Ausgabe 
17.8.1906
 
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Der Stern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Ahntest du es? Wußtest du cs? Ich hielt an mich, mn dich nicht zu erschrecken, um meine weiße Taube nicht scheu zu machen und mißtrauisch. Aber ungern nur ließ ich dich ziehen I Und ich konnte es nicht begreifen, weshalb du so dringend wünschtest, daß ich nicht nach Berlin käme, um Zeuge deines hiesigen Auftretens zu sein. Jetzt verstehe ich e§!"

Mit einer mechanischen Handbewegung hatte sie die im Bereich ihrer Hand befindliche Schraube der elektrischen Be­leuchtung aufgedreht.

Hell flammte das Licht empor und warf aus bläulichen Glasglocken einen magischen Schein durch das Zimmer.

Der Holzstoß im Karnin war verbrannt und sank zu er­grauendem Aschehäuslein zusammen.

Ein alterndes, schläfriges, müde gewordenes Lcbens- restchen.

Der Schneefall draußen wurde immer dichter und stärker. Es Ivar, als wollten weiße Vögel durch das breite Fenster ins Zimmer hineinflattern.

Er trat vom Kamin fort, zog die Vorhänge zusammen und setzte sich dann in ihrer Nähe nieder.

Hörst du mich?"

Der weiche Ton, mit dem er diese Frage aussprach, wirkte besänftigend auf sie.

Wie hätte sie ganz und gar vergessen dürfen, was sie ihm schuldete? Heute, hier, nach den Triumphen der letzten Tage.

Ich t)öre", erwiderte sie leise.

Und willst du mich hören, Della?"

Ein Flehen war in seiner Stimme. Etwas Beschwörendes, Geheimnisvolles, Trauriges.

Ja!" antwortete sie und blickte ihn an, während wiederum ein unsäglich beklemmendes Gefühl sie durchdrang.

Von jäher Unruhe erfaßt, reiste ich dir nach. Be­sinnungslos, nur beherrscht von meinen heißen, stürmenden, drängenden Empfindungen. Und so ließ ich mich hinreißen, dir zu schreiben jenen Brief, dessen ich mich schäme!"

Und wieder stieg in ihr der bittere Gedanke auf: Komödiant!", wieder gab ihr dies die Selbstbeherrschung zurück.

Sie fühlte, daß er lüge.

Langsam schlich der Ekel durch ihre Seele, und dann erfaßte es sie mit Entsetzen, daß sie in seiner Gewalt ge- wesen, so lange, so tief, so rettungslos l

Und nun hier! Ich war eifersüchtig, rasend, törichl fuhr er fort,von einer Furcht erfaßt, über die ich mir Fe: Rechenschaft zu geben vermochte. Unter diesem Eindruck staV. unsere erste Begegnung in Berlin. Wie du so fremd und kühl und ruhig zu mir kamst, im väterlichen Schutz, du zu mir der sich solange fast wie dein Vater betrachtete, bis er plötzlich gewahr wurde, daß er jung sei, o, so fürchterlich jung, so wunderbar jung!"

Wie in Verzückung blickte er vor sich hin, als hätte er alles um sich her vergessen, ganz hingegebcn seinen schwärmenden Gedanken.

Sie sah ihn an und fand ihn alt und schlaff, während er von seiner Jugend sprach. So fahl und verzerrt das Antlitz, die tiefen, scharfen Linien wie eingeätzt. Die In­schrift der Leidenschaften, die sein Inneres schon durchwühlt haben mochten.

Früher war ihr dies nie aufgefallen. Solange er nicht mit diesen Wünschen ihr nahte, solange sie in ihm mir den Meister sah, der ihren Geist formte, ihre Anlagen aus- bildcte, den Künstler, den sie bewunderte und verehrte. Auf der Bühne erschien er schön und heldenhaft und groß, wie er Charaktere schuf und die Gestalten der Dichter nach­empfand und nachbildete bis in die letzte Faser ihres Seins Wie oft hatte sie das begeistert und hingerissen und plötz­lich wurde cs hell in ihrem Geiste, und sie erkannte, daß der Ausdruck dieser wechselnden Gefühle ihm immer zu Gebote stände und daß er ihn auch anwende um seiner persönlichen Zwecke willen.

Pose, Heuchelei!

Wie er dort vor ihr stand und sein Liebesleid mimte, wie er Leidenschaft tragicrte und den Schein der Jugend heuchelte und männlicher Kraft.

Da trat wie mit einem Zauberschlagc die Männlichkei» vor sic hin, wie sie sie vor einigen Tagen gesehen, jung, stark, wahrhaftig.

Nur einen Augenblick war es, wo sic dies empfunden hatte.

Hans Hübner hatte ihr dieses Gefühl gegeben, als er ernst und würdevoll und in junger Lebenskraft vor ihr stand und sie ansah mit liefen, warmen Blicken, als wolle er ergründen, ob sie noch dieselbe sei, die er daheim gekannt hatte.

Aus dem kleinen Bernstadter Kreise hatte sie einzig Hans Hübner in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen. Viel­leicht war darum der Eindruck so stark, den er auf sic machte, ohne daß sie sieh dessen überhaupt bewußt war. Aber jetzt wurde es ihr klar, als der andere mit so großen Worten zu ihr sprach. Sie fühlte, daß es wirklich nicht der Worte be-