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ihm alles klar. Frauen, wie Lady Wayne waren geschaffen, um als Herrinnen und Königinnen verehrt und bewundert, — nicht wie andere Sterbliche in der gewöhnlichen Weise geliebt zu ivecden.
Ec konnte seine Gefühle nicht ganz begreifen; stundenlang hätte er mit Freuden still und stumm besitzen mögen, um bloß das Gesicht da anzusehen, seine Schönheit zu bewundern, allerlei phantastischen Gedanken und Träumereien nachzuhängen. Es war nicht Liebeszauber, was ihn ergriffen und gefangen hielt, sondern eine tiefere, ehrfurchtsvollere Verehrung, die 15)1» selbst rätselhaft war.
Er schien aus einem schönen Traume aufzufahren, als die Damen sich endlich erhoben, um sich ins Gesellschaftszimmer znrückzubcgeben; sein Ideal verschwand mit ihnen und eine öde Leere schien sich vor ihm auszubreiten. Wie im Traume hörte er, daß Lord Romsey ihn anredete.
„9hm, Mr. Jefferies, ganz geistesabwesend?"
Er fuhr zusammen, dann sammelte er seine widerspenstigen Gedanken, wandte sie von der Schönheit, die alle poetischen Gefühle und Ideen in ihm wachgerufen, und stürzte sich in den Strom der animierten Unterhaltung.
„Genie schafft sich Bahn". Glicht lange, und die Aeltesten an dieser gastlichen Tafel lauschten überrascht und vergnügt auf die Ausführungen des jungen Sekretärs. Seine Lippen schienen wie von Feuer berührt; jedes Thema, an dessen Erörterung er im Laufe des Gespräches teilnahm, gewann ein neues Licht durch seine Anschauungsweise — alles war so durchaus frisch und ursprünglich, seine Gedanken und Ideen waren so schön und wahr.
„Es ist wirklich ganz jammerschade," sagte Lord Romsey leise zu seinem Nachbar, „daß dieser junge Feuerkopf nicht ins Parlament kommen kann; man braucht dort einige gute Redner, und er hat wirklich das Zeug dazu, — zu einem großen Redner sogar — Feuer, Leidenschaft, Genie, Macht, Kraft und Beredsamkeit. Wir müssen ihn weiter bringen."
Entzückter von ihm jedoch wie alle anderen war wohl unstreitig Lord Wayne. Beim Verlassen des Speisesaals schritt er auf ihn zu und sagte:
„Es freut mich außerordentlich, Sie kennen gelernt zu haben, Mr. Jefferies. Ich prophezeie Ihnen eine große Zukunft. Wollen Sie nicht 'mal nach Kenninghall herüberkommen? Ich bin überzeugt, Lady Wayne wird cs ebenso sehr freuen, wie mich. Sie einmal bei uns zu sehen."
Werner dankte ihm herzlich. Es war sehr angenehm, solche Güte zu finden, solche herzlichen Beweise von Wohlwollen und Freundlichkeit zu erhalten.
„Das Beste dabei ist noch," dachte er bei sich, „man kennt mich als das, was ich bin; es ist also wohl keinerlei Prätcnsion meinerseits dabei zu unterschieben; jeder weiß, daß ich der Sohn eines armen Arbeitsmannes bin."
Dann betraten sie wieder das Gesellschaftszimmer, und er glaubte ein Lächeln in Lady Wayne's Augen zu erblicken, das ihn ermutigte, einen Sitz neben ihr einzu- nehmen. Wirklich, das liebliche Gesicht lächelte ihn an; sie schob ihre kostbare Toilette etwas bei Seite, um Platz für ihn zu machen.
„Das ist recht, Mr. Jefferies," sagte sie. „Ich hoffte noch einige Minuten länger mit Ihnen zu plaudern. Ich höre, Sie sind ein Dichter, — bin ich recht berichtet?"
„Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll," versetzte er. „Soll ich sagen, ich hoffe, daß es so ist?" Sein schönes jugendliches Gesicht rötete sich, und ein begeistertes Licht brach aus seinen Augen, als er fortfuhr: „Wenn Dichter sein heißt: alles Schöne und Gute liebeu, und darüber tausend und abertausend Gedanken zu haben, die sich in Worten Luft machen müssen, — dann, Lady Wayne, glaube ich, bin ich einer."
Ihre Augen wurden eigentümlich feucht, als sie ihn an» sah. „Ihre Mutter muß sehr stolz auf Sie sein," sagte sie sanft und leise.
Werner lachte; ein fröhliches, klares Lachen, das jeder gern hörte.
»Ich wüßte nicht," versetzte er heiter. „Meine Mutter
ist eine liebe, herzensgute, häusliche Frau, der alle Bücher — ihr Gebetbuch ausgenommen — eine fremde, unbekannte Welt sind. Ich glaube, sie ist viel stolzer auf meinen Bruder Jack, der sechs Fuß hoch und so stark wie Goliath ist."
„Sie müssen aber doch auch stark sein; ich schließe das aus der Art und Weise, wie Sie Lord St. Gilbert aus dein Wasser gerettet."
„Gott sei Dank, fehlt es meinem Arm allerdings nicht an Nerven- und Muskelkraft, Lady Wayne."
Ihr Blick hatte während dieser Unterhaltung aufmerksam auf seinen Zügen geruht.
„Ich habe Sie doch nie früher irgendwo gesehen," sprach sie dann nachdenklich, „und doch hat Ihr Gesicht etwas ganz Bekanntes für mich, — was, könnte ich aber nicht sagen."
(Fortsetzung folgt.)
Uaul Arudks Iorfchungeu.
Nachdruck verboten.
Der so siäh, mitten im fruchtbarsten Schaffen aus dem Leben geschiedene Professor Drude hatte sich als Arbeitsgebiet ein Feld gewählt, das an die Forschergabe die höchsten Ansprüche stellt, das aber durch den Scharfsinn, mit dem hier recht verschiedenartige Gebiete der Physik miteinander in Verbindung gebracht werden, auch das Interesse der Laien in Anspruch nehmen darf.
Wenn wir einen Lichtstrahl durch eilt Glasprima fallen lassen, so löst er sich in das schöne Farbenbild auf, das" der Reihe nach rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett zeigt und Spektrum genannt ivird. Die Farben unterscheiden sich objektiv und sachlich dadurch voneinander, daß- der Aether, dessen Schwingungen auf unser Auge den Eindruck des Lichts Hervorrufen, bei rotem Licht 400 Billionen Schwingungen in der Sekunde macht, bei violettem da-, gegen 800 Billionen; je mehr Schwingungen also einer, gewissen Farbe entsprechen, umsomehr wird die Aether- schwingung beim Durchgang durch das Glasprima von ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt, sodaß eben violett mit den meisten Schwingungen auch am weitesten entfernt wird. Diese grundsätzliche Regel hat aber auch Ausnahmen. Es gibt Körper, die das Licht anders zerstreuen als das Glas; wenn das Licht durch solche Körper geht, so ist die Farbenfolge nicht die des gewöhnlichen Spektrums, sondern zunächst steht das sonst entfernteste Violett, danach folgt in den: sonst farbigen Band ein dunkler Raum, uud dahinter erblickt man in der gewöhnlichen Reihenfolge rot, orange, gelb und grün. Diese ungewöhnliche Lichtzersetzung, mit dem wissenschaftlichen Namen anomale Dispersion genannt, sucht man sich dadurch zu erklären, daß man annahm, die Moleküle der Körper, bei denen die Erscheinung auftritt, absorbieren gewisse Lichtstrahlen, das heißt durch die Achterschwingungen werden die Körpermoleküle so angestoßen, daß sie selbst schwingen, wobei aber der Aether zu schwingen aufho'rt. Es geht also hier etwas Aehnliches vor sich, wie man es manchmal bei Billardbällen betrachten kann, wo der eine den anderen anstößt, aber dabei selbst znr Ruhe kommt. Das solchergestalt in Bewegung gesetzte Körpermoleküle versucht nun seinerseits, die in seiner Umgebung befindlichen Aetherteilchen anzustoßen; das gelingt auch, aber die so entstandene Art der Aetherbewegyng ist ganz anders geartet, als sie es gewesen wäre, wenn die körperliche Bewegung der Moleküle nicht ins Spital getreten wäre; die blauen Aetherwellen. fehlen ganz — daher die Lücke im Spektrum —, und die violetten Aetherschwingüngen werden weniger von ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt, als die roten, sodaß jene vor diesen, den roten, erscheinen. Die Prüfung dieser Annahme stieß aber aus große Schwierigkeiten, weil die Aetherschwingüngen, um die es sich hier handelt, außerordentlich klein sind; bei Lichtwellen beträgt eine Wellenlänge, das heißt die Entfernung eines Wellenrückens vom nächsten Wellenrücken, etwa den zweitausendsten Teil eines Millimeters.
Drude machte nun 6en Versuch, statt der kleinen Lichtwellen diejenigen Aetherschwingüngen zu betrachten, die sich, wie der geniale Heinrich Hertz nach den Berechnungen von Maxwell experimentell nachgewiesen hatte, als Leitung der Elektrizität bemerklich machen; solche elektrische Wellen sind viel größer als Lichtwellen. Die von Drude benutzten


