1906 - Nr 26
M-AL
Al
Dem Wahrem, Gdlm, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ihr kleiner Finger streifte ganz leise seine Hand. „Seros, wir sind Blutsverwandte, sind Kinder freu« de, wir haben nns herzlich lieb. Er ist kein Narr. Er weiß, wie wir zueinander stehen; er weiß, welchen Weg ich gehe. Ich lebe noch zurückgezogener als früher; ich bin gottlob völlig mit der Prinzessin zerfallen; er läßt mich schalten. Weiter will ich nichts. Mer das Alleinsein ist nicht immer gut. Wir sind früher so harmlos zusammen gewesen; wir besuchten die Theater; wir plauderten stundenlang bei einer Tasse Tee. Warum hat das anfgehort? Lasest Tu das Nein irr meinem Auge, so ist Dir die Richtung gewiesen. Mein Frerrnd kannst Tu bleiben. Willst Tu wiederkommen?"
„Ja", sagte er rnit raschem Atemzuge und beugte sich eilt wenig auf die neben ihm liegende kleine Hand herab, über die sein warmer Odem wie kosend glitt. „Mein Gott, ich will ja. Und wenn er — wenn er. . ."
Ta brach er ab. Er war unvorsichtig gewesen. Sein Blick flog hinüber zu Frehlinghaus. Der schaute auf ihn, und sein snhles Gesicht wurde auf einmal blutrot. ES war Ivie einer Flamme Widerschein, die darüber hinweg- strich. Dann lehnte der .Hofmarschall sich gemächlich in seinen Stuhl zurück und seine Finger glitten durch die beiden Favoris. Er entfärbte sich langsam und wandte sich seiner Nachbarin zu: „Sind die Gnädigste musikalisch, wenn ich fragen darf? . . ."
Klingkling. TaS war der Kultusminister. Fridolin Meyer freute sich. Er hatte die Exzellenz gebeten, ein Hoch auf Hammer und feine neueste Schöpfung auszubringen, und gutmütig hatte der Minister zngcsagt. Der Geheimrat gab dem Haushofmeister einen Wink. ?llle Diener standen wie eingewurzelt. Tic Exzellenz räusperte sich und begann. Es war eine Rede, wie hundert andere: wohlmeinend, freundlich und liebenswürdig, mit kleinen Witzchen vermischt, die heitere Ausnahme sanden; eine Rede ohne große Gesichtspunkte, auch nicht zu lang, doch hübsch stilisiert, wohlgesetzt und gut gesprochen. Der Minister legte den Ton auf den starken Aufschwung in der Architektur Berlins während des letzten Jahrzehnts, der zugleich eine Förderung aller übrigen Künste nach sich gezogen habe, und erinnerte an ein Wort Ruskins, des künstlerischen Apostels Albions: die Architektur müsse der Anfang aller Kunst fein, und die anderen Künste müßten ihr folgen nach Zeit und Ordnung. Er sprach auch von dem Individualismus der modernen Knnstauffassung, von dem Bestreben, an die Stelle des Symmetrischen das Malerische und des Pathetischen das Zweckmäßige zu setzen, und feierte die neue Kunst, die sich unabhängig gemacht habe von der formalen Schablone und mehr auf das Charakteristische hinziele, zugleich als einen
Triumph des germanischen Elements. Hammer sei der ersts Vorkämpfer dieses Germanismus in der Baukunst gewesen, der die alte Innerlichkeit der Empfindung neu geweckt und das Gedankenreiche und Gemütsttefe über die Vorliebe für den Formalismus der klassischen Linie gestellt habe. Dann kam der Minister auf einzelne Bauten HammerSi und schließlich auf das Prinz Ferdinand-Theater und schloß mit einem Hurra auf den Banmeister und sein neues Haus, Er ging selbst zu Hammer und stieß mit ihm au.
Tas war der sogenannte offizielle Toast, der der .Languste gefolgt war. Run wußte man, daß noch etwas kommen würde. Geheimrat Fridolin wurde plötzlich stiller, und seins Nachbarinnen hüteten sich, ihn in seiner Gedankenarbeit zu stören, lieber das kluge Vitellinsgesicht glitt ein sinnender Ernst; er schaute auf seinen Teller, zog die Stirn in Falten und die Brauen zusammen und nahm seinen goldenen Eislöffel, nm an das Glas zu klopfen. Aha! Das hatte man erwartet. Der Kammerdiener hinter dem Geheimrat faßte an die Stuhllehne, und Fridolin wuchtete sich schwerfällig in die Höhe. Er schaute nach links und nach rechts, stützte die Hände aus den Tisch und sprach. . . Hammer faß unbeweglich auf seinem Platze. Seine Gedanke» führten ihn ein paar Stunden zurück, unter die Arbeiter in der Friedrichslädtischen Brauerei. Das, was er jetzt vernahm, war wie ein Widerhall jener Worte, die der schlichte Maurer an ihn, den Menschen, gerichtet hatte: und doch klang es anders. Vom Menschen sprach der Geheimrat nicht, aber von dem viellieben Freunde und vortrefflichen Gesellschafter, der überall gern gesehen sei, der sich die Herzen erschlösse, wo er hinküme, und dessen natürliche Liebenswürdigkeit alle Welt gefangen nähme. Er hätte auch sagen können: dessen anständiger Charakter, dessen Lauterkeit der Gesinnung und ehrliches Wollen überall Anerkennung finde; aber das tat er nicht. Er blieb, wenn auch ohne Absicht, bei der Beurteilung des Oberflächlichen; er sprach immer wieder von dem entzückenden Gesellschafter, dem charmanten Plauderer, dem auch die Frauenherzen lebhaft entgegeuschlügen, und leerte sein Glas „auf den Hammer, der selbst in erzener Brust das Gold der Freundschaft löse". Die Schlußwendung klang freilich nach Phrase; aber sie schlug mächlig ein, Wieder tönten die Gläser zusammen, und der Baumeister mußte sich dankend verneigen.
Er empfand, daß es schicklich sein würde, seinen Dank auch in Worte zu kleiden. Aber es war merkwürdig: er kannte die rechte Ausdrucksform nicht finden. Er grübelte und grübelte und immer wieder zersiatterten seine Gedanken. Was sollte er sagen? — Er sah die lange Tafel vor sich, von der Vlütenduft aufstieg, und den Gleiß von Silber und Gold, das Schimmern des Kristalls, das Leuchten der Gläser mit ihren rubinroten, bernsteinfarbenen und sattgelben Weinresten.


