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hatten eine Länge von 70 Zentimetern. Die Feststellung der Bewegungsrichtung! bei elektrischen Wellen läßt sich natürlich nicht wie bei Lichtwellen mit dem Auge wahr- nehmen, sondern man stellt sie fest, indem man untersucht, Nn welcher Stelle sich elektrische Funken zeigen; dies muß der Weg der elektrischen Welle sein. Bei elektrischen Wellen lassen sich dann dse Beobachtungen mit viel größerer prüft! bfrfoTctPtt
Nun hatte man schon lange die Lehre aufgestellt, daß in den Körpern, die man sonst als Nichtleiter oder schlechte Leiter der Elektrizität bezeichnet hatte, wenn man durch sie einen elektrischen Strom sendet, die einzelnen Molekülen eine bestimmte Richtung annehmen, etwa so, wie ein Stück Eisen eine bestimmte Richtung annimmt, wenn es dem Einfluß eines Magneten unterworfen wird. Die Richtung der Körpermoleküle des von Elektrizität durch- strömten, früher als Nichtleider bezeichneten Körpers geht so vonstatten: jedes dieser Moleküle hat ein elektropositives Ende, und jedes von ihnen ein elektro-negatives, gerade wie jeder Magnet einen Nord- und einen Südpol hat, und wenn der Körper vom elektrischen Strom durchflossen wird, stellen sich alle elektropositiven Enden der Moleküle nach der einen Seite, etwa nach der linken, und alle elektronegativen nach der anderen, dann also nach der Rechten. Also die früher als Mchtleitcr bezeichneten Körper muß matt nunmehr eigentlich für gute Leiter erkläre«, und in der Tat lassen sie die elektrischen Lichtwellen viel weniger geschwärzt durch als die unter dem Namen Leiter der Elektrizität bekannten Körper, zum Beispiel als Metalle.
Die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit, mit der sich die Richtirng des Moleküle vollzieht, ist aber bei verschiedenen Körpern recht verschiedenartig. Bei manchen Körpern ist diese Richtkraft — man bezeichnet sie als Dielektrizitätskonstante — direkt proportional der Zahl, die man erhält, wenn man die Lichtbrechungsfähigkeit des Körpers mit sich selbst multipliziert, das heißt also, bei diesen Körpern steht die Dielektrizitätskonstante im Verhältnis zum Quadrat der lichtbrechenden Kraft. Bei anderen Körpern besteht eine solche Beziehung nicht, und man konnte aus anderen Beziehungen, zum Beispiel aus der Leichtigkeit, mit der sich solche Körper auflösen, berechnen, daß bei ihnen die Eigenschwingungen der Moleküle viel langsamer sich vollziehen als bei denen, wö die gedachte Gesetzesmäßigkeit besteht. Denn schließlich befinden sich ja bei allen Körpern, bei festen, tropfbarflüssigen und bei gasförmigen, die Moleküle stets in schwingender Bewegung, bei einzelnen in schnellerer, bei anderen in langsamerer. Bei manchen Körpern vollziehen sich die Schwingungen der Moleküle etwa ebenso schnell wie die des zwischen ihnen befindlichen Aethers, bei anderen viel langsamer.
Drude ließ nun seine elektrischen Wellen durch solche Körper wandern, bei denen man aus der Größe der Dielektrizitätskonstante bestimmt hatte, daß die Schwingung ihrer Körpermoleküle viel langsamer ist als die der Aether- teilchen; und gerade bei diesen Körperteilchen zeigte sich anomale Dispersion, das heißt die Aetherwellen werden nicht um so stärker von der ursprünglichen Richtung abgelenkt, je kleiner sie find, wie es bei der gewöhnlichen farbigen Zerstreuung der kleinen, als Lichtwellen bekannten Metherschwingungen der Fall ist. Drudes geniale Arbeiten haben also erwiesen, daß in der Tat die anomale Dis- petsion durch die Art der Schwingung der Körpermoleküle bedingt ist.
Drude ging aber noch weiter. Er untersuchte zunächst Körper, deren Moleküle aus nicht sehr vielen Atomen von Elementen zusammengesetzt sind, zum Beispiel gewöhnlichen Alkohol. Dieser besteht aus zwei Atomen Kohlenstoff, sechs Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff; dann untersuchte Drude Körper, deren Moleküle aus mehr Atomen bestehen, zum Beispiel eine Art Alkohol, der in Fuselölen stark enthalten ist und übrigens in der Parfümsabrikation Und zu Laken vielfache Verwendung findet. Man nennt ihn jn der Wissenschaft Amylalkohol, und er besteht aus fünf Atomen Kohlenstoff, zwölf Atomen Wasserstoff und allerdings auch nur einem Atom Sauerstoff (Sauerstoff ist iu allen Alkoholen nur durch ein Atom vertreten). Bei diesen Untersuchungen fand sich, daß die Dispersion um so anomaler ist, das heißt von der zum Beispiel beim Gas auftretenden Gesetzmäßigkeit umsomehr abweicht, je komplizierter gebaut ein Molekül ist, je mehr Atome es enthält. Man kann sich in der Tat von Hause aus vorftellen,
und die exakte Forschung hat es bestätigt, daß ein Molekül um so langsamer schwingt, je umfangreicher, je zusammengesetzter es ist. Aus solchen seinen, aber höchst anziehenden und anregenden Arbeiten heraus wurde Paul Drude ab-- berufen — ein schwerer Verlust für die Wissenschaft!
Dr. H. G.
VeVmrfchtsK.
* Ein Maler der Tiefsee, und noch dazu einer, der unter Wasser malt, mit dieser Sensation ist die neueste Phase iu der Entwicklung der amerikanischen Kunst fe- zeichnet. Der „American" veröffentlicht Reproduktionen von Bildern mit dem Titel „Eine unterseeische Schlucht", „Ein Kristallpalast, von deren Entstehung er folgendes berichtet: Walter H. M. Pritchard, der sein Leben der „unterseeischen" Malerei gewidmet hat, arbeitet gegenwärtig in den kalifornischen Gewässern. Pritchard hielt es für unmöglich, die Farben und den Charakter der unterseeischen Szenerien von der Meeresoberfläche aus sesthalten zu können, selbst wenn die störende Brechnng des Lichts durch Benutzung von Booten mit Glasböden ausgeschlossen würde. Entschlossen, wie die Amerikaner immer sind, kam er also auf den Gedanken, unter Wasser zu tauche«, um die Motive, die er suchte, mit möglichster Treue wiederzugeben. Er schasste sich eine Garnitur von Tauchapparaten an und malt gegenwärtig nur noch auf den: Meeresgruude. Damit seine Geräte in der Tiefe verbleiben, verwendet er eine Staffelet und eine Palette aus Eisen, und auch seine Pinsel und Stifte stecken in schweren Eisenhülsen. Die Leinwand, der er seine Schöpfungen anvertraut, ist eigens präpariert, um nicht von dem Meerwasser angegriffen zu werden; ebenso sind es die Farben. Zwanzig Minuten bringt er jedesmal in emsiger Arbeit in der Tiefe zu, und dann läßt er sich für zehn Minuten au die Oberfläche ziehen, um frische Luft zu schöpfen. Pritchard hat so Szenen gemalt, tote sie bisher noch keines Künstlers Auge sah. Haie, Tunfische und Krebse tummelten sich um ihn herum. Die Tiere zeigten keine Furcht, und hielten in seiner Nähe förmliche Jagden ab. Es ist lein Wunder, daß die Arbeiten Pritchards einen bizarren und mysteriösen Charakter tragen, tote kein anderes Werk. . .
* Wie sn alten Papyrusrollen vor deM Alkohol g ew arn t w ird, wird von einem hervorragenden Forscher berichtet:
In einem Papyrus des Britische« Museums schreibt eüt Lehrer an seinen Schüler:
Mau sagt mir: Du verläßt die Bücher,
Du gibst Dich dem Vergnügen hin, Du gehst von Straße zu Straße;
Der Biergeruch allabendlich,
Der Biergeruch scheucht die Menschen von Dir, Er richtet Deine Seele zugrunde.
Du bist wie ein gebrochenes Ruder, Das nach keiner Seite hin gehorcht. Du bist wie ein Tempel ohne seinen Gott, Wie ein Haus ohne Brot.
Man trifft Dich, wie Du auf die Mauer steigst
Und das Brett zerschlägst, Die Leute fliehen vor Dir, Und Du schlägst ihnen Wunden.
O, daß Du wüßtest, daß der Wein ein Greuel ist, Und daß Du dent Schedehtrank abschwörtest" usw. Jn einem anderen Papyrus gibt der weise 'Ency die Mahnung:
„Uebernimm Dich nicht in dem Hause, wo mau berauschende Getränke trinkt. Das Wort, das die Gehmmuisfe Deines Nächsten verrät, kommt aus Deinem Munde, und Du möchtest es nicht gesprochen haben. Du fällst hin und zerbrichst Dir die Glieder, nud keiner reicht Dir die Hand. Deine Genössen trinken weiter, und wenn sie aufachten fagen sie: Fort mit Dir, der getrunken hat. Wenn man kommt und Dich sucht, uiit über Deine Angelegenheiten mit Dir zu reden, findet man Dich auf der Erde liegen tote ein kleines Kind."
* Ein Abonnent vor hundert Jahren. Der sonderbarste Zeitungsleser, der jemals ein „Leibblatt" gelesen hat, mag wohl der Festungskommaitdant der Norwegischen Insel Vardö gewesen fein. Die Befestigung dieses Hafens am i irdischen Eismeer ist zugleich die nördlichste Festung der Welt; sie wurde schon 1300 angelegt und war für das Fischerstädtchen, das heute kaum 2500 Seelen zählt, ehedem im Handel mit


