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litten" hatte und nun in der Nebelsrühe jenes Februarmorgens dalag, „gleich einer antiken Maske, über welche die Ruhe des Todes die Eisschicht einer stolzen Gleichgiltigkeit gelegt hatte". — Heinrich Heine, der Vielgeliebte und Vielgeschmähte, schloß vor nunmehr 50 Jahren nach grauenvollen, schrecklichen .Leiden die Augen für immer. Was er geschaffen, was er uns in verschwenderischer Weise gespendet hat, ist Gemeingut aller geworden. Seine Dichtungen leben und dauern fort, wenn auch auf den Sänger selbst das Schillersche Wort paßt: „Bon der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." — Gewiß, Heine war keine Edelnatur, sein ost krasser Egoismus, sein beißender Spott, seine Zügellosigkeit lassen ihn als Mensch nicht gerade verehrungswürdig erscheinen; aber dieser Mensch mit all seinen Schwächen und Fehlern war em Dichter, ein Künder und Bringer der Schönheit wie wenige vor ihm, wie keiner noch nach ihm. Und das allein darf für uns maßgebend, für die Würdigung Heines bestimmend sein; denn was häßlich und klein war an ihm, das hat der Tod gesühnt, aber was groß und schon und herrlich aus seinem Herzen quolf, das ist unsterblich.
Heines Stärke liegt auf den Gebieten der Lyrik und der Satire; und es ist schwer zu sagen, welchem von beiden seine wertvollsten Gaben entstammten. Tas aber ist gewiß: Ms Satiriker steht er einzig, unerreicht da, während ihm den Kranz der Lyrik ein anderer streitig macht, Goethe. Und dieser war der Größere. Man hat sich vielfach daran gewöhnt, Heines Poesie mit dem Schlagwort „Weltschmerz- dichtung" abzutun. Wie haltlos, wie wenig treffend jene Bezeichnung ist, wird jeder einsehen, der sich einmal in die Schriften des Dichters versenkte. Wer natürlich nur ,,Tas Buch der Lieder" liest und nach dessen Lektüre glaubt, Heine würdigen oder bekritteln zu müssen, ist jenem Engländer vergleichbar, der in Deutschland zufällig von einem rothaarigen, sommersprossigen Kellner bedient ivurde und darauf in sein Tagebuch schrieb: „Die Deutschen haben rote Haare nnb Sommersprossen."
Auch als Erzähler und Plauderer nimmt Heine eine Sonderstellung in der deutschen Literatur ein. Er gehört zu jenen wenigen Schriftstellern, die eigentlich nie etwas Langweiliges geschrieben haben. An welcher Stelle man anch seine Werke aufschlügt, auf jeder Seite lacht uns sein unerschöpflicher Humor entgegen, kichert der Schalk nnb enthüllt uns spielend eine ewige Weisheit.
Fünfzig Jahre ruht der Dichter nun schon in fremder Erde, aus dem Friedhof „der Verbannten und Geächteten" zu Paris; und immer noch wütet der Streit um seine Person; immer noch versagt man von gewisser Seite dem „Richtpatrioten" die Ehrung, die ihm gebührt.
Aber die Zeit wird kommen, die den Dichter recht zu würdigen versteht, die mit freudigem Stolz auf das hin- Llicken wird, was ihr der große Romantiker zurückgelassen hat. Tann werden die Verse Betätigung finden:
„Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, So wird auch der meine genannt."
Kenia Are.
Mast schreibt uns:
Im 6. Band von „Buhne und Welt" findet sich ein längerer Artikel von Paul Rache über das Hamburger Thalia-Theater, der die Geschichte dieses Theaters enthält und von den bedeutenden Kräften erzählt, die zeitweilig an ihm wirkten. Es wird hier weiter ausgeführt, daß dasjenige, >vas schon zu den Zeiten des Begründers Chäri Maurice einen Hauptvorzug des Thalia-Theaters gebildet hatte, nämlich eiu harmonisch abgerundetes, intim wirkendes, fein eingespieltes Ensemble, auch heute Noch bei diesem Theater zu finden ist. Als den charakteristischen Vertreter der' traditionellen Salonspielkunst des Thalia-Theaters Nennt der Verfasser sodann Albert Bozenhard und fährt fort: „Eine in ihrer Art Bozenhard kongeniale Künstlerin ist Ceuta Bro, der einstige Liebling der Münchener, das unübertroffene Meuuchen in der „Jugend", die rührend zarte Orti in Keyser- kings „Frühliugsopfer", die ergreifend einfache Mali in Bernsteins' gleichnamigem Stück und die Darstellerin so mancher ähu- kichen Mädchenrolle."
Irl. Brä's Orti haben wir im vergangenen Winter hier gesehen und bewundert, au ihrer Mali gedenken wir uns nm nächsten Dienstag zu erfreuen.
DM alt, das vieraktige Schauspiel von Max Bernstein, Ivurde zuerst in Berlin gegeben, die Titelrolle spielte Irene
Triesch. Es wird in ihm, wie Heinrich Stümcke schreibt, das alte Lied vom Verhältnis zwischen dem reichen jungen Mann und dem armen hübschen Mädel, von der Unvereinbarkeit der Gegensätze zwischen Vorder- und Hinterhaus variiert mit diskret abgetönten theatralischen Mitteln, einer Dosis Gemüt und nicht ohne überlegene Ironie in den Szenen, in denen die Gegensätze der Klassen und der Weltanschauungen auf einander prallen. Infolge des geschickten Ausbaus und der gewandten, weltmännischen und psychologisch richtigen Behandlung des Themas zählt das Stück zu den bemerkenswertesten deutschen Bühnenwerken der letzten Jahre.
Das Stück spielt in München während der Faschingszeit, und im Mittelpunkt steht ein einfaches Münchener Bürgermädel, die Mali. Man begreift, daß Frb. Br«, die das Münchener Leben nicht nur von ihrem dortigen Engagement her kennt, sondern in München ausgewachsen ist, sich gerade D'Mali zu ihrem Benesiz in Hamburg gewählt hatte. Die Hamburger Kritik war nach dieser Vorstellung darüber einig, daß cs für Rollen, wie die der Mali, gegenwärtig in Deutschland nur wenige Künstlerinnen geben dürfte, die sie mit derselben vollendeten Natürlichkeit des Spiels und Herzenstiefe darzustellen vermögen, wie Fräulein Brs. —
Da in einem lustigen Einakter von Anders „V i e (l i e b - ch e n" Frl. Brö jüngst einen großen Erfolg hatte, so soll er den Schluß des Gießener Gastspielabends bilden.
Geistiges Leben auf dem Lande.
Mit Recht wird über die Landflucht geklagt; sie ist eines der volksverheerendsteu liebel unserer Zeit. Der Gründe dieses Uebels find viele: wirtschaftliche, soziale und auch, um- das Wort zu brauchen, ästhetische; d. h. der Landbewohner träumt von Genüssen, von Unterhaltung, die die Stadt ihm gewähren werde, deren er draußen entbehren muß. Und gewiß, die Stadt bietet mehr Freuden und geistige Anregung.
Auf die Einbildung kommt es an; sie hat die gleiche Wirkung, rvie echte Gründe. Die Briefe aus der Stadt, die Erzählungen derer, die dort leben und gelebt haben, z. B. der Soldaten, gelegentliche Besuche in der Stadt, all das verleiht dieser beit. Schein der Bevorzugung, des schöneren, fröhlicheren Lebens. Was bietet dagegen das Dorf? Die Wirtshäuser, der Tanzboden, die Kegelbahn, die Familien-Dimpelei ohne rechten Inhalt, gelegentlich ein Fest, alles nur ein Abklatsch des städtischen Streift ens'.
Das' brauchte nicht so sein: leider aber ist es zumeist so. Hier muß eingcgrifscn worden• dem Ländler muß i c tit Leben reicher ansge stattet, voller gestaltet werden; und das ist nicht gar schwer. Der Mensch lebt nicht vom! Brot allein. Es ist nicht genug, das; die Landleute, ob nun Besitzer oder Arbeiter, sich ausreichend nähren, gleichsam als Arbeitstiere erster Klasse. Auch für ihren Geist, ihr Gemüt, ihren Schönheitssinn muß "etwas getail iverden; jetzt liegen diese Gaben, die auch in dem einfachen Menschen vorhanden sind, brach. Niemand entwickelt, befruchtet sie recht, daher die Dumpfheit und Langeweile des Landlebens im großen ganzen. Auch hier kann die erfreuliche Ausnahme die Regel nur be- krästen. . „ ,
Mit Warnungen vor dem Stadtleben, mit Zetern und Klagen kann der Landflucht nicht abgeholfen werden; es gilt, dem Landleben mehr Inhalt zu gehen. Es dürfte keine Gememde ohne einen Verein zur A n r e g u n g u n d N n t e r h a l t u n g des geistigen Lebens geben. Dort wird durch V o r t rä g c pir Belehrung gesorgt, und Belehrung über die zunächst liegenden Fragen des wirklichen Lebens, über die Begebenheiten der Zeck, über staatliche Verhältnisse, über neue Entdeckung e n und Erst n d u u gen, über G e s u n d h c i t s w e > e u, die beste Lebens- und Nährweise usw. . ,
Solche Vorträge dürfen weder akademisch, noch langweilig sem ; sie müssen der einfachen Fasfnngskraft entgegenkommen und jeder muß fich aus ihnen etwas mit nach Hause nehmen Auch hier höhlt der stete Tropfen den Stein; das Rechte und Wichtige kann nicht ost genug wiederholt, nicht stark genug betont werden, damit man daran glaube. Das alles natürlich nur lachlrch belehrend, ohne allen Beigeschmack einer Bekehrung statt der Belehrung, nach der man verlangt. Sodann die Heimatkunde. Sie vor allem soll gepflegt werden durch Borträge, Vorlesungen, durch Wort und Bild. Mit Kleinem fängt man auch hier an, mit gemeinsamen Ausflügen unter kundiger Führung, mit Besuchen in der Nachbarschaft; um weiterhin auch einmal, falls die Mittel reichen, größere Gesellschaftsreisen zu
Dafür bedürfen wir billigster Fahrprepe. Auch m .y e n c u- Preußen sollte eingeführt werden, was man in Württemberg, in der Schweiz, in einigen Kronläuderu Oesterreichs hat: billigste Fahrkarten zn beliebigem Gebrauch aut 10—15 T a g e. Und für so kurze Zeit muß jeder einmal tm Jahre, wes Standes und Berufes, sich freimachen können oder freigemacht werden. Es gilt ferner, dem Volke Unterhaltung zu bieten, fei es dadurch, das; ihm Werke der Kunst vorgesühtt werden in Wort und Ton und Bild, sei es dadurch, daß der,in ihn, schlummernde Simfttrieb entwickelt wird. Edelste, dabei ein*


