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Er sah überall bekannte Gesichter, die ihin doch merkwürdig fremd vorkamen. Er rang nach Worten. Eine nichtssagende, liebenswürdige Wendung sand er sonst schnell. Er nahm schon sein SD ie ff er, um an daS Glas zu klopfen. Aber er zögerte wieder. Er wollte einen herzlicheren Ausdruck für seinen Dank finden. Und das war schwer. Er fühlte plötz­lich, daß er nicht herzlich fein konnte. Warum nicht? Das wußte er nicht. Er war hier nicht der Arbeitgeber wie unter seinen Leuten; war auch nicht im Kreise gleichgesinnter künst- ierischer Freunde. Es ivar ein Geschästsdiner. Die um ihn saßen, erwarteten viel von ihm: Gehälter, Bestellungen, Tantiemen und Dividende». Es gab nur wenige an der Tafel, die auch im tiefsten Innern mit ihm fühlten ... Er schüttelte den Kopf. Er meinte, er fei ungerecht. Er wollte ausstehen und beginnenMeine Damen und Herren, so alück- iiclj bin ich noch nie gewesen ..." Aber nein. Das war Unsinn und Lüge. Er war gar nicht glücklich. ES strich wie der Flug eines Nachtvogels über ihn. Ein schwarzer Ge­danke stieg mählich in ihm auf. Er malte sich aus, wie die Gesichter ringsum sich wandeln würden, wenn eine große Enttäuschung hereinbräche; wenn die Bestellungen nicht hono­riert werden könnten, wenn die Gehälter gekürzt werden müßten, wenn statt der erhofften Tantiemen und Neberschüsse das Gespenst des Defizits ans den öden Kaffen auftauchen würde. Und es kroch eisig über seinen Nacken . . . Sein Mund blieb verschlossen; hastig leerte er fein Glas . . .

Eii, großes Geräusch: der Geheimrat hob die Tafel auf. Die Gesellschaft verteilte sich in den Salons; Gruppen bildeten sich, während der Kaffee und die Liköre gereicht wurden. Eine Anzahl Herren zog sich sofort in das Rauchzimmer zu­rück. Imhoff, der sich über die Oede des Pflichtbesuchs zu einer fröhlicheren Weltanschauung emporgekneipt hatte, faßte Priestap um die Taille und sagte mit schwankender Stimme:

Liebster Baron Priestap, was haben Sie nur gegen mich? Setzen wir uns in einen Rauchwinkel, und dann er­klären Sie mir: was haben Sie gegen mich? ..." Er sagte noch dreimal:Was haben Sie gegen mich?" steckte sich eine dicke Havanna an und zog Priestap zu einem Fauteuil,

Harry zuckte mit den Schultern.Nichts, mein Lieber. Wie konuHen Sie darauf?" antwortete er gleichmütig.

Wie ich darauf komme? Na, hören Sie mal: früher waren wir ein Herz und eine Seele, und jetzt kennen Sie mich kaum noch. Sie verschwinden sans adieu. Sie schreiben «icht. Ich höre nur, daß Sie hier und da sind, daß Sie krank waren, daß Sie Gottseidank Ihre Genesung wieder ge­funden haben. Sie kehren zurück und lassen sich nicht sehen. Sie kommen nicht einmal aus das Bureau und man könnte doch gerade bei Ihnen ein gewisses Interesse für die Entwickelung unseres Unternehmens voraussetzen. Also was haben Sie gegen mich? , .

Priestap hielt seine Zigarette zwischen den weißen, schmalen, blutleeren Fingern und schaute auf die feine, ge­rade Rauchlinie des verbrennenden Tabaks. Er zuckte wieder­holt mit den Achseln.Nichts, mein Lieber, gar nichts . . . Kam ich nicht zu Ihnen, so hatte ich eben anderes zu hm . . ."

Jnihoff räusperte sich spöttisch.Es ist ja richtig", meinte er,Ihre Zeit ist kolossal in Anspruch genommen. Aber trotzdem ... Es ist jetzt recht nett bei mir. Sie missen, daß ich meine letzte Frau wieder zu mir genommen habe Laura Lobedanz, unsere erste Ansiandsdame. Das bezeichnet nur ihr Rollenfach; aber sie ist eS auch im Leben. 6ie ist eine hervorragende Frau. Ich bin erst wieder Mensch geworden, seit sie zurück ist. Wir führen ein behagliches HauS, haben öfters einmal Freunde bei uns, leben so ganz «v» amore. Ich fange an, Philister zu werden sozusagen; ich habe das Bohämedasein satt. Es führt zu nichts; es ruiniert nur. Spüren Sie denn nicht auch manchmal Sehn­sucht nach einem ruhigeren Leben, Herr von Priestap?"

O ja", versetzte dieser und ließ den müden Blick zer­streut über die Gesellschaft schweifen,so dann nnd wann ..

»Sie sind heute merkwürdig einsilbig. Ich kann mir

nicht helfen: Sie haben etwas gegen mich. Lieber Baron, ich bitte Sie aufrichtig, besuchen Sie uns einmal. Sie finden bei uns Ruhe und Frieden und ein gemütliches Heim. Sie sehen nehmen Sie mirs nicht übel Sie sehen so ein bißchen verbummelt aus. Ich möchte die Freude an der Häuslichkeit in Ihnen erwecken. Sie wiffen, wie zugetan ich Ihnen bin. Auch meine Frau fragt oft nach Ihnen, obwohl sie Sie gar nicht kennt. Aber Ihr Name ist unö geläufig; Nina spricht viel von Ihnen.. . ."

Der schlaue alte Komödiant schaute in diesem Augen­blick anscheinend aufmerksam auf die Aschenbildung seiner Afrikana; aber er merkte doch sehr wohl, wie Priestap nervös zusammenzuckte und seine Wangen sich röteten.

Wie geht es ihr? . . ."

Wem?" fragte Imhoff.

Ihrer Ihrer Tochter?"

Ah- der Nina! O gut, Herr von Priestap Gott sei Dank gut. Auch um ihretwillen bin ich froh, daß mein Hauswesen wieder regelrecht geleitet wird. Sie hat die Mutter doch recht entbehrt. Sie ist die beste und bravste Tochter unter der Sonne. Und wie hält sie sich! Na, da hab ich auch die Augen auf! Aber eS wär nicht nötig, weiß Gott nicht; sie hat einen brillanten Fond. Bloß sie ängstigt sich schrecklich vor ihrem ersten Auftreten. DaS Hilst nichts; das muß überwunden werden ..."

Priestap wurde lebhafter. Er fragte nach vielerlei.; nach der Eröffnungsoper, nach der Nolle Ninas, und ob sie ihr zusage, nach den Kostümen und der Musik; fein Interesse mar auf einmal erwacht. Imhoff setzte sich behaglich neben ihn und begann zu klatschen. Diese Oper Rafaälis ivar weder Fisch noch Fleisch: eine Art Melodram mit schrecklich viel Sentimentalität und einigen ganz netten Arien. Aber der große Zug fehle; nichts Packendes, nichts Fortreißendes. Nina war die Soubrettenpartie zugedacht worden: die Rolle einer kleinen, ewig verliebten Putzmacherin. Die Oper spielte nämlich in der Gegenwart, in dem Stndentenviertel irgend einer ungenannten Großstadt. Uedrigens fehlten immer noch die letzten Szenen. Mit den: Finale würde Rafatzli nie fertig werden. Ein greulicher Mensch dieser Rafaöli: eingebildet, großmäulig und immer wie ein geheizter Ofen. Ueberhanpt: ein schreckliches Leben auf dein Bureau und ein höchst un­angenehmer Verkehr mit den Kollegen. Der Seeben ein auf­geblasener Patron, arrogant und hochmütig, und der dicke Giesecke ein vollendeter Esel.Ein kompletter Esel," wieder­holte Imhoff,er kaust lauter alte Stücke, Herr von Priestap, und damit will er die Leute ins Haus locken. Ich habe ihm gesagt, er solle selber einmal bei unseren erfolgreichen Autoren herumgehen nnd ihnen seine Aufwartung machen, nach ihren neuen Dramen fragen, mein Gott, wie inan eS so macht. Aber er meint, das könne er nicht; schon bei dem Gedanken fange er an zu schwitzen. Er schwitzt immer. Das ist seine Haupttätigkeit. Er ist ein kolossales Rindvieh. Wie es mit dem Schauspiel werden soll, weiß ich gar nicht. Er sagt, er hätte was in petto; da tut er furchtbar geheimnisvoll, als ob es ein Wildenbruch oder Sudermann wäre . . . warten wirs ab! In einem halben Jahre soll das Hau8 eröffnet werden und noch kein festes Programm. Aber ein hübsches Ballet haben wir das wird ziehen! ..."

(Fortsetzung folgt.)

Kkinrich Keine.

Zu seinem 50. Todestage, (f am 17. Februar 1856.) Von Haus Ludwig L i n k e n b a ch.

(Nachdruck verboten.)

Ter Tod zeigte sich gerecht gegen den, der ihn liebte; ähnlich der herrlichen Gestalt, welche er in derWallfahrt nach Kevlaar" gezeichnet hatte, lenkte der Tod, der große Tröster, seine Schritte des Morgens nach dem Bette des Kranken, um seinen Leiden ein Ende zu machen." Soj erzähltTie Mouche", jenes Rätselwesen, das gleich einer gütigen Fee an den: Sterbelager eines der größten Dichter aller Zeiten anstauchte, um seine letzten Tage zn verklären. .So spricht sie von denn, der dageliebt, gehaßt und ger