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ist, sagen Sie Miß West hiervon nichts. Die Sache, weswegen ich Sie sehen will, betrifft nämlich sie, »nd Sie würden es bis zmn letzten Augenblick Ihres Lebens bereuen, wenn Sie ihr etwas sagten — selbst wenn Sie nur andeuteten, daß Sie von mir gehört hätten. Wenn Sie Ihre Schwester lieben, oder ihr guter Name Ihnen lieb und wert ist, so schweigen Sie hierüber ganz still. Ich muß Sie allein sprechen, sofort; und da Ihr Haus, wie ich höre, voller Besuch ist, wäre es wohl besser, wir sprächen uns draußen. Vielleicht wird es Ihnen abends am besten passen. Ich schlage deshalb, wenn es Ihnen recht ist, vor, Sie an dein eisernen Törchen, das zu dem Busch führt, zu treffen, heute abend, kurz nach 10 Uhr. Verlassen Sie sich darauf, Mylady Wayne, kommen Sie nicht, so werden Sie es bereuen, so lange Sie leben, und andere werden Grund haben, es nach Ihrem Tode noch zu beklagen.
Ihr untertänigster Diener Jack Jefferies."
45. Kapitel.
Ein verhängnisvolles Geschenk.
Die Vorbereitungen zu dem Feste aus Kenninghall waren vorüber, und sogar Lady Wayne mußte gestehen, daß alles vorzüglich gelungen war und einen großen Erfolg versprach. Isabel betrachtete alles mit aus Haß und Neid gemischten Gefühlen.
Das Fest sollte am Mittwoch stattfinden und am Dienstag hatte Lady Wayne den bereits erwähnten Brief von Jack Jefferies erhalten, worin sie ersucht wurde, ihn an dem Türchen, das zum Busch führte, nach 10 Uhr abends zu treffen.
Ihr Schrecken bei Empfang dieses Briefes läßt fich besser denken als beschreiben. Keine Ahnung des wahren Sachverhalts dämmerte ihr auf; sie hatte auch nicht den leisesten Verdacht, daß ihre Schwester sie getäuscht hatte. Von dem, was Marion für sie gelitten und ausgestau.den, daß sie seit langen Jahren die schwere Bürde allein getragen, wußte sie auch nicht das Mindeste. Sie sah aber klar genug, daß irgend etwas vorliegen müsse; kannte sie doch die menschliche Natur zur Genüge, unr bestimmt zu wissen, daß Jack Jefferies es nie gewagt hätte, in dieser Weise an sie zu schreiben, wenn er sich seiner Macht nicht vollständig bewußt und sicher gefühlt hätte. Hatte er doch beinahe vor ihr gezittert, war er doch linkisch, verlegen und scheu gewesen, fast zu blöde, um sie anzusprechen, und jetzt, in diesem Briefe, bat er nicht, nein, er befahl ihr fast, ihm ein Stelldichein zu bewilligen, und zwar zu einer Stunde, wo ein Dienstmädchen eine solche Aufforderung als Beleidigung ablehnen würde.
Sie gab sich in dieser Beziehung also keinerlei Illusionen hin; sie betrachtete den Brief nicht als ein Produkt der Dummheit oder Anmaßung, wie andere vielleicht getan hätten; sie wußte, der Mann, der ihn geschrieben, hatte die Macht in seiner Hand und beabsichtigte auch, Gebrauch davon zu machen.
Aber rätselhaft blieb die Sache doch. Ein Geheimnis, das Marian betraf! Marian, ihre liebevolle, mütterliche Schwester, deren Leben wie ein aufgeschlagenes Buch vor jedem lag — was konnte es nur sein? Nichts Unrechtes, des war sie sicher; die Schwester, die sie gerettet und beschirmt, die die ganze Last ihres Kummers auf sich genommen und getragen, hatte selbst keine solche Bürde.
Konnte es sich um Geldangelegenheiten handeln? Marian hatte keinerlei geheimnisvolle Geld-Anlagen, aber selbst wenn dies doch der Fall wäre, was sollte Jack Jefferies davon wissen, und inwiefern gingen sie ihn an? Lady Wayne mochte denken und grübeln, was und wie sie wollte; sie konnte das. Geheimnis nicht enträtseln, sie fühlte nur, daß eine finstere, unheimliche Ahnung sie bedrückte, ein scharfer, fast unerträglicher Schmerz, ein Gefühl kommenden Unheils, das sich durch nichts verscheuchen ließ.
„Ich muß hingehen", sagte sie sich. „Ich weiß nicht, wie es ist, aber Kch fürchte mich, abzulehnen. Ich muß hingehen."
Ein oder zwei Mal kam ihr ein leichter Verdacht, daß vielleicht das Geheimnis von Abbotsville aus irgend welche merkwürdige Weise ans Licht gekommen sei.
Sie entließ aber diesen Gedanken sofort wieder als Unwahrscheinlich; hatte denn nicht Marian, die die Wahr
heit selbst war, ihr Leben als Pfand gesetzt, daß es sicher geborgen?
Aber als Lady Wayne an diesem Abend sich zum Diner hinunterbegab, lag etwas in ihrem sonst so strahlenden Gesicht, das sehr ungewöhnlich war. Ihr Gemahl glaubte, daß die Vorbereitungen zu dem Feste sie ermüdet hätten. Marian glaubte, sie sei nicht recht in Stimmung — die Wahrheit erriet kein Mensch.
Elfte war äußerst lustig und in bester Laune. Lord Wahne sah voll Stolz aus das schöne jugendliche Gesicht; mit freudigem Wohlgefallen lauschte er der klangvollen, biegsamen, frischen Stimme; seine Tochter war sein Abgott, sein alles, nächst seinem Weibe.
Als das Diner vorüber und die ganze Familie sich im Gesellschaftszimmer versammelt hatte, sagte Mylord lächelnd:
„Heute abend dulde ich kein langes Ausbleiben, wir müssen morgen llar und srisch aus den Augen sehen; niemand soll mir müde aussehen. Morgen ist für uns alle ein geschäftiger Tag."
Elsie Wayne saß am Piano. Sie wandte nur lächelnd das Köpfchen zu ihrem Vater, um anzudeuten, daß sie recht gut früh aufstehen könne, wenn sie nur wolle.
Algernon Wahne und Miß West waren eifrig bei einer Partie Schach, Lord und Lady Wayne saßen an einem großen Mitteltisch, worauf einige selten schöne Kupferstiche und Photographien lagen. Plötzlich erinnerte sich Lord Wayne, daß er etwas vergessen habe. Er erhob sich lächelnd, schritt hinaus und kehrte alsbald mit einem Maroquin-Kästchen in der Hand zurück.
„Evelyn", sagte er, „hier habe ich ein Geschenk für dich; es ist schon heute morgen angekommen, aber ich habe es vergessen."
„Du machst mir doch immer Geschenke", erwiderte fie,: „du bist ganz verschwenderisch darin, Mortimer. Sieh nur, Elsie sieht ordentlich eifersüchtig auf mich aus."
Aber Elsie lächelte nur, als ob sie hätte sagen wollen, sie kenne jemanden, der ihr ebenfalls fortwährend mit Fremden Geschenke mache.
Lord Wayne überreichte seiner Gemahlin das Kästchen; es trug den Namen eines bekannten Londoner Juweliers.
„Hoffentlich gefällt es dir, Evelyn", sagte er; „es ist nach meiner eigenen Zeichnung und Idee gearbeitet."
Cie öffnete es lächelnd und mit dem Gedanken, toie. gut und liebevoll er doch gegen sie sei. Dann stieß sie einen leisen Rus des Entzückens aus, denn es enthielt eins der schönsten Armbänder, die sie je gesehen. Es war aus mattem,: reinem Gold gemacht und mit wunderbar schönen Smaragden besetzt. Das Schloß war außerordentlich kunstvoll verziert, ein Meisterstück der Goldschmiedekunst, und darunter befand sich, sehr geschickt verborgen, ein lleines, ausgezeichnetes Porträt von Lord Wayne selbst.
„Verstehst du das Geheimnis dieses Schlößchens anch, Evelyn?" fragte er, und sie verneinte lächelnd.
Er beugte sich vor und drückte aus die kleine Feder daran. Es flog offen, und sie sah nun das Porträt, das tatsächlich ein Kunstwerk allerersten Ranges war.
„O, Mortimer", rief sie, „wie schön, tote ähnlich!"
„Es freut mich, daß ich schön bin in deinen Augen, Evelyn", erwiderte er lächelnd, denn trotzdem er bereits so lange verheiratet, hatte seine Liebe zu ihr nichts von der anfänglichen Zärtlichkeit und Innigkeit verloren.
Er nahm ihr das Schmuckstück aus der Hand und befestigte es an ihrem Arme.
„Laß mich sehen, wie es sich macht."
Und dann küßte er den schönen, ihm entgegengestreckten Arm, aus dem das matte Gold sich vorzüglich abhob.
„Dachte ich doch, es würde dir stehen", sagte er befriedigt. „Trage es heute abend, Evelyne, es gefällt mir sehr gut."
„Algy", sagte Lady Wayne, „bitte, sieh dir dies kleine Porträt einmal an. Ich nenne es einfach vollendet."
Algernon Wayne und Miß West erhoben sich beide vom Schachtisch und kamen heran, das Armband in Augenschein zu nehmen.
Marians scharfe Augen bemerkten unter dem Porträt in kleinen Buchstcrben die Worte: „Derjenigen, die ich liebe."« und sie lächelte, als sie sie gewahrte.
„Roch immer verliebt, Mortimer?" sagte sie.
„Das bleibe ichp so lange ich lebe", erwiderte er Mit einem innigen Blick auf seine Gemahlin.


