daß Sie mich besuchen wollen! Warten Sie einen Augenblick — ich klett're schon herunter. Fritz, helfen Sie mn ein bißchen!"
Ter Stallknecht sprang herbei und hielt den Bügel fest. Tann ging cs wieder in die Wohnung zurück. Tie Herren traten in Priestaps Arbeitszimmer, in dein noch me gearbeitet worden war. Toch sah der Rauin mit seinen schönen Boiserien, den dunllen Ledertapeten darüber und dem schweren Mobiliar würdig und gediegen aus.
Priestap ließ Zigarren und Liköre bringen. Er war nicht mehr so blaß und schien auch heiterer zu sein als neulich.
„Also wann sangen wir an, Herr Baumeister?" fragte er, sich in einem Sessel streckend.
„Können Sie es so gar nicht erwarten?" fragte Hammer lächelnd zurück.
„Kaum, lieber Freund. Es ist ein Vermächtnis, das ich ausführen will. Tas drängt mich. Sind die Vorbereitungen denn noch nicht erledigt?"
„Doch, Herr von Priestap. Bis auf eine Kleinigkeit. Tie Darmstädter Bank will sich mit anderthalb Millionen beteiligen. Doch nur an erster Stelle. An ziveiter steht Berndäl. Wollen Sie mit Ihrer Million hinter ihn treten? Es ist viel verlangt und doch auch wieder nicht. An einen Ausfall ist, selbst ivenn das schlimmste eintreten sollte, nicht zu denken. Tas nackte Grundstück ist zwei iinb eine halbe Million wert."
„Darnach frage ich gar nicht", antwortete Priestap. „Tie Million, die ich zeichne, betrachte ich nicht als mein Geld. Lassen Sie sie eintragen, wo sie wollen . . ." Ein leichtes Lächeln glitt über seine hübschen Züge. „Ach, Liebster, dieses ekelhafte Geld! Mein Bankier laßt mir keine Ruhe mehr mit seinen Anfragen. Wie das angelegt werden solle und tote das; 'mal warnt er, und 'mal rät er. Ich weiß doch erst recht nicht Bescheid! Lieber Ban- meister, es ist ein elendes Leben."
„Aber immerhin erträglich",sagte Hammer und musterte prüfend den eleganten Raum.
„Nein!" rief Priestap, „durchaus nicht! . . . Wer so reich ist wie ich, darf nicht das Unglück haben, bedürfnislos zu sein. Ter muß zu leben verstehen. Tas verstehe ich nicht. Ich esse, es ist schrecklich, ein Beefsteak mit Bratkartoffeln lieber als alle Delitatessen der Saison. Und ein Schluck Porter oder Kulmbacher schmeckt mir besser als Pommery Greno. Wenn ich mit meinen vornehmen Freunden vom Rennplatz zusammen bin, ist das für mich eine förmliche Quälerei. Bei jedem Tiner verderbe ich mir den Magen. Manchmal schleiche ich mich ganz heimlich, damit es meine Diener nicht sehen, nebenan in ein kleines Restaurant und delektiere mich aus meine Weise. Ich bin kein Genußkünstler, Baumeister — gar nicht."
„Vielleicht würden Sie es werden, wenn Sie als Gegengewicht die Arbeit hätten, Herr von Priestap."
Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf.
„I Gott bewahre! Es ist noch ein Glück, daß ich faul bin. Wollte ich Arbeiten, dann würde sich mein Geld ja noch vermehren. Außerdem kann ich nicht arbeiten. Ich habe es nicht gelernt; ich glaube, ich vertrage es gar nicht. . ." Er klirrte mit seinen Sporen. . . „Es ist ein heilloser Zustand. Da hab' ich mich nun dem Sport in die Arme geworfen, um wenigstens etwas zu tun. Aber es langweilt mich auch. Ich bin zu gar nichts nütze."
„Heiraten Sie", sagte Hammer.
„Baumeister, ich würde eine Frau nur unglücklich, machen. Ich würde ein jammervoller Ehemann Jetti. Ich kann mich nicht einmal kräftig verlieben. Ich habe nur ein einziges Mal —"
Er brach ab und sprang auf. Jetzt stand wieder der Zug schwarzer Melancholie auf seinem Gesicht. Er trat an das Fenster, schaute hinaus und sagte mit müder Stimme:
„Zur Sache, Baumeister. Das ist wenigstens etwas, das mich interessiert. Sie wollten noch einiges an den Plänen ändern. Sind Sie nun fertig?"
„Ja, Herr von Priestap, und ich möchte Sie bitten, sich morgen in mein Bureau zu bemühen und sie sich anzusehen. Ich behalte mir nur noch in den Reliefs kleine Menderungen vor. Tie Bauerlaubnis soll nach Möglichkeit beschleunigt werden; ich war gestern selbst auf dem Polizeipräsidium und habe mit dem Dezernenten gesprochen. . ."
In der Entree ertönte die Klingel. Ter Diener brachte zwei Karten.
„In den Salon", befahl Priestap und warf Hammer einen befremdeten Blick zu. „Hoher Besuch, Herr Baumeister. Aber ich taxiere, es gilt weniger mir als unserem! Theater. Prinz Arenstein und der Hofmarschall Graf Freh- linghaus. . ."
Ter Diener hatte auch die Tür zwischen Herrenzimmer und Salon geöffnet, und sofort wurde die krähende Stimme des Hofmarschalls hörbar:
„Was seh' ich!? Ist das nicht unser Baumeister?! Prinz, unser Baumeister ist auch zur Hand. Da können wir also doppelt Aufklärung. erhalten . . ."
Ter Prinz war mit Priestap von der Rennbahn und dem Klub her bekannt. Er war ein hübscher und stattlicher Herr gegen Treißig mit feinem und klugem, ein wenig abgespanntem brünettem Gesicht. Prinz Heros Arenstein trug Zivil; er hatte im vergangenen Jahr seinen Abschied genommen, weil er sich persönlich mehr um seine Güter zu bekümmern gedachte, als ihm dtes bisher möglich gewesen ioar. Nun ivar er auch für das Herrenhaus präsentiert worden und hatte seine erste Session mit einer glänzenden Jungfernrede beendet. Aber er blieb noch ein paar Wochen in Berlin.
Tie allgemeine Begrüßung ivar verbindlich reserviert.
„Mein lieber Herr Baron Priestap", sagte per Prinz, „wir müssen um Entschuldigung bitten, daß wir so saus fayon Ihre Wohnung stürmen — aber es handelt sich um das neue Theater, dem ich ja auch ein wenig meine Patenschaft geben will. Und da ist es in der Tat gut, daß wir zugleich den Bauherrn bei uns haben. Ich hätte mich auch an Sie wenden können, verehrter Herr Baumeister; aber Baron Priestap ist mir zufällig persönlich bekannt und —"
Nun deutete Priestap auf die mit altem Gobelinstoff überzogenen Sessel, und die Herren nahmen Platz.
Graf Frehlinghaus hatte mit leichter Handbewegung seinen Begleiter unterbrochen. „Pardon, lieber Arenstein", begann er, „Tu greifst, meine ich, unnötig iveit aus. Meine Herren, ich habe auf Anregung des Prinzen zugesagt, in den Aufsichtsrat der neuen Theatergesellschast zu treten. Ja, ich habe zugesagt, weil neben Genealogie, Heraldik und Adelsgeschichte merkwürdigerweise — ich sage merkwürdigerweise, wegen der Verschiedenheit der Interessen, — weil neben Genealogie, Heraldik und Adelsgeschichte —"
„Ter Satz wird zu lang, Frehlinghaus", warf der Prinz trocken ein.
Ein Lächeln zuckte um den Mund des Baumeisters, während Priestap mit großer Ehrfurcht zuhörte und der Graf, ohne sich stören zu lassen, sortfuhr:
eben auch das Theater von jeher einen großen Reiz auf mich ausgeübt hat. Meine Herren, ich bin ein Theaterfreund; ja, das bin ich. Aber ich bin ein Feind jener entsittlichenden, den guten Geschmack verderbenden Literatur, die sich gegenwärtig auf unseren Bühueu breit macht. Ich bin ein Feind der dramatisierten Zote, wie sie uns aus Paris überkommen ist, und sehe das Heil unserer deutschen Bühnen nur in einer Rückkehr zur Sittlichkeit —"
„Amen", sagte der Prinz. Dann lachte er uitb fügte hinzu: „Entschuldige, Frehlinghaus, das sollte feine Blasphemie sein. Es kam mir unwillkürlich heraus. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung."
Ter Graf machte eine unmutige Kopfbewegung und erhob dann, gleichwie beschwörend, den Zeigefinger seiner rechten. Hand, an dem ein ar ßerordentlich langer, rosa polierter Nagel schimmerte.
„Meine Herren, ich sage es nitumwunden", sprach er weiter, „daß es mir eine besondere Freude sein würde, als Mitglied des ANfsichtsrats auch einen gewissen Einfluß auf das Repertoir ausüben zu dürfen. Ich lasse die Oper außerm Spiel; mit Offenbach!«den wird man dem Pu-, blikum ja wohl nicht kommen. Ich spreche vom Schauspiel, Es ist selbstverständlich, daß man die moderne Produktion nicht ohne weiteres beiseite schieben kann. Aber befreien Sie sich doch von den Schmutzwühlern, von jenen Talenten — meinetwegen Talenten ■— die ihre Stoffe mit Vorliebe in den Armenhäusern, in den Höhlen des Elends suchen, oder die, wenn fie. wirklich einmal höher stehende Kreise schildern, solche mit geflissentlicher Absicht als innerlich faul, ja zuweilen als völlig demoralisiert darstellen. Das Theater soll ein Tempel der Erziehung sein. Erzieherisch! wirken aber kann die Bühne nur, wenn uns von dort die schöne Weihe einer geläuterten Lebensauffassung ent-, neaenjvefit: wenn, ich möchte sagen der Hauch reiner Ghtt-


