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lichkeit aus den Kulissen emporsteigt. Meine Herren, dieses neue Haus kann eine große Mission erfüllen. Es kann Reformen anbahnen; es kann die unreinen Geister aus der dramatischen Literatur unserer Zeit vertreiben helfen; es tarnt, um mich so auszuoructen, die Kunst wieder rein waschen. Und dies tut not. Stirb Sie von solchen Idealen erfüllt, meine Herren, dann bin ich gern der Ihre. Wer das uruß ich wissen, ehe ich mich endgiltig entscheide. Und nun geben Sie mir die Wahrheit. .
Er ließ seine graublonoen Favoris durch die Finger fließen und nickte mehrfach mit dem Kopfe, als sei er mit sich selbst zufrieden. Priestap sah verlegen aus und bat zunächst mit ängstlicher Stimme um Vergebung, daß er im Reitkostüm sei. Ter Baumeister schwankte und suchte nach einer diplomatisch gewundenen Antwort, als der Prinz plötzlich aufstand und das Mort nahm.
„Richtig, Frehlinghaus", sagte er, „sehr richtig. Auch ich werde mich erst entscheiden, wenn ich die Gewißheit habe, daß das neue Theater der reinen Kunst dienen soll, die nackt wie die Wahrheit ist: nicht der Prüderie, die gottergeben mit den Augen klappert, itadj jeder runden Mädchenbrust schielt und nach der Polizei schreit, wenn der Ausschnitt zu tief ist. Richt den kleingeistigen nnb engherzigen Moralforschern, die bei jedent freieren Wort in Krämpfe verfallen und die Muse nur im Mantel der Tugend sehen wollen. Wenn unser neues Theater ohne Rücksicht auf Gunst von oben und unten, auf Parteigezeter und gefaltete Hände sich wirklich nur dem Wahren, Edlen und Schönen widmen will, dann bin ich Ihr Mann, meine Herren .Und insofern gehe ich mit meinem Freunde Freh- lmghaus konform. Ja, Frehlinghaus, wir haben Dich verstanden. Erlaube, daß ich Dir die Hand drücke!"
(Fortsetzung folgt.)
Benjamin Imnkün.
Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburtstages, 17. Januar 1706.
Von Tr. R. Strecker.
Ein ungemein vielseitiger Mensch und zugleich ein rechter Vertreter seines Jahrhunderts in praktischer, wissenschaftlicher, politischer und religiös philosophischer Hinsicht war der Amerikaner Benjamin Franklin. Die Lektüre seiner von ihm selbst verfaßten Lebensbeschreibung wiegt in der Tat, lute einer seiner Freunde schreibt, die Lektüre aller plutarchtschen Lebensbeschreibungen auf. (In Reklams Universalbibliothek für 40 Psg. erhältlich.) Er schildert hier sein Emporkommen aus beit kleinsten Verhältnissen, so recht das, was der Engländer einen Self-made man (ein Mann, der nur seiner eigenen Kraft seine ganze Existenz, verdankt) nennt. Als Sohn eines Seifensieders in Boston bei New- York mußte er zunächst seinem Vater beim Lichterziehen helfen, bis er seiner Neigung zu den Büchern entsprechend, zu seinem Bruder, einem Buchdrucker, in die Lehre kam. Schon hier zeigten sich die Eigenschaften, die ihn später so groß machen sollten, sein Fleiß, seine Sparsamkeit, seine Mäßigkeit. Er ließ sich sogar statt des Mittagessens Geld geben, um einen Teil davon für Bücher verwenden zit können . Gleichzeitig regte sich aber auch sein starkes Selb- standrgkettsgefühl. Als sein Bruder ihn unwürdig hart behandelte, ging er ihm und den Eltern durch nach Phila- delphta. Hier trat er bei einem Buchdrucker Keimer in T-tenst, und es ist eine ganz interessante Schilderung, wie er es fertig brachte, neben dtesem und noch einem zweiten Trucker der Stadt sieh selbständig zu machen. Alle seine Bekannten hatten den Versuch für aussichtslos gehalten, zumal die eine Druckerei durch staatliche Aufträge ver- schtedener Art sehr im Vorteil war. Franklin aber hatte etwas anderes in die Wagschale zu werfen, wodurch er Jene 6erben anderen weit lstnier sich ließ, feinen Geist.
ett fortzubilden war er auch stets unermüdlich tätig. Bet allen Gelegenheiten und von allen Menschen suchte er zu lernen. Tas machte ihn schließlich zu dem großen Gelehrten, der auch ohne höhere Schulbildung die wichtigsten Entdeckungen machen konnte. Er erkannte die Wescns- gleichheit des Blitzes mit der elektrischen Kraft und konnte so den Blitzableiter erfinden. Mehrere Universitäten ver- "bheu ihm daraufhin später ehrenhalber den Toktortitel, nachdem die Gelehrtenwelt ihn erst eine zeitlang nicht hatte ernst nehmen wollen. Dieser emsigen Arbeit an sich selbst entsprach auf der anderen Seite das edle Streben- auch
tf andere erzieherisch einzuwirkeu. Schon bei einem vorübergehenden Aufenthalt in London hatten seine englischen btetruikenden Buchdruckerkollegen von dem „amerikanischen Wassermann", wie sie ihn nannten, manches lernen können In Philadelphia gründete er mit seinen Freunden eine Gesellschaft, die sich „Junta" nannte. Sie tauschten Gedanken und Bücher miteinander aus, übten in Rede und Schrift ihren Stil und verbreiteten, je' größer die Mitgliederzahl wurde, Aufklärung und Verständnis für viele Tinge in der Stadt. Um letzteres zu erreichen, wußte Franklin aber auch alle anberen Hebel in Bewegung zu setzen. Sein Haupt- Werkzeug war naturgemäß seine Zeitung, durch welche er die Stimmung für alle öffentlichen Unternehmungen vor- zubereiten wußte. Dem gleichen Zweck diente aber auch der Volkskalender, den er alljährlich herausgab, und noch mehr die öffentliche Leihbibliothek, die geradezu feine Er- findnitg ist und von deren Wirkung er selbst schreibt: „Binnen weniger Jahre wurde eS' den Fremden bemerkbar, daß wir besser unterrichtet und einsichtsvoller waren, als gewöhnlich Leute von demselben Stande in anderen Ländern sind."
Seine physikalischen Experimente machte er auch alle öffentlich, um durch sie gleichfalls zur Verbreitung von Bildung beizutragen.
Neben der geistigen Förderung seiner Mitmenschen war er auch ebenso sehr auf ihre alltäglich praktische bedacht. Tie Ordnung des Nachtwächterdieustes, die Einrichtung der Feuerwehr, die Einführung der Straßenreinigung und -Beleuchtung, die Begründung einer höheren Lehranstalt und so manches andere geht auf seine alleinige Anregung zurück!
Diese feine geistige und moralische Tüchtigkeit, verbunden mit feinem ausgeprägten gemeinnützigen Sinn, machten ihn naturgemäß für die verschiedensten" öffentlichen Aemter berufen. So wurde er bald in den Stadtrat gewählt, kam dreißigjährig bereits als Schriftführer in die General- versammluug von Pennsylvanien und wurde später darin selbst Abgeordneter für Philadelphia. Hier hatte er wiederholt Gelegenheit, seinen Ueberzeugungsmut und seinen Gerechtigkeitssinn zu bewähren. Pennsylvanien war nämlich gleich bett übrigen nordamerikauischen Kolonien Eigentum von Privaten (der Familie Penn, daher der Name zu deutsch: Penns-Waldland). Diese Eigentümer suchten sich auf Grund ihrer alten Freibriefe jeder Besteuerung zu entziehen, fodaß die Abgeordneten der Kolonie mit ihnen einen ewigen Kampf zu kämpfen hatten. Franklin mußte sogar einmal selbst nach Loudon, um dort dem Herrn Penn gegenüber die Rechte der Kolonie zu verteidigen.
Tie Hauptaufgaben seines Lebens aber traten an Franklin heran, als die nord amerikanischen Staaten sich gegen die Tyrannei des Mutterlandes, insbesondere gegen die Georgs III. von England erhoben. Längst hatte Franklin dies Ereignis vorausgesehen und zum Teil sogar vorbereitet. So hatte er z. B. in Phialdslphia gegen den Widerstand der Quäker (eine religiöse Sekte, welche dort vorherrschte und das Kriegshandwerk als Sünde betrachtete) die Landesverteidigung organisiert, Befestigungen und eine Miliz geschaffen. Wie dann in dem großen Unabhängigkeitskampfe Washington die kriegerischen Operationen leitete, so Franklin die politischen. Es war von ausschlaggebender Bedeutung, daß er vor allem Frankreich, wohin er persönlich reiste, zur Unterstützung Amerikas gewann, denn erst die Truppen und das Geld der Franzosen ermöglichten die Abwehr der Engländer. Bei der Begründung der neuen amerikanischen Macht, die sich nun als „Vereinigte Staaten" selbständig, hinstellte, war auch Franklins Geist in erster Linie mitbeteiligt. Manche der hier verwirklichten Grundsätze trugen dann ihrerseits viel zur Förderung der französischen Revolution bei, und so stellt der in Paris weilende Franklin gewissermaßen die Vermittlung zwischen den beiden großen Volksbewegungen westlich und östlich des Atlantischen Ozeans dar. Kein Wunder daher, daß er trotz all seiner Bedeutung auch seine strengen Verurteiler fand, während ihn dis für den Freiheitsgedanken empfängliche Menschheit mit dem Verse feierte: „Er entriß dem Himmel den Blitz, dem- Thrannen sein Szepter."
Kurz und treffend ist in diesen Worten seine gemeinnützige wissenschaftliche und politische Bedeutung gekennzeichnet. Nicht lange, nachdem die Verfassung der Verein. Staaten begründet war, ist Franklin am 17. April 1790 gestorben, bis zuletzt im Sinne edelster Menschlichkeit wirkend, und daher mit Recht von Herder als Hauptyex-


