Ausgabe 
17.9.1906
 
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uns Deutschen eine künstlerische Tradition fehlt. Wie anders ist das in Frankreichs in England, in Holland und auch in dem kleinen Dänemark! Da gibt es kein Herumtasten, kein Experimentieren, kein unsicheres Suchen und keine so stillosen Entgleisungen, wie wir in der deutschen Kunst ihnen gar so häufig begegnen. Ter ununterbrochene Entwicklung^, sträng einer alten Kultur hgt Len Franzosen und Engländers vor allem eine stupende, eine nie schwankende Sicherheit in Geschmacksfragen übermittelt. So waren und find Frank­reich und England uns vornehmlich durch die Gleichmäßig­keit ihrer künstlerischen Kultur überlegen. Diese Gleicch niäßigkeit in der kulturellen Entwicklung hat das hohe Geschmacksniveau bestimmt, das wir nicht nur unter den Schaffenden, sondern auch unter den Genießenden wahr­nehmen. Ein Blick auf die Bücherproduktion und in die Sammlungen der Bibliophilen dieser Länder liefert uns den Beweis für diese Behauptung."

Einen rapiden Aufschwung hat aber der deutsche Buch­schmuck in den letzten 68 Jahren genommen. Schulz, Rezniceck, Georgi, Münzer, Thoeny, Heine, Bruno Paul u. a. haben Schule gemacht, und Buchumschläge, wie sie jetzt die Verleger Albert Langen, Schuster u. Löffler, S. Fischer, Fontane u. Co., Egon Fletschet u. Co., Eugen Tiederichs, der Jnselverlag u. a. herausbringen, können an Charak­teristik oder Schönheit wohl mit Ehren neben fremdlän­dischen Erscheinungen bestehen.

ein Zeichen, däß es ivohl üur ast der mstngelnden Uebung gelegen hatte, wenn das' letztere nicht schon gestern der Zerstörung verfallen war . . . Aw 5. Dezember begann der Tag kaum zu grauen, als plötzlich eine furchtbare Explosion erfolgte, die das Haus in seinen Grundfesten erschütterte, die erste Granate von Ävron, welche die Mauer des Hauses auf der Gartenseite durchschlug. Eben sprachen wir uns darüber aus, daß es notwendig werden würde, unseren Aufenthalt zu verlassen, als ein zweites Geschoß durch den Nebenraum fuhr, in dem ich mich befand) und mit solcher Gewalt krepierte, daß alle Fenster des Hauses in tausend Stücke flogen. Nun sprangen auch die letzten jungen Schläfer auf und es ging an ein schnelles A!uf- brechen und Räumen . . . Den Franzosen war es offenbar geglückt, unser als Ziel genommenes Schlößchen nunmehr sicher zu fassen. In dieser Voraussetzung war bereits ein guter Keller für unseren etwaigen Rückzug ausgewählt worben, den wir jetzt aufsuchten . . . Der Umzug war kaum bewerkstelligt, als das soeben verlassene Schlößchen Feuer fing und die Flammen hoch emporschlngen und sich weiter zu verbreiten drohten. Ich beobachtete den Brand, als Unteroffizier Junge, mein Bataillonsschreiber, von dem Hause herkaiu und einen Soldaten mitbrachte, welcher am Kopfe verwundet war. Ich hieß ihn, sich in Sicherheit zu bringen und den Verwundeten vonl Arzte, der sich bei mir befand, verbinden zu lassen. Dies geschaht als ich jedoch kurz darauf mit Adjutant Baumann in den Flur trat, stand Junge und der ebenfalls ins Bataillonsbureau konimandierte Gefreite Neumerkel im Begriff, das Haus wieder zu verlassen. Ich befahl ihnen, zu bleiben und in den Keller zu gehen. Ist demselben Augenblicke erfolgte eine ungeheure Detouation, Schuttmassen stürzten herab, und ein undurchdringlicher Kalkstaub und Qualm erfüllten den Hausgang. Selbst zurückprallend, sah ich nur noch meinen Adjutanten zur Seite springen. Wie wir dann hinzu­eilten, erblickten wir in der langsam sich erhebenden Rauch­wolke zwei" Gestalten am Boden liegen: Junge regungslos, Neumerkel sich wieder emporwindcnd. Dr. Franke erklärte, daß der erstere, dem der Hinterkopf eingcschlagen War, nur noch wenige Minuten zu atmen habe. Neumerkel hatte nur Kontusionen erlitten und wurde in den Keller geschafft.

Ich bedauerte diesen Tod besonders um deswillen, weil Junge, der mir persönlich sehr ergeben war, sowie der Wirtschaftsfurier Sergeant Liebscher, als Leute der Feder, welche ihren im Felde oft schwierigen Dienst mit größter Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit versahen, stets von mir außerhalb des Feuers gehalten worden Waren. Daß sie sich jetzt bei mir befanden, verschuldete das außergewöhn­liche, unvorhergesehene Verhältnis. Jstnge hatte sicher eine Unvorsichtigkeit begangen, die ihm verderblich wurde; an­dererseits mußte ich mir aber sagen, daß ihn dieses Schick­sal vielleicht nicht ereilt haben würde, wenn ich ihn nicht angehalten hätte, sondern dahin gehen lassen, wohin er wollte. Die Granate eine viernndzwanzigpfündige war in einem sehr steilen Bogen durch die Decke der Haus­flur geschlagen und hierbei explodiert. Mehrere heiße Stücke lagen noch umher; es war Bestimmung gewesen, daß sie nicht mich oder Baumann getroffen hatten. Junge wurde beiseite gelegt und starb in wenigen Minuten.

DasGewand des Buches" betitelt sich ein illustrierter Astfsatz vou Otto Grautoff im neuesten Heft desLiterarischen Echo" (Verlag Egon Fleische! ii. Co., Berlin).

Es ist eine bekannte Tatsache, daß der deutsche Buch­händler viel später als. seine ausländischen Kollegen zu der Einsicht kam, daß es denn doch nicht gleichgültig sei, in welchem äußeren Gewände man ein Buchauf den Markt wirft". Man vergleiche nur die nüchterne, ja geschmacklose Ausstattung der Umschläge der deutschen Bücher bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein mit den gleichzeitig erschienenen Bänden französischer oder eng­lischer Verleger. Erst in dieses Jahrzehnt fallen die ersten Versuche deutscher Herausgeber, auch deutschen Büchern ein geschmackvolleres Gewand zu geben. Die eigentliche Reform­bewegung nach dieser Richtung aber setzte erst vor ungefähr 12 Jahren ein. ,,'Astf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 wurde zum ersteumale ein Ueberblick über die moderne deutsche Buchkunst gegeben, und gleichzeitig hatte man dort Gelegenheit, die deutschen Leistungen an denen des Aus­landes zu messen. Wie auf allen Gebieten der bildenden Künste nahin man auch im Buchgewerbe währ, wie sehr

Aufgaben des modernen Theaters.

Unter diesem Titel ist die n e u e st e Arbeit von T^. Karl Hage mann als 17. Band der von ihm im Verlag Schuster und Löffler, Berlin, herausgegebenen Monogra- phiensamMlungDas Theater" erschienen.

In Kürze, die nicht ohne Würze ist, gibt Dr. Hagemanst die Quintessenz seiner Dramaturgie. Er zeigt zuerst das Theater im ganzen Bereich der Kunst, dann int Verhältnis zu den anderen Küsten. Seine Kunstanschauung ist, wie man weiß, vornehmlich aus Schopenhauer-Wagners Werk erwachsen. Mit diesem fordert er: Durch Kunst zunr Leben, zu einem höheren, würdigen, menschenwürdigen Leben und für diese Aufgabe so recht passend, als die höchste, weiteste' und allgemeinste Machtsphäre des schaffenden Künstlers er­scheint ihm das Theater.

Das Pandämonium der Bühne überschätzt Hagemann aber nicht. Er gibt die herbe Kritik der deutschen Schau- bühne, wie sie heute im Durchschnitt ist, und charakterisiert sie als Kulturmacht: die Bühnefür das Spiel und Wider­spiel menschlicher Leidenschaften, für das Austragen mensch- lich bedeutsamer Probleme." Daß es heute so zum besten mit dem Theater steht (auf der Bühne und im Parterre Kulturmenschen, besser: Zeitmenschen"), glaubt auch Hage­mann nicht. Im Gegenteil. Er hebt ihre wirtschaftlichen und ästhetischen Mängel nochmals hervor und bemerkt neben­bei: der Theaternarren sind Legion. Danach schließt er dies programmatische Kapitel: das moderne Theater kann heute gewiß nicht als der Kulturmittelpunkt bezeichnet werden, aber es bedeutet doch eine nicht ohne weiteres weg zu denkende Macht, die manmit etwas Beharrlichkeit und viel Energie, mit etwas diplomatischem Geschick und viel gutem Willen, besonders aber mit organisatorischem Talent und einer verzweigten Kenntnis des künstlerischen und geschäftlichen Betriebes, mit etwas historisch geschulter und kulturfroher Einsicht und viel Selbstlosigkeit unschwer in den Dienst wahrer Kultur stellen könnte."Ich jeden­falls glaube sicher an die Möglichkeit einer Theaterreform'. Sie kostet allerdings Schweiß aber sie scheint mir des Schweißes wert".

Diese Gedanken haben heute alle Besseren; diese Inten­tionen aber hat ein Intendant.

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Man erkennt, wie Hagenrann das Wesen der ernsten Schaubühite auffaßt. Er will dem Volk die künstlerische Unterhaltung und das Theater als Zeitvertreib absolut nicht nehmen. Aber der Geschmack der Menge die Schrift wendet sich mit einem samosen Enthusiasmus gegen die Philister", die in unseren Kritiken als kompakte Masse eine bekannte und geschätzte Rolle spielen, und proklamiert mit schönem Eifer, herrschen aber inuß auf der Bühne eine künstlerische Persönlichkeit.

Er wünscht nun diesem Leiter seines modernen Thea­ters als Prinzip der Reform:Die ernste Bühne der