1906
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Im Nauue des Keöeinmtsses.
Noinan von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten/ (Schluß.)
79. Kapitel.
Herr Sinclair im Unrecht.
Endlich, endlich in London! Werner wußte tatsächlich nicht, was er zunächst tun, wohin er sich wenden sollte; er war ungewiß, welchen Weg er in dieser Angelegenheit ein« Zuschlägen hätte. Endlich entschloß er sich, direkt zu Lord Waynes Stadtwohnung zu gehen.
Der Wagen hielt vor dein großen stattlichen Tore. Der öffnende Diener war nicht wenig überrascht, als er Mr. Jefferies und bei ihm eine Dame in der Kutsche erblickte. Werner fragte sofort nach Lord Wayne.
„Mylord ist zu Hause," versetzte der Mann, „aber er empfängt niemanden."
„Er wirb mich empfangen," sagte Werner, „wenn Sie ihm sagen, daß ich hier bin und Neuigkeiten mitgebracht
Als er nach Verlauf einiger Minuten in die Bibliothek gewiesen wurde, wo Lord Wayne allein und brütend saß, erkannte Werner ihn kaum wieder.
Er sah auf, als Werner ins Zimmer trat, aber kein Lächeln kam in seine verstörten Züge.
„Ich habe gute Neuigkeiten für Sie, Lord Wayne," begann Werner. „Lady Waynes guter Name ist gerettet!"
„Es ist zu spät, als daß irgend etwas den guten Namen der Waynes noch retten könnte; es gibt keine Zeitung in London, die nicht irgend eine wahre oder falsche Mitteilung über diese Sache enthält. Ich bin bei jedem Advokaten von
lsikr gewesen, aber keiner gibt mir auch nur die geringste Hoffnung, meine Gemahlin von dieser Anklage entlastei/zu können."
„Sic wird entlastet werden, und zwar vollständig; denn ich habe die Person, die die Tat begangen hat, hier bei mir, hier im Hause!"
Lord Wayne sprang empor.
„Jst's wahr? Kanns wahr sein? O, Gott sei gelobt und gepriesen! Die Person, die die Tat begangen? ' Wer ist's? Sagen Sie mir's schnell — schnell — ich kann die Ungewißheit schlecht ertragen'"
„Es ist ein junges Mädchen — um das Jack Jefferies gefreit, der er die Ehe versprochen, und die er dann ver- loffeii hat. Sie müssen Mitleid mit ihr haben, Lord Wayne; sie liebte ihn so sehr, daß sie, glaube ich, fast den Verstand verloren hat, als er sie verließ."
„Nein, nein, icb kann ihr das Unrecht, das sic auf mich
und die Meinen hat kommen lassen, nie verzeihen. Wo ist sie? Lassen Sie mich sie sehen."
Werner öffnete die Tür des Vorzimmers, wo Betsy mittlerweile gewartet hatte.
Doch kein Wort des Vorwurfes kam über Lord Waynes Lippen, als er das totblasse, verzweifelte Gesicht sah, dessen Jugendlichkeit und wilde Schönheit den Kontrast nur erhöhte.
Sie sah auf, als er das Zimmer betrat.
„Ich habe Jack Jefferies erschossen!" sagte sic einfach.
„Armes Kind," murmelte er vor sich hin, „armes, unglückliches ftinb! Von Liebe zur Verzweiflung, von Verzweiflung zu Raserei tuib Morb getrieben!"
„Ich hoffe, man wirb mich nicht lange mehr leben lasten," sagte sie leise, „ich bin bes Lebens inüdc."
„Ist es Ihr Wunsch, sich als biefeS Mordes schuldig anzugeben?" fragte Lord Wayne ergriffen.
. „Ja. Sie werden besser wissen, wie ich, was deshalb zu tun ist," erwiderte sie, „ich möchte nur, es iväre alles vorüber und ich wäre tot."
Nach diesen wenigen Worten sprach sie nicht mehr. Still und regungslos saß sie da, unterdes Lord Wayne in aller Eile Herrn Sinclair holen ließ. Es würbe Lorb Wayne schwer, ganz und gar das Gefühl des Triumphes über den Geheimpolizisten zu unterdrücken.
»Ich sagte Ihnen stets, Sie wären auf der falschen Spur, Herr Sinclair," sagte er stolz, als Werner seinen Bericht beendigt hatte, „aber Sir wollten mir nicht glauben» Ich sollte doch meinen, wenn jemand auch nur etwas ge- sunden Menschenverstand hätte, so hätte er einen derartigen Mißgriff nicht gemacht. Lady Wayne hätte ebensogut des Diebstahls wie eines Mordes angeklagt werden können."
„Nun, nun, Mylord," unterbrach Herr Sinclair, „bei/ Schein war doch sehr stark gegen sie."
„Ein geschickter Detektiv, meine ich, läßt sich nicht vom Scheine leiten," sagte Lord Wayne scharf. „Ich wenigstens werde nie etwas auf derartige Wahrscheinlichkeiten geben."
„Ich auch nicht," dachte Herr Sinclair; „hätte ich doch schwören können, daß Mylady schuldig sei."
Er war keineswegs boshaft und freute sich im Grunde genommen; aber der Umstand, daß er mit seinem berufsmäßigen Instinkt daneben gegriffen, machte ihn nicht gerade liebenswürdiger gegen seine junge Gefangene.
„Wer erhebt diese Anklage gegen (Sie?" fragte er.
„Niemand, ich bezichtige mich selbst," war die Erwiderung, und sie wiederholte ihm jede der uns bereits bekannten Einzelheiten des blutigen Dramas.
„Sie scheinen sich nicht davor zu fürchten, schuldig befunden zu werden." bemerkte öerr Sinclair.


