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nach einem Aquarell von Professor Günther-Naumburg (Charlottenburg) darstellt. (Tas Original war in diesem Frühjahr im Gießener Kunstverein ausgestellt.) Der in biegsamen Leinenband gebundene Führer kostet ohne die große Spezialkarte 1 Mk. und mit dieser 1,50 Mk.
* Wie resolut Bismarck sein konnte, wenn das Staatswohl es erforderte, erzählte einst der Oberhosmarschall und Berliner Schloßhauptmann v. Röder, beut die diplomatische Aufgabe zugeiallen war, den am 23. Juni 1866 verhafteten, ntehr als wunderlichen Kurfürsten Friedrich Wilhelnt von Hessen nach Stettin zu bringen. Bei diesen: Manne, der nur den Egoismus oder die Bosheit als Triebfeder kannte, hielt es Bismarck begreiflicherweise für nötig, des Kurfürsten Wunsch zu verhindern, seinen Vetter, König Wilhelm, zu sprechen, der in seiner Gutherzigkeit ihm die dringend erbetene Unterredung endlich bewilligt hatte. Bismarck gab deshalb Anweisung, sofort nach Einfahrt des Zuges auf dem Berlin-Stettiner Bahnhof die Wage», welche den Kurfürsten und sein Gefolge enthielten, abzukoppeln und nach Stettin weiterlaufen zu lassen. König Wilhelm war selbst hierüber froh, und Bismarck überzeugte den König voit der Not- wendigkeit der Maßregel; denn dieser hätte in seiner Güte vielleicht Zugeständnisse gemacht, die ihn später geteilt. Vom alten Kaiser Wilhelm hob v. Röder als Haupttugend seine ausgeprägte Wahrheitsliebe hervor; er sehnte sich sörmlich nach aufrichtigen Menschen, und das war eine der psychologischen Triebkräfte in seinem innigen Verhältnis zu Bismarck, daß dieser ost nicht bloß rückhaltlos, sondern rücksichtslos seine Meinung sagte.
* Ein eigenartiges ärztliches Honorar wurde dem Medizinalrat Dr. Meißner in Leipzig einmal zuteil, nachdem er in eine ganz arme Familie an das Krankenbett einer Mutter in ihrer schweren Stunde gerufen worden war. Der berühmte At^t hat während 40 jähriger Praxis bis 1859 ntehr als 4000 aufblühende Menschenleben mit seiner ärztlichen Kunst überwacht, aber wohl nie wieder einen so wunderlichen Fall erlebt. Der Gatte und Vater war ein ehemaliger Advokat, dann Winkelschreiber und durch Trunksucht tief herabgekommen. Beim Eintritt des Doktors lag er in einem Winkel nnd schlief seinen Rausch aus, unbekümmert nm alles, was um ihn her vorgiug. Der Medizinmann fand die Stube kalt und dunkel, er mußte sich, bei den ärmlichen Nachbarn erst eine Lampe und ein Sechserlicht borgen. Nicht einmal die nötigste Wäsche war für den erwarteten Weltbürger vorhanden, auch weder Korb noch Wiege, so daß man zunächst das arme, kleine Wesen in einen offenen — Komodenkasten einlogierte. Der Arzt quartierte auch für einige Tage die drei größeren Kinder bei den Nachbarn ein, und half der unglücklichen Familie in jeder Hinsicht. Zwei Wochen lang fragte er täglich nach, ordnete ans seine Kosten umfassende Pflege an und erschien nie mit leeren Händen. Monate waren verflossen. Dr. M. dachte längst nicht mehr an den „Fall". Da tritt eines Tages der wackere Familienvater bei ihtn ein, merklich angesäuselt, aber mit Spuren einer feierlichen Kleidung. Der abgeschabte schwarze Rock war gut ausgebürstet, der runzlige Zylinder aus Urvätertagen leidlich glatt gestrichen und Halstuch und Kragen konnte man in der Dämmerung fast für weiß halten. „Herr Medizinalrat!" lallte der Besucher, „Sie haben sich damals so viel Mühe gegeben bei uns! Geld Ijnb' ich kein's, aber Sie sollen nicht sagen, daß ich schlecht bin! Hier bringe ich Ihnen das Honorar!" Und damit griff er tief in seine Rocktaschen uitb legte auf den Tisch — zwei zappelnde Meerschweinchen! Ehe der erstaunte Arzt sich vom Lachen erholte und die Annahme der „Zahlung" verweigern konnte, war der großmütige Spender im Dunkel der Nacht verschwunden.
— Eisselbitten. Roman von Wilhelm Heinrich Michelis. Verlag von Georg Eichler, Berlin SO., Schmidstr. 24-25. 360 S. Preis 3.50 Mk. — Der Roman spannt die Erwartung des Lesers vor allem durch seinen eigenartigen Aufbau, der nicht zufällig gewählt ist. Die Gemütstiefe, die die originellen Charaktere auszeichnet, ließ sich nicht anders ausdrücken, als auf der sorgsam geschichteten breiten Basis. Wie sollte in einem kurzen Geplauder der Heimatszauber sich entfalten, der den Leser erwärmt, sein Gemüt bewegt? So schreibt ein Schriftsteller, der sein, Werk selbst erlebt, selbst empfunden, selbst durchrungen hat! Bei seiner Rückkehr in die heimischen Fluren, in sein Jugendleben, muß der Leser ihn begleiten, mit ihm die Agrar-Provinz Ostpreußen betreten. Der Verfasser schreibt so impulsiv, so lebendig, daß er seine Begleitung erzwingt. Je weiter er vordringt, desto fesselnder und kürzer faßt er seinen Stoff. Ja, bei dem Kriminalfalle möchte der Leser vielleicht noch detaillierter über dte Vorgänge unterrichtet werden. Die Verurteilung eines Unschuldigen ist mit zwingender Beweiskraft durchgeführt. Der Versager schildert die nationale Eigentümlichkeit der Gegend durch dte verschiedenartigsten Personen.
— HeddaDroneck. Gebt u n s M a u n e s k e u s ch h e i t I Tagebuchblatter eines Mädchens. (Webels Verlag Dr. Abel u. Born,
Leipzig, Brühl 13; broschiert 2.— Mk. Die Verfasserin ist durch ein großes Irren hindnrchgezogen. Sie wußte nichts von „unreinen" Männern. Ihr Glaube an Manneskeuschheit war so selbstverständlich, wie ihr Glaube an des Weibes seelische und körperliche Reinheit. Erst Monate nach ihrer Verlobung öffnet ihr ein Zufall die Augen. Sie gewinnt die Gewißheit, daß eine zwiespältige Gesellschaftsmoral dem Manne, besonders dem jungen Alamis, einen Freibrief des Lasters bereits in die Wiege legte, daß selbst die seelische Reinheit der Jungfrauenschaft heute einen starken Riß besitzt. In ihrer leidenschaftlichen Empörung erkaltet ihre große Neigung. Alles was sie in der Zeit der jähen und späteren Erkenntnis durchlebte, was sie lange Zeil noch „nach dem Ende" beschäftigte, enthielten ihre Tagebuchblätter, die gesichtet und überarbeitet, jetzt int Druck vorliegen. Das Buch ist eine mutige Tat! Mit sittlichem Ernst und klarem Blick behandelt ein kluges Weib hier sexuelle Probleme in durch uud durch taktvoller Weise^bei einer rücksichtslosen Offenheit. Dem Buch liegt jede Frivolität fern tiefernst oft bis zur Leidenschaft sich steigernd, klingt es in der Forderung nach „reinen Männern" miS. Die Reflexionen, die von dieser Grundforderung ausstrahlen, verbreiten sich über das, ivas man heute allgemein „die sexuelle Frage" nennt.
— M. L o e b: „Siegfrieds Rheiufahr t." Neue Glossen aus dem Geschästsleben. Mit Illustrationen von Fritz Berqen. 06 S. 8°. In farbigem Umschlag 1 Mk. Stuttgart, Franckh'sche Verlagshandlung. — Nachdem der Verfasser mit seinem im vorigen Jahre im gleichen Verlag erschienenen Bändchen „Seine Majestät der Reisende" einen hübschen Erfolg erzielt hat, beschenkt er mm die Freunde seines Humors mit „Siegfrieds Rheinfahrt", worin naturgetreue Schilderungen des kaufmännischen Lebens und Treibens treffende Satire, frischer Humor und dramatisch lebhaft bewegte Handlung sich die Hand reichen. Es sind das mit frappierender Lebenswahrheit gezeichnete Bilder aus dem Geschäslslebeii. Diese Prinzipale, diese Reisenden, diese Buchhalter und Bureaudamen, diese Lehrlinge — lauter Moment-Ausnahmen nach dem Leben
Ein neuer Kalender.
— Simplizissimus-Kalender für 1907. Umschlag- zeichnung von Th. Th. Heine. Geh. 1 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Der Kalender für 1907 erscheint wieder in handlichem Format und vergrößertem Umfange. Ebenlo enthält der neue Kalender wiederum ausschließlich bisher unveröffentlichte Originalbeiträge der bekannten Simplizissimuszeichner. Längere Erzählungen haben Hermann Hesse, Gustav Meyrink, Roda Roda geliefert. Von Hermann Hesse sind auch die Monatsverse. Die Rubrik „Lieber Simplizissimus" bringt zahlreiche Anekdoten. Die Sensation des Kalenders bilden wieder Prophezeiungen für das nächste Jahr in Versen von Ludwig Thoma lind brillanten Zeichnungen von Olaf Gulbransson, die sich mit allen aktuellen Fragen der Politik in satirischer Weise beschäftigen. — Alles in allem genomnren, ist der neue Simplizissimus-Kalender eine der markantesten Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Kaleiiderlitteratur.
Mode.
-- Die int Verlag von Franz Lipperheide, Berlin W. 35/ erscheinende „Modenwelt" (gegründet 1865) ist das beliebteste Modenblatt, welches mit einer Fülle reizvoller Illustrationen unb klaren, textlichen Erläuterungen den Leserinnen nicht nur lede Toilettenfrage beantwortet, sondern auch in Bezug auf Handarbeiten Mustergiltiges bietet. Die Nr. 20 vom 15. Juli enthält für Erwachsene und Kinder Sommertoiletten so verschiedenster Art mit tadellosen Schnittmustern, daß jeder Geschmacksrichtung Rechnung getragen ist. Unter den Handarbeiten nehmen die so beliebten stilgerechten Typenmuster einen breiten Raum ein In emem umfangreichen Unterhaltungsteil erscheinen neben einem spannenden Roman und einem Bericht, der über den Stand der Moden orientiert, kleinere mit Illustrationen versehene Artikel von allgemeinem Interesse. Der Abonnementspreis dieser so überaus reichhaltigen Zeitung beträgt 1.25 Mk. vierteljährlich/
Magisches Quadrat.
Nachdruck verboten.
----- In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Biichstaben AAAAAABBDDELL
--R R U derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes
--bedeuten:
_____ 1. Spanische Stadt.
2. Norwegischen Geschichtsschreiber.
----- 3. Schweres Verbrechen.
4. Kleinen Fisch.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:
Ruhe, Uhr.
Redaktion: Ernst Heß. -Rotationsdruck und Verlag.der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindxuckerei. R. Lange. Dießen.


