Montag den 17. SepLemöer
1906
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Im Wanne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Spurlos verschwunden.
Einige Tage später sagten die beiden Schwestern dem Mühlenhofe Lebewohl. Sie wären noch etwas länger geblieben, aber die Besitzerin, die alte Mrs. Ford, war ungeduldig, abzureisen. Die Einrichtung und alles sollte verkauft werden und dann wollte sie zu ihrem Sohne absegeln, dem in der neuen Welt, wie nie zuvor in der alten, das Glück hold gewesen war.
Marian West war die schnelle Abreise jedoch keineswegs unwillkommen. Alles paßte in den Plan, den sie entworfen. „Hat sie erst England verlassen," dachte sie, „und sind auch wir abgereist, so ist diese unglückselige Vergangenheit abgetan und zu Ende; dann haben wir nichts mehr zu befürchten."
Dr. Rurke hatte erklärt, Evelyn setz vollständig soweit genesen, daß der Abreise nichts im Wege stehe. Als er kam, uni sich zu verabschieden, war Evelyn ausgegangcn, um zum ersten Male einen langsamen Spaziergang durch die duftigen Wiesen zu machen, die das Gut rings umgaben. Die frische, sommerliche Luft und die mäßige Bewegung hatten eine sanfte Röte auf ihre Wangen gebracht; als sie ins Zimmer trat, sah sie so lieblich und zart in ihrem duftigen Sommerkleide aus, daß der gute Doktor schier erstaunt auffuhr. Sie errötete und wurde gleich darauf sehr blaß.
„Ich wollte Ihnen Adieu sagen, und finde zu meiner herzlichen Freude, daß Sie jetzt ganz und gar ohne mich fertig werden können," sagte er lächelnd.
„Sie find so sehr gut gegen mich gewesen," versetzte sie, „so gut, daß ich Ihnen nie genug dafür danken kann; ich verdanke Ihnen mehr als das Leben. Ich habe nicht gewußt, daß es so freundliche und gute Menschen wie Sie überhaupt in der Welt gäbe."
Er sah ihr bewegt in die schönen, dunkelblauen Aucfen. Tausend Worte drängten sich ihm auf die Lippen; aber er äußerte kein einziges. Es verlangte ihn darnach, sie zu warnen, sie zu ermahnen, auf ihrer Hut zu fein, ihr zu raten, sich ihrer Schwester anzuvertrauen; und doch, gleich vielen anderen, die tief und warm fühlen, war er nicht imstande, auch nur ein Wort herauszubringen.
So schüttelten sie sich nur die Hände und sagten sich stumm und schweigend Lebewohl mit den Blicken.
Marian begleitete ihn zur Tür; dort wandte_ er sich nochmals und zögerte einen Augenblick. „Ich habe ja Ihre Adresse: 42 Bristol Terrace, Belgravia, nicht wahr? — Ich
hoffe von Ihnen zu hören, daß Sie wohlbehalten wieder tn Ihrem Heim angelangt sind."
„Ich werde nicht verfehlen, Ihnen zu schreiben," versetzte Miß West, und dann trennten sie sich.
„Marian," sagte Evelyn, als sie zurückkehrte, „Du hast Dein Wort nicht gehalten; Du wolltest mir doch noch das Grab meines kleinen Toten zeigen. Oder gehen wir heute nachmittag noch hin?"
Es war wohl nur vom Bücken, daß Marian, die gerade vor einem Koffer niedergekniet war und einpacken wollte, eine solche Röte ins Gesicht stieg. Jedensalls bemerkte Evelyn, deren Blick träumerisch durchs Fenster schweifte, nichts davon.
„Richt jetzt," versetzte sie dann rasch. „Du bist noch nicht wieder stark genug, um Aufregung und Gemütsbewegungen zu ertragen. Der Arzt hat das auch noch soeben gesagt. Eines Tages kehren wir vielleicht wieder zurück, und dann sollst Du es sehen. Vertraue mir, Eve: ich habe nur Dein Bestes im Auge."
Am nächsten Morgen verließen sie Abbotsvllle. Unverwandt haftete Evelyn's Blick auf dem alten spitzen Kirchturm und den grünen Bäuinen, bis sie in der blaiien Ferne verschivanden.
„Marian," flüsterte sie, „ich erinnere nuch, diesen Kirchturm gesehen zu haben, als lvir mit dem Zuge ankamen lind als — ach! — mein Herz bis zum Tode betrübt war. Ich weiß noch, ich betete, daß ich sterben möge; ich hatte keinen anderen Wunsch mehr auf der Welt."
Marians Stirn faltete sich streng. „Das ist das letzte Mal, daß Du diese kummervolle Vergangenheit erwähnst, hörst Du? Es soll ein weißes Blatt im Buche Deines Lebens werden, worauf nicht einmal die Erinnerung ein Wort lesen kann. Verabschiede diese Gedanken ein für alle Mal l Ich werde nie wieder ein Wort darüber erwähnenI"
Und sie hielt Wort. Der Name Abboisville oder Dr. Rurke kam nicht mehr über ihre Lippen; es war, als ob nv» etwas von allem vorgefallen wäre«
*
Herzlich und warm wurden die Schwestern ,nieder zu K>ause begrüßt; doch mit großem Erstaunen vernahmen Wcst's alte Bekannten und Freunde alsbald, daß Marian ihr Haus zu verkaufen und London zu verlassen beabsichtige. Alle neu« gierigen Erkundigungen schnitt sie damit ab, daß sie angab, die schwächliche Gesundheit und Nervosität ihrer Schwester verlange ein mildes Klima und Wechsel der Umgebung. Ihr Plan stand fest, und um ihn.durchzuführen, mußte sie jegliche Spiir ihres früheren Lebens verwischen, das neue Leben vollständig von dem alten, von der Vergangenheit trennen und


