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keinen Schlüssel zu diesen Vorgängen Hinterlogen. Wenngleich sie Evelyn versprochen, nicht wieder über ihre unglückliche Heirot Fragen stellen und Klarheit über alles verlangen zu wollen, so beschäftigten ihre Gedanken sich doch in stillen Augenblicken noch unausgesetzt mit diesem rätselhaften Geheimnis. Aber bei allem Nachdenken über das Vorleben ihrer Schwester hatte sie auch nicht den geringsten Anhalts-' punkt für eine Erklärung dieser geheinmisvollen Ehe, die sie so sehr verblüfft, in Erstaunen gesetzt und alle ihre, früheren Zukunftspläne durchkreuzt und vereitelt hatte, zu finden vermocht. Eines Umstandes nur glaubte sie sicher zu.sein: — wie auch immer die näheren llinstände sein mochten die Sache mußte in London ihren Anfang genommen haben, denn Evelyn war bis zu einem kurzen Besuche im Norden des Landes kaum auf nennensiverte Zeit aus der Stadt gekommen. Sie erinnerte sich bei diesen Nückblicken auch, daß ihre cschwestcr eine große Neigung zu einsamen Spaziergängen gezeigt hatte; sie erinnerte sich vieler Fälle, wo Evelyn früh aufgestanden und in den Garten oder den Park gegangen war, und wo sie __ Marian — ahnungslos ihre Vorliebe für frische Luft und Morgenspaziergänge belächelt hatte.
Wie die Sache also auch liegen mochte — jedenfalls war es, bis Evelyn ihr alles anvcrtraut haben würde, am besten und klügsten, sie sorgfältig im Auge zu behalten, so lange sie in London waren, rind im übrigen sie sobald ivie möglich sortzuschasfen.
Vielleicht bemerkte Evelyn, beiß sie jetzt unter beständiger Aufsicht seitens ihrer älteren Schivester stand; doch machte sie keinerlei Bemerkung darüber. Als Marian sie ins Vertrauen zog und ihr mitteilte, daß sie das Haus verkauft habe und dec Abwechselung halber umherzureisen beabsichtige, erwiderte sie kaum etwas darauf. Eine Gleichgiltigkeit und Teilnahins- losigkeit, die durch nichts zu erschüttern schien, ivar über sie gekommen.
Alles schien zu glücken, ivie Miß West es ivünschte und hoffte. Sie verkaufte ihr Besitztunr günstig, niachte einen Teil ihres Kapitals flüssig und begab sich mit ihrer Schwester auf den Kontinent. Von einem fashionablcn Badeorte gingen sie zum andern, und Marian beobachtete mit steigender Selbstzufriedenheit, wie ihre geliebte junge Schwester Gesundheit und Schönheit in höherem Maße beim zuvor wiebergewann. Heimlich sagte sie sich iviederholt: „Jetzt sinb ivir sicher, ganz sicher; Gott sei Dank! Mrs. Ford ist in Amerika; der Arzt hat mir sein eidliches Versprechen gegeben — und selbst wenn er cs versiichen wollte, die Bekanntschaft z>l erneuern und mir wieder mit unbequemen und unverlangten Ratschlägen zu kommen, so ivird er finden, daß ivir unser altes Heim verlassen haben, und wird seine Idee wohl oder übel auf- gebcn. Wegen alles übrigen kann ich ruhig sein. Jetzt kann ich ruhen, (Sott sei Dank I Wir sind in Sicherheit; die Ehre unserer Familie ist gerettet, dies dunkele Geheimnis ist tot imb begraben, und Evelyn wird aller Voraussicht nach noch ein glänzendes Los zuteil werden!"
Einige Wochen waren vergangen, nachdem Dr. Rucke sich von den Schivestern verabschiedet hatte. Er hatte kaum Zeit gefunden, daran zurückzudenken, beim er war bet gesuchteste imb beliebteste Arzt von AbbotSville, und eine bösartig anftretende Epidemie im Städtchen nahm seine Zeit und Aufmerksamkeit Tag und Nacht in Anspruch. Endlich aber, als sein Weg ihn eines Morgens durch die Ripleystraße führte, ivo Mrs. Jefferies in einem netten, reinlichen Häuschen wohnte, erinnerte er sich plötzlich jener langen Unler- redung mit Miß West und seiner Absicht, nach dem Kinde zu sehen.
Wer beschreibt sein Erstaunen, als er das kleine Haus verschlossen und alles leer fand? Ec erkundigte sich bei den Nachbarn und erfuhr zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß Mrs. Jefferies Abbotsville verlassen habe.
„Wie lange ist sie schon fort?"
„Etivas über drei Wochen", war die Erwiderung.
„Genau eine Woche nach der Abreise von Miß West", dachte der Arzt. Dann fragte er, wohin sie gegangen.
Das ivußte niemand. Sie habe sich bei keinem ihrer Nachbarn oder sonstigen Bekannten verabschiedet. Eines Tages sei sie zu einem Althändler gegangen, habe alle ihre Möbel und Habseligkeiten verkauft, ihre paar Schulden bezahlt, und am nächsten Tage sei sie fort gewesen.
Er fragte, ob vielleicht irgend welche Fremden sie besucht hätten; doch der Bescheid lautete auch hierauf verneinend.
Es war nutzlos, weitere Fragen zu stellen; keiner ihrer Nachbarn oder Bekannten wußte etivas über ihren Verbleib. Dr. Nurke vergaß seiner Patientin in dec Ripleystraße und eilte zur Eisenbahnstation. Er wußte, Nirs. Jefferies ivar die junge Witwe eines Bahmväcters, der kurz vor An- kunft der beiden Schestern in Abbotsville verunglückt war und seine Frau mit einem ganz unmündigen Kinde zurück- gelassen hatte. Aus Mitleid und weil ihm die Witwe als herzensgut unb brav bekannt war, hatte er sie Marian West als Pflegerin für Evelyns Kiiid empfohlen; beim Evelyn hatte tagelang zwischen Tod und Leben geschwebt, soday man gezwungen gewesen war, das Kind einer Pflegerin und Amme zu übergeben. Alles dies stieg wieder mit greifbarer Deutlichkeit in der Erinnerung des Arztes auf, als er jetzt beflügelten Schrittes zum Bahnhofe eilte.
Lange erkundigte er sich überall vergebens; endlich fand er einen Bekannten des verstorbenen Bahnwärters, der die Witwe hatte abfahren sehen, aber wohin, das wußte er nicht, und Dr. Rurkes weitere Bemühungen, es in Erfahrung zu bringen, waren sämtlich vergebens.
„Das hat Miß West getan und niemand anders", murmelte der Arzt, als er langsam die Station verließ.
Ec schrieb am selben Tage noch an die ihm ansgegebene Adresse in London, von wo aus Marian West ihm kurz und höflich, ihrem Versprechen gemäß, ihre glückliche Ankunft mitgeteilt hatte, erhielt aber nach wenigen Tagen seinen Brief als unbestellbar zurück mit dem Vermerk: „Verzogen von 42 Bristol Terraee, Belgravia, wohin unbekannt".
Ec erfuhr auch nichts weiter mehr über den Verbleib der beiden Schwestern; sie waren so vollständig und spurlos von seinem Lebenswege verschwunden, als ob sie ihn nie gekreuzt hätten; und'cs gab später Augenblicke, wo ec sich versucht fühlte, zu fragen, ob nicht alles ein Traum gewesen.
Unterdes frohlockte Marian West über den Erfolg ihres Planes und sagte sich wohl hundertmal des Tages mit Befriedigung, daß sie sicher seien. —
Und Monde und Jahre rollten dahin, und die Erinnerung an die Vergangenheit verblich und entschwand im Strome der Zeit. —
Ende der Einleitung.
(Fortsetzung folgt.)
Kus deutschen Aeitschrifie».
Mis dem „Kriegstag ebnch e des General- leutnants Kurt vvn Eins iedel" bringt das August- heft von „Nord und Süd" (Breslau, Verlag von S. Schottlaeuder) einen weiteren Abschnitt „Bor Paris", der die Zeit von Anfang. Dezember 1870 bis Anfang Januar 1871 schildert. An dieser Stelle wurde schon einmal auf die anschauliche Kraft und eindringliche Schlichtheit dieser Kriegstaaebuchblätter hingewiesen. Einsiedel schildert nicht nur als Militär, sondern auch als Zuschauer und Mit- erleber von rein menschlichem Standpunkte. Das erhöht das Interesse. Wie. lebendig zeichnet er z. B. seine Erlebnisse in Noisy-le-grand: „Es war Nacht — etwa 7 Uhr —> als wir hinter Noisy-le-grand anlangten, welches von uns besetzt werden sollte. Bor dem Dorfe wurde aufmarschiert und" unbedingte Ruhe und Stille anbesohlen, selbst das AUzünden von Schwefelhölzern verboten, da der Ort des Nachmittags vom Avron lebhaft beschossen worden war und die feindlichen Vorposten in der nächsten Nähe standen... Ich beobachtete die Lage eine Zeitlang von der Gartenterrasse des Schlößchens ans, welches die Offiziere des Repli in Beschlag nahmen, und entdeckte hierbei, daß dieser baumarme Garten, der die Rückfront des Gebäudes gegen den Adron vollständig! frei ließ, eine große Zahl Granatlöcher aufwies, die sich bis an das Haus erstreckten, —।


