»Der Wunsch wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach »rflillt werden können, Sie haben den richtigen Weg dafür ringeschlagen. Nur zu denken/ fügte er bedauernd bei,daß der Revolver in Creeks Teich war, ungefähr das einzige Ge­wässer, das wir nicht durchsucht haben."

Es war nicht schwierig, das Verfahren gegen Betsy Fenton rinzuleiten. Die Mordivaffe ivurde an der Stelle gefunden, die sie bezeichnet hatte, die Leute, die ihn ihr verkauft hatten, erkannten ihn wieder und bestätigten ihre Angaben, der Be­weggrund der Tat war leicht verständlich Eifersucht und Rache.

Ebensowenig Schwierigkeiten bereitete es, Lady Waynes Freilassung zu bewirken. Lord Wayne bestand darauf, daß Werner ihr die Kunde ihrer Befreiung überbringen solle.

Es ist alles dein Werk," sagte er tiefgerührt.Du hast den Faden aus diescin Labyrinth gefunden, hast die Frau, stie ich Gattin und du Mutter nennst, vor Schmach und Er­niedrigung gerettet, hast sie in Wahrheit und Wirklichkeit vom Tode errettet!"

Und zur Belohnung dafür sollte Werner ihr verkünden dürfen, daß das anscheinend so unwiderstehliche Beweismaterial gegen sie salsckDsei, daß sie frei sei.

Wie sie ihm weinend um den Hals fiel, wie sie ihm dankte, das alles läßt sich besser denken als beschreiben.

Ach, wenn ich bedenke, daß du, mein Sohu, mich retten solltest!" rief sie ein über das andere Mal.Du, den ich (o viele Jahre lang als tot betrauert habe!"

Herr Sinclair stand im Vorzimmer und machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er ehrerbietig bei Seite trat, um Lady Wayne vorbei zu lassen.

Ich bitte sehr um Entschuldigung, Mylady," sagte er; es war ein berufsmäßiger Irrtum."

Hoffentlich nehmen Sie sich eine gute Lehre daraus," erwiderte sie,im übrigen haben Sie Ihre Pflicht getan dafür kann ich nieniandcn tadeln."--

Diesen selben Abend verbrachte Lady Wayne wieder in ihrem prächtigen Heiin in Gesellschaft ihres Gemahls und ihres Sohnes. Betsy Fenton brachte ihn schon in der Ge­fängniszelle zu.

Sie sprachen viel über sie, sowohl vor, wie nach dem Verhöre. Sie war so jung, ihre Schönheit so wild, ihr ganzes Wesen so eigentümlich, ungezähmt und ursprünglich, und dabei war ihre Liebe zum Leben so ganz und gar geschwunden, ihr Verlangen nach dem Tode so groß und stark.Jack ilt tot!" Das schien ihr Grund genug, sich auch den Tod zu wünschen.

Die Verhandlung gegen Betsy Fenton wegen des vor­sätzlichen Mordes au Jack Jefferies erregte Aufsehen., Es war wie ein merkwürdiger Roman es fehlte an keinem der Elemente zu einer großen Tragödie. Das Einzige, was das große Publikum nicht verstand, war, wie nur Lady Wayne daran beteiligt war, warum man sie für schuldig gehalten, und ivas sie mit Jack Jefferies zu tun gehabt hatte. Es geschah im übrigen alles, was sich tun ließ, um Betsy zu retten. Der erste Advokat des Landes übernahm ihre Verteidigung. Ihre Unschuld beweisen zu wollen, war nutz­los dafür war keine Aussicht vorhanden, ihr Schuld­bekenntnis war zu deutlich gewesen. Ec tat also, was manche klugen Leute unter solchen Umständen tun, er stellte sie als geistesgestört hin.

Es fanden sich Nachbarn in Menge, die, beeidigen konn­ten, daß sie immer ganz anders gewesen, wie andere Leute wild, hitzig, rachsüchtig. Wieder andere beeidigten man­cherlei Einzelheiten über ihre Mutter, und daß die Tochter einer solchen Halbwilden notwendig anders sein müsse, wie normale Menschen. Vielleicht auch rührten ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Verzweiflung; der Richter wenigstens resümierte nach den Plaidoyers sichtlich zu ihren Gunsten, und die Geschworenen erklärten sie für geistig gestört. Geistesgestört allerdings, wenn Eifersucht, wenn glühender Haß, wenn wildes Verlangen nach Rache, wenn vollständige

Gleichgiltigkeit gegen das Leben anderer geistige Störung genannt werden kann.

Urteil: Lebenslänglicher Kerker. Alles war damit ein­verstanden. Niemand konnte sich denken, das Mädchen sei ganz bei Sinnen, und wenn es wirklich jemand dachte, so agte man doch nichts, was ein Mädchen von Neunzehn aus's Schaffott hätte bringen können.

80. Kapitel.

Aylesford Manor.

Die schreckliche Prüfung mar vorüber, und wieder war Lady Wayne daheim auf Kenninghall. Was mar der Preis, den sie für ihre Torheit und ihr Geheimnis bezahlte?

An ihren Namen knüpfte sich, so lange sie lebte und eine lange Reihe von Jahren mar ihr noch beschieden , eneS geheimnisvolle, nngreifbare Etwas, das man als Ge­rücht kennt.

Lady Wayne ah! jawohl ich erinnere mich. Man erzählte sich seinerzeit mal sehr Sonderbares von ihr; was mar es doch nur gleich?"

Und die Antwort war dann:

Es war so etwas von einem Morde; aber was e3 eigentlich war, ist mir nie so recht klar geworden. Niemand erfuhr überhaupt die ganze Geschichte.

Es war eine Enttäuschung für Ihre Durchlaucht von Chisledon und Mistreß Isabel Wayne, als Lord und Lady Wayne zusammen nach Kenninghall zurückkehrten. ,

Es kann doch wohl nicht wahr sein, daß sie^ wirklich des Mordes angeklagt gewesen ist," meinte die Herzogin; sonst wäre sie doch sicher jetzt nicht wieder hier?" .

Doch Mistreß Isabel versicherte ihr hoch und heilig, sie ei tatsächlich des Mordes an Jack Jefferies beschuldigt geivesen. , , ,

Dann, als die Geschichte von Betsy Fenton bekannt ward, teilte sich die Grafschaft in zwei Parteien die eine erklärte, die ganze Geschichte mit Lady Wayne beruhe nur auf einem durch die Ungeschicklichkeit der Detektivs herbcr- geführten Irrtum, die andere Hälfte erklärte, daß gute Gründe für alle Gerüchte vorgelegen hätten, daß die ganze Geschichte aber vertuscht worden sei, >vie Geld, Rang und Einfluß eben alles vertuschen könnten.

Das war der Preis, den Lady Wayne für ihr Geheim­nis zahlte. Doch es war noch nicht alles.

Ihr Gemahl, der sie so hingebend iiiid über alles ge­liebt imd ihr so unbeschränkt vertraut hatte, liebte sie zwar immer noch, vielleicht auch noch ebenso wie früher, aber ein Schatten war auf sein Leben gefallen, den keinerlei Be­mühungen von ihr je völlig zu vertreiben vermochten.

Er machte ihr nie auch nur den geringsten Vorivurf. Er gab nicht zu, daß das iinglückselige Thema in ihrer Gegen­wart auch nur erwähnt wurde, er bezeigte ihr die aufrich­tigste und ritterlichste Verehrung und Achtung, aber der Schatten mar da. Zum ersten Male ruhte ein Makel auf dem Namen Wayne ein Schatten lag zwischen Mann und Frau, den nichts jemals völlig verscheuchte.

Und nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Mutter und Kindern. Sie bewahrten den liebend- sten Glauben, die größte Verehrung für sie; sie waren stolz auf sie; aber dasselbe ungreifbare, undefinierbare Etwas verfolgte sie auch hier.

Dann hatte sie noch das Spießriitenlaufen des Staiinens bei sämtlichen guten Freunden und Bekannten durchzumachen, denn Lord Wayne wollte von weiterer Verheimlichung und Verbergerei nichts inehr wissen. '

Im Verlauf einiger Wochen machte ein Artikel dis Riinde diirch die Zeitungen, worin in höchst diplomatischen Ausdrücken initgeteilt wurde, es sei noch nicht allgemein bekannt, daß der seinerzeit so tief betrauerte Staatsmann Edward Aylesford eine Witwe und einen Sohn hinterlassen, daß seine Witwe Lord Wayne auf Kenninghall geheiratet habe, und daß sein Sohn in aller Bälde die Aylesford'scheu Güter übernehmen würde.

Sie hatte alles anzuhören, was jeder dazu sagte, hatte