Ausgabe 
17.8.1906
 
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dürfe, um seine Empfindungen aiiZzubrücken ein Blick ge­nügte, wenn dieser Blick eine reine Seele widerspiegelte, ein wahres innerstes Gefühl.

Wie ein Freudenquell sprang dieser Gedanke in ihr auf.

Das gab ihr Zuversicht und Mut. Sie ivollle der pein­lichen Situation ein Ende bereiten, und da. er noch immer schwieg, während diese Vorstellungen an ihr vorüberzogen mit der Schnelligkeit sich jagender und haschender Gedanken, sagte sie langsam:

Ich beivundere, daß Sie so viel Jugend sich bewahrt in einem Leben, das so schrecklich alt macht."

Della", fuhr er auf,du verhöhnst-mich!"

Sie? Ich bin es, die sich müde fühlt! Ich ge­höre ja auch dazu . . ." erwiderte sie mit schmerzlicher Bitterkeit.

Ein höhnisches Lächeln zuckte durch seine Mienen.

Gottlob, ja! Das tust du, unb glaube mir nur, die Kunst läßt niemand frei, der sich ihr geweiht niemand, mit eisernen Klammern ,hält sie ihn fest, sie hat scharfe Waffen, um den Lauen, Ziveifclsüehtigen zur Unterwerfung zu zwingen. Ehrgeiz, Eitelkeit, Streben, Begeisterung, Erfolg, Triumph- Sieg. Das ist wie ein Rausch, wie ein Zauber, dem man nicht entrinnt lauter starke, gewaltig gesteigerte Gefühle aber sie halten, halten!"

Wenn ec recht hätte?

Und wir sind gewissermaßen Verbündete. Unser beider Schicksal ist die Kunst! Wohl uns, wenn wir uns noch etwas Persönliches für einander retten."

Aber ich ivill nicht", rief sie angstvoll.

Du mußt!-"

Er trat ganz dicht an sie heran und mit dem ge- däuipften Ton, der aber in leidenschaftlicher Erregung bebte,, sagte er.

Was ist über dich gekommen, Kind? Hier, wo du den Zenith deines Ruhmes erreichst, erfassen dich kleinliche Be­denken, sentimentale Regungen. Ist es die dumpfe, enge Heimatslust, die mit all dieser Gevatterschaft auf dich cin- braug? Die Familie taugt einem Künstler schlecht. Die Tanten und Basen und Jngendgespielen und alten Verehrer, die wohl sehr gern neue werden möchten."

Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, mie sie ihn haßte für diese Worte, vielleicht hätte er innegehalten. Aber sie saß mit herabgeneigtem Kopf, sodaß er ihr Gesicht nicht sehen konnte imb den Ausdruck von Qual und Bitterkeit, der darin stand. Die Hände ruhten lässig ineinander gefaltet auf ihrem Schoß, und wie jemand, der ein Verhängnis nicht abivehren kann, ließ sie den Strom seiner Rede über sich hinfluten.

Solange du meinem Einfluß dich unterwarfst, meinen Rat befolgtest, stiegst du empor aufwärts, höher, immer höher soll jetzt der Flug erlahmen? Wenn du auf längere Zeit in dein Elternhaus zurückkehrst, so legt sich diese Engnis bedrückend auf deine Seele und bindet dir die Flügel, die dich hinauftrugen zu den Sonnenhöhen des Ruhms. Ein Künstler muß frei sein, im Sonnenschein muß er leben, Licht und Wärme müssen ihn durchgluhen. Die Schatten dürfen nicht auf seinen Weg fallen, die in engen Lebenskreisen so groß und breit werden! Du siehst es ja an dir selbst, Kind! Als ich energisch forderte, daß in den ersten Jahren deiner Künstlerlanfbahn nichts deinen Pfad kreuzen dürfe, woran dein allzu weiches Herz dich mit tausend Fäden band, da wußte ich wohl, was ich wollte. Stark wollte ich dich machen und frei von Rücksicht, die für die Herde nottut, damit sie sein beisammen bleibe und nach einer Pfeife tanze. wir andern wir brauchen das nicht! Wir andern wir wenigen!

Und zu ihnen sollst du gehören! Fühlst du es beim nicht in dir, jenes Göttliche der Auserwählten?

Dein .einziges Talent hat dich zu uns gewiesen! Als ich dich zum ersten Male sah, damals vor der Madonna, da stieg es wie eine Vision in mir auf das ist wie eine Be­gnadete, und wie ich daran glaubte du weißt es!"

Ja, sie wußte es. Wie er sie dann an sich gezogen,

eingefangen, gefesselt alles im Namen der Kunst! Und wie er sie geleitet, jeden ihrer Schritte bewacht und sie ge­führt hatte bis heute, bis hierher!

Aber nicht weiter . . . nicht weiter!" stöhnte es in ihrem Innern, ohne daß sie ein Wort hätte herausbringen können.

Du warst gelehrig und deine künstlerische Seele war reif für die heilige Empfängnis, so wurdest du, was. du bist eine Madonna!"

Sie schrak empor.

Lästern Sie nicht!" rief sie in heißer Empörung.

Ach, Täubchen, sei nicht so konventionell", lachte er und zeigte für einen Augenblick sein wahres Gesicht.

Sie rang nach Fassung.

Diese Episode hier wird vorübergehen . . . dein Vater, deine Verwandten, deine Grafen werden zurückkehren zu den heimischen Penaten, du wirst dich wiederfinden, diesen Heim- wehdusel verschlafen und mit Hellen Augen um dich blicken. Dann lachst du selbst über diese Sentimentalität, über diesen Irrtum, der dich glauben machen wollte, deine Heimat sei in den Niederungen, im kleinen Tal, wo die Ströme des Lebens verebben und die Tümpel entstehen, in denen die Kleinlichkeit, die Vorurteile, die Beschränktheit sumpfen mit ihren atembeklemmenden Dünsten. Dort bauen die Störche ihr Nest, du aber sollst auf den freien Höhen wohnen, unter dir all das Kleine, Dumme, unter dir die Sonne! Die Sonne, die nur uns gehört, uns Sonnenkindern des Glücks, Lieblingen der Kunst!"

Es lag etwas Berauschendes in seinen Worten.

(Fortsetzung solgt.)

Kine SluLi-nre-se nach Trier.

Von Karl Neurath.

III.

Ter Nachmittag des zweiten Tages galt ausschließlich der Besichtigung der reichhaltigen keramischen Abteilung des Provinzialmuseums. Die Besichtigung des Kaiserpalastes hätte sich zwar daran anschließen sollen, mußte aber wegen eines heftigen Gewitters unterbleiben, wenigstens für die Mehrheit der Reifenden.

Im Provinzialmuseum hielt Prof. Fragendorff einen Vortrag über römische Keramik, der eine Fülle von An­regungen und Vergleichen brachte, und den Beweis lieferte, daß unsere heutige Töpferei kaum auf einer höheren Stufe steht, als die der alten Römer. Früchte als Messerhalter, Flaschen in Form, von Tieren, wie Kamelen, Vögeln nsw. waren den Römern ebenso gebräuchlich wie uns. Künstlerische Eßbestecke mit zierlichen Ornamenten und Figuren zierten ihre Tafel; wir haben öde Weiße Schüsseln ober vielleicht auch einmal eine Schale, die man als den Tummelplatz eines verrückt gewordenen Malerpinsels an- sehen könnte. Glücklicherweise ist das ja nur vereinzelt, aber es ist eben mit Naturnotwendigkeit vorhanden. Erst die jetzige Kunstbewegung bringt darin eine Aenderung. Allerdings gibt es noch viele Leute, die denmodernen Stil", der sich mit der Zeit Wohl zum Stil ausbilden wird, für verrückt erklären leider. Sie übersehen dabei, daß Uebertreibungen notwendige Entwicklungserscheinungen sind, und verkennen vollständig die Bedeutung ihrer Zeit. Wir haben es ja zwar noch nicht herrlich weit gebracht, aber ein gutes Stück Weg sind wir doch vorwärts gekommen. Jeder Künstler aber ist ein Stück Kunstgeschichte für sich; für ihn spielt nur die Entwicklung seiner Kunst eine Rolle. Und wenn nun auch die Römer schon so manches hatten, was wir auch haben so ist das doch kein Grund, der uns niederschlagen könnte.

In der keramischen Abteilung finden sich auch eine Anzahl alter Gläser und Flaschen, die uns das Bild von der hohen römischen Kultur vervollständigen nnd uns auch einen Einblick in die Körper- und Schönheitspfleoe der römischen Frauen gestatten, die an Künstelei und Natur- entstellung nicht hinter der Zeit des Rokoko zurücksteht.

Unter diesenSchönheitsmultiplikatoren" kann man' auch einige hübsch verzierte Glaskugeln sehen, die eine winzige Oeffnung ausweisen, lieber ihre .Verwendung ist uns leider nichts bekannt, vielleicht enthielten sie wohl-i