1906
Samstag den 17. Wovember
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Zm Aanne des Heheinmiffes.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
»Es handelt sich nm das Fest, Kind. Du weißt gar nicht, Elsie, wie sehr dein Papa wünscht, daß alles gut, nein, vorzüglich arrangiert wird und ausfällt. Ich bin nun •— wie und warum iveiß ich nicht, — diesmal gar nicht disponiert. Es muß etwas nicht stimmen mit mir. Sonst und im all- gcmeincn fällt mir schnell etwas ein, komme ich schnell auf was Neues,' und ich habe ja bei allen unseren Gesellschaftsfesten noch etwas Originelles, Neues, Fesselndes erfinden können, was dieselben berühmt gemacht; aber heute scheint wir der Kopf wie leer. Ich habe mich vor dem Frühstück auch sehr erschreckt".
„Worüber, Mama?" fragte Elsie und strich kosend über die weiche, weiße Hand.
„Natürlich weiß ich, woher es gekommen, es kam jedenfalls von einem leichten, nervösen Kopfschmerz, der mich schon feit einigen Tagen belästigt; aber weißt du Elsie, alles Weiße, worauf ich sah, schien einen großen, roten Flecken in der Mitte zu haben I Zuerst war ich ganz bestürzt, nachher fiel mir aber ein, daß solche Täuschungen gewöhnlich von nervösen Kopfschmerzen berrühren".
„Aber, liebste Mama," flüsterte Elsie zärtlich, „wenn du du dich nicht wohl fühlst, so sag' das Papa doch; laß Fest Fest sein; du weißt doch, daß ihm nichts auf Erden so teuer ist, wie du".
„Wir müssen es doch nun einmal durchmachen; außerdem, krank bin ich gar nicht, Elsie; nur diese merkwürdige Benommenheit, dieser Truck, der mir ordentlich das klare Tenken zu lähmen scheint. Kannst du etwas angcben, Elsie, was unseren Gästen vielleicht noch von besonderem Reiz sein könnte?"
„Ich bitte dich, Mama — Sonnenschein, Blumen, unser schöner Park und die Gärten und die köstliche, frische Frühlingsluft draußen — ist das denn noch nicht entzückend und reizend genug?"
Mylady lächelte. „Dein Papa dachte an ein kleines Schützenfest mit Preisverteilung vor dem Diner, und nachher natürlich Ball".
„O, das wäre entzückend, Mama! Wie kannst du denn nur noch da sitzen und dir den Kopf zerbrechen, wenn bereits ein so großartig schönes Programm aufgestellt ist! Tu wirst weiter gar keine Extra-Anmsements nötig haben, davon bin ich überzeugt".
„Die Herzogin ist so wählerisch und anspruchsvoll", seufzte Mylady noch unschlüssig.
„Tas bist du auch, Mama; was dir gefällt, muß ihr gefallen, darüber sei nur ganz ruhig", eiferte Elsie.
Lady Waynes gespanntes Gesicht klärte sich auf. Im selben Augenblick klopfte es, rmd Myladys Zofe trat ein, einen silbernen Präsentierteller in der Hand. Ein Brief, etwas unsauber und zerknüllt aussehend, lag darauf'
„Ein junger Mann hat dies vorhin abgegeben, Mylady; er wünschte, es möchte Ihnen sofort übergeben werden".
Lady Wayne nahm das Schreiben mit leichtem Achselzucken über sein unsauberes Aeußere entgegen und legte es neben sich auf den prächtigen Toilettentisch. Kaum, daß sie nachher noch einmal daran dachte; es war jedenfalls von irgend einem Kaufmann, oder ein Bettelbrief, glaubte sie. Sic wollte es nachher erledigen.
Eine andere Zofe erschien und meldete, die Pferde warteten, und Lord St. Gilbert ließe sich empfehlen und wünsche Nachricht, ob Miß Wayne vielleicht heute Morgen ausrciten wolle.
Elsie sprang ganz bekümmert empor.
„Ach, Mama, jetzt habe ich über unserm Beratschlagen ganz vergessen, daß Bald auf mich wartete; was soll ich tun?"
„Mach schnell Toilette und sag ihm, es wäre alles nur meine Schuld", sagte Lady Wayne lächelnd und küßte ihre Tochter zum Abschiede auf die Stirn.
Ein Lächeln — ach! schier das letzte in ihren: Leben, ein Lächeln, das ihre lieblichen Lippen halb öffnete und das Licht in ihren stolzen Augen vertiefte. Dann nahm sie ihre Grübelei wieder auf. Ja, ein Schützenfest, das war etwas ganz Neues. Sie wollte einen Preis stiften, und die jungen Damen sollten sämtlich eine nette Uniform tragen. Das würde sehr anziehend sein; es konnte gar nicht fehlen, der Erfolg war sicher. Dann erhob sich Mylady und betrachtete ihr schönes Gesicht im Spiegel.
„Ich will eine Toilette von weißem Antique Moirö nehmen", sagte sie sich, „weiß, mit Gold".
Ihr Blick fiel auf den unsaubern Brief; zum ersten male bemerkte sie, daß er einen starken Moschnsgeruch ausströmte, und wenn sic ein Parfüm mehr als ein anderes nicht leiden konnte, so war dies Moschus.
Sie öffnete das Schreiben gleichgültig, sorglos. Es war der letzte sorgenlose Augenblick ihres Lebens. Sie las wie folgt:
„Mylady Wayne!
Vielleicht sind Sie erstaunt darüber, wer Ihnen schreibt. Es ist Jack Jefferies, und was ich Ihnen zu sagen habe, geht keinen Menschen an wie Sie. Ich muß Sie sehen, und zwar allein sehen. Nur, Mylady, bei allem, was Ihnen lieb


