Ausgabe 
17.3.1906
 
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1906

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Miiietlose Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

Erster Teil.

I. '

Suse Meridies saß auf dem großen, mit einer buntge- stickten Decke belegten Eßtisch in der Mitte des ZinnnerS und baumelte mit den Füßen. Es war dies ihre Lieblingsstellung, wenn sie schlechter Laune war. Und sie war in letzter Zeit sehr oft schlechter Laune.

Nu möchte ich blos wissen, warum ich Samstag nicht auf den Rcssourceball gehen soll!" grollte sie halb für sich, halb zu dem jüngeren Bruder gewendet, der an dein einzigen Fenster des etwas düsteren Zimmers saß und in einem Buche blätterte,siebzehn Jahre bin ich im September gewesen Ruth hat längst getanzt in den: Alter, und ich kann sitzen und versauern. Worauf ich wohl warten soll? Weißt Du's vielleicht, Heinz?"

Der hob sein mürrisches, ungesund blasses Knabengesicht der Fragerin entgegen. Er lachte spöttisch auf, kein hübsches Lachen.

Du bist ein Schaf, Suse!" meinte er in der lünnnel- haften Art halb erwachsener Jungen,hörst Du nicht täglich bei uns das Gejammcre über die große Misere und wunderst Dich noch, daß die Eltern eS nicht so eilig haben, Dir auch schon Ballfähnchen und all das teuere Zeug, was Ihr nun mal zum Anziehen bei einem Balle braucht, zu kaufen? Paß auf, wenn die Ruth erst verlobt ist, kommt Du auch gleich daran."

Quatsch!" urteilte Suse und in ihren dunkelblauen Augen blitzten kleine, zornige Flämmchen auf,was Du da­von verstehst! Wir Mädels brauchen wohl alleine Geld? Das kostet wohl kein Geld, wenn Du zwei Jahre in der Klasse bleibst?"

Kräh nur nicht zu früh, Suse! Dir passiert es auch noch, daß Du sitzen bleibst."

Ich und sitzen bleiben?" Suse vergaß vor Entrüstung mit den Füßen zu baumeln,das erlebst Du nicht, Kleiner, nicht einen nein, zehne krieg ich, wenn ich will"

Bravo!" klangs da von der Tür her, deren Oeffncn beide Geschwister überhört hatten,ganz recht hast Du, Wild­katze. Wenn man so ein hübsches Mädchen ist"

Der Herr, welcher diese Worte gesprochen, ein hübscher, blonder Mensch in der Mitte der Zwanzig vielleicht, stand mit ein wenig zur Seite geneigtem Kopf, den dunklen Filz­hut in der Hand, auf der Schwelle rind musterte halb amü­siert, halb bewundernd den kampflustigen Backsisch auf der

Höhe des Tisches. Suse war wirklich bildhübsch. Sie schien wie ein Sonnenstrahl in dem lichtlosen Zimmer. Aus ihren: zartfarbigen Rassegesichtchen, das sehr hellblondes, krauses Haar reizvoll umgoldete, sprühten die dunkelblauen Augen wie ein paar Leuchtkugeln den: Besucher entgegen. Im nächsten Moment rvar sie von: Tisch herunter und stürzte arif den jungen Mann zu.

Hans, Du mußt mir helfen!" sprudelte sie statt zeder Begrüßung hervor,Du kommst mir wie gerufen. Ich möchte nämlich unmenschlich gern Sonnabend auf den Ressourceball gehen nnb niemand im Hause will was davon ivissen. Rede Sn mit Ruth, sie hält viel von Dir; wenn Du sie bittest, setzt sie's schon bei den Eltern durch."

Er wurde rot. So ein Backfisch war doch manchmal gräßlich indiskret. Aber Suse schien ganz unbefangen und so verbarg er seine Verlegenheit geschickt hinter einem scherz­haften Tone.

Nun, und die Belohnung, Wildkatze?" fragte er und spitzte leicht die hellroten Lippen unter dem blonden Bärtchen.

Sie lachte, ihn verstehend, belustigt auf.

Nun ja, Hans, Du kriegst meinetwegen einen Kuß!" versprach sie mit der naiven Bereitwilligkeit, welche sehr junge Mädchen gegen Herren bezeigen, die für sie zun: Verlieben oder Heiraten absolut nicht in Betracht kommen.

Heinz ließ von: Fenster aus einen Laut der Gering­schätzung hören, zum Zeichen, daß er für eine solche Be­lohnung keinen Finger krümmen würde, aber der junge Mann fühlte sein Blut aufwallen beim Anblick der frischen, lachenden Mädchenlippen, die ihn: entgegenblühten. Nebermütig schlang er den Arm um die hübsche Kleine.

Am besten, Du giebst mir Vorschuß, Wildkatze!"

Sie entwand sieb ihm eidechsenbaft geschwind.

Nee, is nich," 'lachte sie ausgclasicn,erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das heißt, erst sprichst Du mit Ruth, ah, da ist sie ja gerade." , ,

Sie wurde etwas verlegen, denn sic wußte,.Ruth billigte durchaus nicht diesen freien, burschikosen Ton im Verkehr mit einem Herrn, selbst wenn derselbe, wie in diesem Falle, ein intimer Freund des Hauses war und die kleine Suse auf den Armen gewiegt hatte.

Ruth war überhaupt so ganz anders geartet, als di- lebhafte Suse. Immer gleich ruhig und freundlich, sanft, und es schien beinahe, auch leidenschaftslos, war sie über ihre Jahre hinaus ernst und streng, nicht nur gegen andere, son­dern auch gegen sich selbst.

Nicht einmal äußerlich hatten die Schwestern etwas gemeinsam. Ruth war sehr groß, wundervoll gewachsen, hatte ein regelmäßig schönes, edles Gesicht von marmorner