Ausgabe 
17.3.1906
 
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an Dein eigenes Glück. Du hast lange genug nur für die Deinen gelebt, Dn hast Dein Anrecht an Leben und Liebe, Du hast Dir's verdient."

Aber sie war zu gefestigt in sich selbst, als daß die (Stimme der Versuchung sie zu einer Schwäche verführen konnte, in der sie neben manch' schiveren Bedenken auch nicht das Glück des Mannes sah, den sie liebte. Die Schwer­fälligkeit und Melancholie ihrer Natur würde unzählige Hindernisse auftürinen auf seinem bis dahin so glatten Wege und anstatt, daß er sie heraufzog in fein lichtvolles Dasein, würde sie ihn hinabzerren in das Dunkel der großen Misere, deren Schatten ihre junge Seele vergiftet hatten, seit sie zum Bewußtsein ihres Daseins crivacht war. Besser ein ein­ziger scharfer, tötender Schnitt, als mit ansehen müssen, wie des teuersten Menschen Liebe langsam und häßlich starb unter dem Druck quälender Verhältnisse.

(Forpel-.ung folgt.)

Dem Waßrm, Edlen, SHönsir.

Ein Großstadtroman bou Fedor b. Zabeltitz.

(Nachdruck verboten.) (Sortierung.)

Ihm war freier und wohler zu mute tote lange meist. Er fuhr nach Hause, verglich im Kursbuch den Abgang der Züge, ließ sich einen Handkoffer packen und sagte Elster- mann, daß er auf zwei, drei Tage verreise. Seine Rück­kunft werde er telegraphisch anmelden.

Noch am Abend traf er in dem Städtchen Bisingen ein. Es war zu spät, um auf dem Schlosse vorzusprechen; er mußte sich in dein kleinen Gasthof ein Zimmer geben lassen. Aber auch diese Nacht ivar schlaflos wie die vorige. Lange stand Frehlinghaus vor dem grünglasigcn Fenster in seiner niedrigen Stuße und schaute hinaus. Er kannte die Landschaft Wohl. Drüben lag das Schloß auf hohem Berge, wie ein Kastell aus der Feudalzeit, mit ungeheurem viereckigem Turin und dein endlos hohen spitzen Ziegel­dach des Mitteltrakts, lieber die schwarze Nmrahmung der Tannenforst glitt silberner Mondenschein.

Es begann zu dämmern, als der Graf sich auf das Bette warf. Er hatte ivieder Hoffnung geschöpft. Er ivollte ruhig und lieb mit Freda sprechen, wollte eingestehen, was er unrecht an ihr getan, sie um Verzeihung bitten und -ihr sagen, daß ein irenes Leben beginnen sollte. Daß er sich von der Prinzessin getrennt, das wußte er, würde sie freuen. Er wollte mit Freda reisen und sich dann eine .Herrschaft kaufen. Sie war ja doch eine klare rrnd ver­ständige Frau; sie würde Einsehen haben . . . Mit Gewalt hielt er seinen Gedankengang von .Heros fern . . Die Aus­einandersetzung mit ihm war schließlich Nebensache, Erst wollte er Freda sprechen . . .

Am anderil Morgen schickte er den Hausdiener mit seiner Karte auf das schloß: wann er Durchlaucht die Frau Fürstitt sprechen könne. Statt der Antwort hielt eine halbe Stunde später eine große alte ungefüge Kalesche vor deiit Gasthof, mit den Grafen abzuholen. Frehlinghaus kletterte in das Geführt, vor das ein paar zwanzigjährige Per- cherons, Ungetüme von Pferden, gespaitnt waren, imb die Fahrt ging los, während sich ganz Bisingen auf der. Straße versammelte oder hinter die Fenster der Häuser trat. Der Gras wußte, es dauerte eine gute Stunde, ehe man den Serpentinenweg nach dem Schlosse zurückgelegt hatte; sie dünkte ihm eine endlose Zeit. Aber endlich fuhr die Ka­lesche knatternd und kreischend über das Pflaster des .Schloßhofes) m-nd ein Diener führte Frehlinghaus durch öde hallende Gänge in die Zimmer der Fürstin.

Die alte Dame trat Frehlinghaus mit verweinten Augen entgegen.Mein armer Eugen", rief sie,großer Gott, welch ein Unglück! Ach, ich bedauernswerte Mutter! . . ." und ein Strom von Tränen ergoß sich.

Der Graf küßte ihr die Hand und ließ den Schmerz auskvben. Dann begann er ruhig, sanft und eindringlich zu sprechen. Er tat so, als halte er die ganze Affäre für ein Intermezzo, das rasch und folgenlos vorübergeheu werde. Man muffe Freda wie eine arme kleine Kranke behandeln, ihr gut zureden, und alles würde sich geben. Schließlich bat er die Fürstin, Freda rufen zu lassen .

Eie^kommt nicht, lieber Sohu", sagte die alte Dame

öngeiib;zwei Zimmer von hier hat sie sich cingeschlosseu und erklärt fest und bestimmt, sie würde sich unter feinen Umständen sprechen lassen, würde unter keinen Umständen zu Ihnen zurückkehren. Ach, lieber Eugen, ich fürchte, das nimmt ein schlimmes Ende. Ich fürchte, Freda ist so nervös, daß sie nicht weiß, was sie tut . . . Als ich ihr sagte mein Gott, man muß doch in einem solchen Falle an alles denken! daß sie als der schuldige Teil natur­gemäß auch auf keinerlei materielle Uuterstützung rechnen könne und ich sie üt das Stift schicken würde, zu ihren Schwestern, da sagte sie mir .Barmherzigkeit, welche Idee! sie wolle sich ausbilden lassen und zur Bühne gehen. Eugen, eine Prinzeß Arenstein, eine Frehlinghaus! Was habe ich schon in sie yineingeredet ich kann gar nicht mehr reden ich kann auch nicht mehr denken, Eugen . . . Sie wiederholt immer nur: sie passe nicht zu Ihnen . . . schimpft nicht etwa auf Sie, i bewahre nein, sie wieder­holt nur hundertmal: ich passe nicht zu ihm, ich liebe ihn nicht. . . Gerechter Himmel, was heißt denn Liebe? Das ist doch alles Unsinn! . . . Sie ist ganz verdreht, Eugen; Ich glaube wahrhaftig, der Theatertenfel steckt in ihr. Das war ivie bei meinem Vater selig. Der ivar Intendant unter Friedrich Wilhelm III. und hat einem Komödianten einmal eine komplett silberne Rüstung geschenkt, für drei­tausend Taler, damit dieser Schmier inski in Kotzebues Kreuzfahrern" anständig aussehe. Es ist zum Ker-, zweifeln..."

Die Fürstin faltete die Hände über der Büste, die ein sogenannter Seelenwärmer aus gestrickter Wolle umschloß schüttelte den schlecht frisierten weißen Kvpf mit dem schwarzen Häubchen und seufzte tief.

Frehlinghaus sagte sich, daß die wunderliche alte Dame! Freda schwerlich uunstimmen werde, daß nur er selber das könne.Gnädigste Mama", begann er von neuem,ich gebe d ie letzte Hoffnung noch nicht auf. Ich bitte Sie flehentlich, versuchen Sie es noch einmal bei Freda. Sagm Sie ihr, ich bäte um nichts als um zehn Minuten ruhiger Aussprache. Ich will ihr um Gottes willen keine Szene! machen, ich will sie auch nicht bestimmen, sie soll ganz frei bleiben in ihren Entschlüssen. Nur sprechen möchte ich sie noch ein einziges Mal . .

Des Grafen Stimme vibrierte vor Aufregung; er be­deckte die Hände der Fürstin mit Küssen. Die alte Dame erhob sich.Möge der Allmächtige ihren Willen lenken", sagte sie.Ich gehe zu ihr, Engen. Wollen Sie hören, was wir verhandeln, so treten Sie in das Nebenzimmer. Hier oben in dem alten Eulennest ist alles so akustisch, daß es wie ein Kommando klingt, wenn mau nun flüstert. . ."

Frehlinghaus wehrte mit diskreter Handbewegung ab'. Er blieb zurück, während die Fürstin an ihrem Krückstock davon humpelte. Er blieb mitten im Zimmer stehen. Sein Herz flog förmlich. Der- rote Kops Fredas tauchte wieder vor ihm aus. Es war ihm, als fei er blind gewesen. Es war wie ein Samum, der durch feine Seele fegte, wie das Rasen plötzlich erwachender Leidenschaft.

Er vernahm Stimmen von drüben. Wer nein: er wollte nicht lauschen. Lebhafter erhoben sich die Stimmen. Die Mntter zankte, sie bat, sie schrie.Martere mich nicht!" hörte Frehlinghans Freda rufen. Und dann noch etwas: Nein, sage ihm nichts! ... Ja sage ihm, daß ich ihn hasse! . . ."

Da wich alles, was Leben schien, aus dem Gesicht des! Grafen. Er wankte zum Sessel und brach zusammen. Nun wußte er: sie kam nie wieder.

Die Fürstin humpelte au ihn heran und legte ihre Hand auf feinen Scheitel.Hörten Sie?" fragte sie.

Er nickte.Es ist alles vorbei", sagte er dumpf.

Eugen, Gottes Wege sind wunderbar. Was heute in ihr tobt, es kann ruhiger werden und sich ausgleicheU. Lassen Sie ihr Zeit. Ich will auch mit dem Pfarrer sprechen. Er ist ein lieber alter Herr und hat sie getauft. Vielleicht, daß sein Einfluß von Segen ist ans ihr zer­störtes Gemüt. . ."

Frehlinghaus erhob sich.Nein, Mama", antwortete er ruhig,sprechen Sie nicht mit ihm. Es würde nutzlos fein . . . Aber aber. . ." und es brach auf einmal durch seine Stimme ein furchtbarer Schmerz . . .ihr sagen Sie, daß i ch ihr auch das Wort Vom Haß vergebe . . ."

Wie dieser Tag vergangen war, muffte Frehlinghaus! kaum. .Er war nicht nach Berlin zurückgefahren. Er streifte