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riechende Flüssigkeiten — vielleicht hatten sie auch einen ganz anderen Zweck als den angenommenen.
Des Regenwetters wegen wurde der Kaiserpalast nur von einigen Herren besuchst die allgemeine Besichtigung fand am anderen Morgen statt. Dagegen vereinigte man sich am Wend zu einem fröhlichen Kommers auf dem Weißhaus, das etwa eine halbe Stunde von Trier moselabwärts auf der Höhe liegt und einen prächtigen Fernblick bietet.
Langsam versank Trier mit seinen sieben Kirchtürmen in der Abenddämmerung und nur die langen Lichterreihen der Straßen zeigten die Nähe der Stadt an.
Zu dem Kommerse, der auch von wenigen Frauen besucht war, hatten die Professoren in liebenswürdigster Weise „den nötigen Stoff geschmissen", und unter der schneidigen Leitung des ältesten Semesters, Herrn Prof. Bethe, verlief er in der denkbar besten Stimmung. Spät in der Nacht erfolgte der schwankende Heimgang. — — —
In der Frühe des nächsten Tages begann die Besichtigung der in der Mitte des 4. Jahrhunderts erbauten römischen Bäder, deren Grundmauern sich noch weithin ausdehnen. Der Torso einer dort aufgefundenen Amazone ist im Provinzialmuseum aufgestellt.
Die Kürze der noch zur Verfügung stehenden Zeit erlaubte keinen großen Aufenthalt mehr, und so mußte die Besichtigung des stattlichen Kaiserpalastes, der Basilika und der Liebfrauenkirche in großer Eile geschehen.
Ter Kaiserpalast, ein aus dem 4.-5. Jahrhundert stammender Kolossalbau, ist in seinen Fundamenten noch gut erhalten und auch ein beträchtlicher Teil der Mauern steht noch. Bis vor wenigen Jahren befand sich hier der Sitz einer Stadtzollwache und das eine Fenster diente damals als Stadttor. Durch dieses zog im Jahre 1871 Kronprinz Friedrich in Trier ein.
Die Basilika stammt etwa aus dem 4. Jahrhundert und ist noch vollständig erhalten. Nur im Innern wurden Aenderungen vorgenommen, um sie als protestantische Kirche gebrauchen zu können. Die Liebfrauenkirche, das älteste gotische Bauwerk in Deutschland, ist eine der interessantesten Kirchen Deutschlands. Das Portal zeigt romanischen und gotischen Stil in seltsamer Verschmelzung. Während das Tor selbst noch rundbogig ist, tragen seine Voluten schon den Schmuck der Heiligen, die oben nahezu wagerecht mit den Köpfen zusammenstoßen. Das übrige Gebäude ist rein gotisch, der Turm wieder romanisch. Es ist möglich, daß französische Baumeister den gotischen Teil gebaut haben und später aus irgend welchen' Gründen aufhören mußten, möglich auch, daß der Bauherr wechselte, an dem gotischen Stil keinen Gefallen fand und die Kirche in seinem Geschmack vollenden ließ. Auch das Innere der Kirche, die durch die Sakristei mit dem Turm verbunden isst ist sehr sehenswert, doch mangelt es mir hier an Raum, mich näher damit zu beschäftigen.
Nach dem Mittagessen versammelten wir uns, soweit eS mit unseren eigenen Reiseplänen übereinstimmte, am Bahnhof, um durch Wittlich in der Eifel zu fahren, tvo wir die Reste einer römischen Villa besichtigen wollten, lieber diese Reste, die für den Laien wenig Anziehendes bieten, kann ich schweigen — es sind ein paar Steinhaufen, die nur dem Forscher etwas sagen, und diesem nur das, was er eigentlich schon längst weiß.
Auf dem Rückweg nach Wittlich — die Villa ist etwa eine Stunde davon entfernt — wurden wir von einem tüchtigen Regen überraschst der uns unsere gute Laune jedoch keineswegs verderben konnte.
Nun gings zurück nach Gießen, ivo wir samt und sonders gut an kamen.
... Damit war die Studienreise, die die Professoren in nebenswürdigster Weife vorbereitet und geleitet hatten, zu ^ude gekommen und — man trennte sich> wie es in allen Vereinsberichten heißt, in dem Bewußtsein, vergnügte Tage verlebt zu haben.
Settsatlonshücher.
Gä gehört nicht viel Scharfblick dazu — so lesen wir im Quecken „Literarischen Echo" — um sestzustellen, welche Spezies von Buchern augenblicklich bei uns an der Oberfläche schwimmt. Zwei Gattungen machen sich das Seusatiousiniercssc streitig: ein- mal die Memoiren von allerhand Magdalenen, echten und falschen; sodann die Phantasieromane, die den deutsch-englischen Krieg der Zukunft behandeln. Die letztere Kategorie nahm vor
Jahr und Tag mit August Niemanns Roman „Der Weltkrieg" ihren Anfang; dann folgte das vielbeachtete „1906" des Anonymus „Seestern"; dann erschien in London als Gegenstück dazu „Die Invasion von 1910" des Herrn William Le Queux, die uns flugs auch in deutscher Ausgabe beschert wurde. Abermals folgte ein deutsches Zukuuftskricgsbild unter dem erschri cklicheu Titel „Mene, mene tekel upharsin!" und kaum ist dieses vom Stapel gegangen, so liest man wiederum von einem englischen Werke derselben Art, „The Enemy in our Midst" von Walter Wood, der die Entdeckung gemacht hat, daß in England etwa 150 000 Deutsche leben, von denen ein großer Teil als Spione und Agenten Deutschlands tätig und im Kriegsfälle bereit ist, als eine Art Fremdenlegion auf englischem Boden in bewaffnete Aktion zu treten. John Song in London hat diese Blüte englischen Deutschenhasses verlegt. Wenn Mr. Walter Wood erst wüßte, daß Deutschland kürzlich sogar schon einige vierzig „kommandierende Generäle" in das Jnselreich entsandt hat. die sich unter der Marke simpler Journalisten von der militärischen Lage des Landes durch den Augenschein überzeugen sollten! Mittlerweile tauchen am Horizont schon wieder zwei neue deutsche Zuiunfts- lriegsgemälde auf, deren eines sich nach berühmtem Muster betitelt: „Völker Europas . . .!", während das andere („Nord- licht 1908") nach den Versicherungen des Verlegers, „wohl das gelesenste Buch der Saison" werden wird. Mau sieht: Mars regiert die Stunde. Im übrigen soll man den Nutzen dieser Art Literatur nicht unterschätzen: Revolutionen, die vorher an- gckündigt werden, pflegen Nicht auszubrechen, und Kriege, die vorher haarklein beschrieben werden, pflegen nicht geführt zu werden: sie bleiben auf dem Papier, und das Blei wird bei dieser -Kriegführung nicht in Form von todbringenden Kugeln, fonberit vor: harmlosen Lettern int Setzkasten verbraucht. — Die andere Gattung von Büchern, mit die die deutsche Nativnal- literatur sich seit einiger Znt bereichert sieht, sind die Beketiut- uisbücher von Weiblichkeiten mit mehr oder weniger — zumeist weniger — interessanter Vergangenheit, als deren Prototyp das vorjährige „Tagebuch einer Verlorenen" gelten kämt. Mit dem „Tagebuch einer anderen Verlorenen" (dem dreisten Wiederabdruck eines sechzig Jahre alten Schmökers), der „Beichte einer Gefallenen", „Beichte einer weißen Afrikanerin" usw. nahm die Reihe ihren Fortgang. Die „Memoiren einer Kellnerin" eröffnen bereits die Perspektive, daß auch andere — sagen wir, exponierte weibliche Berufsklassen sich ihrem Bekenntnisdrang hinzugeben wünschen. Inzwischen sind auch die Memoiren der wegen Gattemnordcs verurteilten Gräfin Linda Murri-Bonmartini auf den deutschen Büchermarkt gekommen, und mit der „Lebensbeichte", deren sich Fran Wanda von Sacher-Masoch kürzlich in Buchform entledigt hat, hat überdies der Name einer der widerwärtigsten Persönlichkeiten ans der Literatur des vorigen Jahrhunderts eine unrühmliche Urständ gefeiert. Leider hat sich für diese schmutzige Wäsche auch ein angesehener Verlag als Unter» tnnstsstelle gefunden; dagegen darf erfreulicherweise festgestellt werden, daß die Tagespresse, so weit wir sehen konnten, mit wenigen Ausnahmen dem Buche keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt und ihm damit nicht zu dem ersehnten Seitsntivnserfolg verholten hat. Das ist, wie gesagt, erfreulich, denn im allgemeinen übt unsere Presse, oder doch ein großer Teil davon, gerade derartigen „menschlichen Dokumenten" gegenüber (Dank, Zola, daß Du uns das Wort gelehrt!) eine oft bedauerlich weitgehende Toleranz nnd besorgt arg- und harmlos die Geschäfte buchhändlerischcr Tagesspekulation.
VerMßsehtLs.
* Das Villnöstal mit seiner Umgebnntz lvird in Emil „Roth's illustrierte Führer Nr. 9" in Wort und Bild geschildert. Das in dem Buche behandelte Gebiet ist ein verhältnismäßig wenig bekanntes Dolomitental bei Klausen, das fast überreich an Naturschönheiten ist und dem Sommerfrischler, Talbimimler und Spitzenfresser in gleicher Weise Erholung und hohen Genuß gewähren wird. Tas unter der Mitwirkung der Alpenvcreinssektiouen. Dresden, Regensburg und Brixen herausgegebene Handliche Buch bietet in seiner Beschränkung auf ein verhältnismäßig kleines Gebiet für dieses lveit mehr, als es die gewöhnlichen Reisehandbücher tun können und macht jedes andere Jn- formationsmittel entbehrlich. Von den größeren Abhandlungen des Führers seien erwähnt „Zugänge in das Billuös- tal" (Bon Klausen aus, Bon. Brixen aus, Vom Pustertal aus, Bon Gröden), Kleinere Touren, Größere Touren, die Regensburger Hütte, Die Franz Schlüter-Hütte und ihre Umgebung, Touren voit da aus, „Ruud um die Geisler- spitzen" usw. Auch der reichen Pflanzen- und Kleintierwelt des Tales ist in besonderen Abhandlungen gedacht. Zwei treffliche Karten erhöhen die Brauchbarkeit des Buches außerordentlich und über 50 Illustrationen vermögen auch denen, die das Villnöstal nicht besuchen können, einen Begriff von den Schönheiten geben, die dort des Besuchers harren. Hübsch ist namentlich das Titelbild, das Gusidaun


