Gefahr auch scheinen mochte, ach, wenn Marian sie doch nur könnte, wenn sie sie doch nur teilen könnte!
Das kleine Tor, das zum Wäldchen führte, war am äußersten Ende der Lindenallee; zwei düstere Fohren standen wie Schildwachen an jeder Seite, und dort, sich räkelnd, eine Zigarre im Munde, stand Jack Jefferies. Er sah lächelnd, aber mit einem Grinsen unverschämten Triumphes auf, als die dunkle Gestalt auf ihn zuschritt. Das stolze Blut stieg Mylady heiß ins Gesicht, als sie diesen Blick sah und bemerkte, daß er keine Miene machte, den Hut zu lüsten oder die Zigarre zu entfernen.
„Guten abend, Mylady", begann er ohne weiteres; „es freut mich, daß Sie gekommen sind — und zwar pünktlich, das muh ich sagen."
„Sie sagten, die Angelegenheit, deretwillen Sie mich zu sprechen wünschten, sei von Wichtigkeit. Ich bin hier, um Ihre Mitteilungen anzuhören."
„Das Klügste, was Sie tun konnten. Es geht Sie zwar nicht direkt an, aber Sie werden ebenfalls damit zu tun haben. Also, ich weiß ein Geheimnis, Lady Wayne, und dies Geheimnis betrifft Ihre Schwester."
„Sie können nichts wissen, was zu ihren Ungunsten spräche", erwiderte sie stolz. „Ich kann mir gar nicht denken, wie Sie sich haben herausnehmen können, mich hierher zu bestellen, um über die Angelegenheiten meiner Schwester zu sprechen."
Er lachte. „Ich habe bereits meinen Handel mit Ihrer Schwester gemacht, jetzt habe ich noch einen mit Ihnen zu machen."
In ihren Augen lag die ganze Verachtung, die ihr Mund verschwieg. Sie löste den Schal, den sie um ihr Haupt geschlungen, um leichter die frische Nachtluft einatmen zu können; bei dieser Bewegung sah er ihre kostbaren Juwelen schimmern, sah den Glanz des smaragdbesetzten Armbands.
„Wenn Sie klug sind", sagte er langsam, „und alles das, was Ihnen jetzt gehört, auch fernerhin genießen wollen, so werden Sie das, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, anhören —' anhören und beachten."
Mieder stieg Lady Wayne das Blut heiß ins Gesicht über diese Unverschämtheit; sie beherrschte sich jedoch mit mächtiger Willenskrast und blieb ruhig und unbeweglich stehen.
„Ich muß Sie ersuchen, Ihre Ausdrucksweise besser zu wählen; ich bin eine derartige Sprache nicht gewöhnt", sagte Lady Wayne stolz.
1 „Solche Neuigkeiten aber jedenfalls auch nicht", gab Jack zurück. „Ich habe Sie ersucht, Lady Wayne, hierhin zu kommen, weil ich dachte. Sie würden vielleicht laut schreien, wenn Sie hörten, was ich zu sagen habe; das würde Aussehen erregt haben, und das wollen <Äe vielleicht vermeiden."
„Es kann mich doch nicht betreffen", erwiderte sie mit einen: unbehaglichen Gesühl der Verwunderung, was es wohl sein könnte.
Jack senkte den Kops. Er besaß sogar die Höslichkeit, seinen Zigarrenstummel wegzuwerfen, jetzt, wo die Unterhaltung ernsthast geworden war.
„Erschrecken Sie nur nicht", sagte er mit mehr lieber» leguug, als man ihm hätte zutrauen sollen. „Solche Sachen kommen massenhaft genug vor; nur Damen tote Sie wissen nichts davon. Wenden Sie sich nicht von mir weg, Mylady, als ob alle meine Worte Gift wären. Sie werden finden, daß ich wirklich tote ein guter Freund gegen Sie und die Ihrigen handele."
„Ich wünsche", sagte sie stolz, „Sie kämen zur Sache und sagten mtr, warum Sie hier sind."
„Das kann mit wenigen Worten geschehen", gab er zurück. „Es geschieht nur Ihretwegen, wenn ich sage, „kommen Sie näher und hören Sie zu. Ich glaube, Sie wollten nicht mal die Bäume und Vögel das hören lassen, was ich zu sagen habe."
Sie vergaß ihren Stolz und beugte das goldschlim? mernde Haupt, um ihren Todesstreich zu erhalten.
„Sie sind viele Jahre jünger wie Ihre Schwester", begann er zögernd, „und es läßt sich annehmen, daß Sie von den Geheimnissen ihres früheren Lebens nichts wissen.^
„Sie hat keine", war die ruhige Antwort.
(Fortsetzung folgt).
So kam es, daß jeder der im Ziminer Anwesenden das Armband sah und sich darüber äußerte — das verhängnisvolle Geschenk, das ein so unglückliches Glied in der großen Kette bilden sollte.
Isabel Wayne selbst! drückte dte Feder wteder zu, als Lady Wayne das kostbare Kleinod wieder anlegte.
Dann sah Mylady auf die kleine, juwelengeschmückte Uhr an ihrer Seite. Es fehlten nur noch fünf Minuten bis dem gegebenen Befehle nicht ungehorsam
sein", sagte sie. „Ich habe noch mehrere Kleinigkeiten, die mich in Anspruch nehmen. Ich will jetzt gehen, Mortimer." t
Als Lady Wayne sich erhob, war es das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch der Gesellschaft.
„Algy raucht noch eine Zigarre bei mtr", sagte Lord Wayne; „aber wir werden nicht lange säumen. Evelyn, ich wüßte die Zeit nicht, wo du so blaß ausgesehen, tote heute abend, Liebste. Du mußt dich unbedingt schonen."
Die Blässe war erklärlich, denn jetzt, wo die Stunde des Stelldicheins gekommen, empfand Mylady die tätlichste Angst vor den kommenden Enthüllungen.
Sie verließ das warme, duftige Gesellschaftszimmer, wo Gemahl, Kinder und Freunde sie umgaben, und ging hinaus, um den Mann zu treffen, der seit Jahren alles daran gesetzt, ihr Geheimnis zu ergründen.
46. Kapitel.
Die Zusammenkunft.
Kenninghalls Linden standen still und stumm im blassen Mondlicht; jedes Blatt glänzte tote Silber, kein Zweig rührte sich. Die Vögel, die ihre Nester mitten in das grüne Gezweig gebaut, waren sämtlich verstummt — kein Gezwitscher, kein Laut war zu hören. Die Bäume bildeten einen Teil von Kenninghall, sie gehörten dazu, sie hatten seit langen Jahren dagestanden gleich riesigen Wächtern, dte Ehre des Hauses bewachend uttd schirmend. Hatte das Mondlicht sie verzaubert, daß sie so still und schweigsam dastanden, ohne das leiseste Geraschel in ihrem üppigen Blätterschmucke, als die stolze Gestalt jener schönen Frau unter ihnen daherschritt? Hatten sie Leben, Instinkt, Sinn, Verstand? Wußten sie, was diese Nacht dem großen Hause da bringen sollte, dem stolzen alten Adelssitze, den sie so gut, so still, so ernst und ungebeugt bewahrt und gehütet? Wer hätte es sagen können? Silbern überflutete sie das Mondlicht, bis sie aussahen, tote Bäume aus einem Zauberlande.
Mylady hatte das Haus mit Furcht und Zittern verlassen. Sie hatte weder Zeit gehabt, die blitzenden Juwelen abzulegen, noch auch die reiche Abendtoilette zu wechseln.
Sie hatte einfach einen schwarzen Schal über das K, goldig schimmernde Haupt geworfen und war durch tttge Glas-Galerie geeilt, die von ihren Zimmern zum Rosengarten führte. Zuerst war sie in ihr Kabinett gegangen, wo ihre Kammerzofe sie erwartete.
Jeanette hatte sich darüber gewundert, warum ihre Herrin um diese Zeit an den Schrank gegangen und einen einfachen schwarzen Schal daraus genommen hatte. Dann fiel ihr ein, daß Lady Wayne aller Wahrscheinlichkeit nach sich noch einige der Vorbereitungen zum Feste draußen ansehen wolle. Sie begab sich also des weiteren Nachdenkens und nahm ihren französischen Roman wieder aus, worin sie durch das Erscheinen ihrer Dame unterbrochen worden war.
Später, als auch die geringfügigste ihrer Handlungen bedeutungsvoll ward, erinnerten sich einige Dienstboten, der Herrin aus der Treppe begegnet zu sein, und sich noch darüber gewundert zu haben.
Als sie die Glastür hinter sich schloß und auf den Rasen hinausschritt, bemächtigte sich der schönen Frau eine düstere Ahnung kommenden Unheils. Es schien ihr, als ob sie alles verlasse, was behaglich, sicher und treu tvar, Und etwas Schrecklichem entgegengehe.
Sie sah zu den Fenstern des Hauses empor. Aus einigen strahlte warmes, helles Licht, andere waren in Dunkelheit gehüllt. Aus dem Fenster von Marians Zimmer kam ein stetiges, helles Licht, und ihr Herz sehnte sich schmerzlich dahin. Wie geringfügig diese unbekannte


