1906
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Jem Wahren- Gdten, Schönen.
Ein Großstabtroman von Fedor v. Zobeltip.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
5.
Der Baunicister hatte auf - der Straße seinen Wagen stehen. Seit die Angelegenheit des Thcaterbaucs in Ftüß gekommen war, hielt er sich eine Equipage, oder vielmehr, er hatte sich aus dem Tattersall eine solche gemietet, die ihm nunmehr täglich zur Verfügung stand. Bei der Eigenart seiner Rechenkunst hielt er das für eine große Ersparnis.
Urban Hammer mar der Sohn eines Offiziers, der 1870 gefallen mar. Während sein älterer Bruder die KarriLre seines Vaters einschlug und gegenwärtig Oberst im Generalstabe mar, mollte Urban Maler merden, sattelte aber noch rechtzeitig um und mar heute der am meisten genannte und überall bekannte Architekt Berlins. Er mar sozusagen berühmt. Was ihn berühmt gemacht hatte, mar sein un- rrschrockener Bruch mit der Ueberlieferung: seine Stillosigkeit. Er halte bem dicken Fridolin — das mar der Geheimrat Meyer, der Chef der großen Speditionsfirma Vahlen Söhne — eine Villa gebaut, über die man sieh zuerst vor Lachen ausschütten mollte; dann murde man aufinerlsamer, dann fand man sie höchst originell, dann entdeckte man große künstlerische Einzelheiten, und schließlich murde sie ein Triumph der modernen Architektur. Es mar die „Villa der Zukunft", ein boshafter Mensch nannte sic die „Uebervilla". Es war ein sonderbarer Bau, der ganz gewiß kein Vorbild besaß. Man konnte ebensogut an ein schottisches Kastell denken wie cm eine italienische Fcudalburg, an ein Alt-Danziger Patrizier- Haus, wie auch an ein Lustschlößchen au§ dem Barock; c§ kam nur darauf an, von welcher Seite man die Villa betrachtete und wie man sie auf sich wirken ließ. Eins stand fest: sie war praktisch gebaut und präsentierte sich ungemein malerisch. DaS Malerische in der Architektur war die Force Hammers.
Er wurde im Umsehen berühmt. Er wurde Mode. Und er besaß in der Tat eine geniale Hand. Bei dem SB er s'(- schen Warenhause verstand er cs mit großem Geschmack und feinem Kunstgefühl, Eisen- und Stcinbau zu einem wirksamen harmonischen Ganzen zu verbinden. Einer Brücke im Zentrum von Alt-Berlin gab er durch Anbau eines Wächterhäuschens und ihren absichtlichen Mangel an Monumentalität ein gewissermaßen volkstümliches Gepräge, das hierher, in das Herz von Kölln an der Spree, zu gehören schien. Selbst bei seinen Mietshäusern verleugnete er das Prinzip der Individualität nicht. Die Fassaden wirkten immer durch ihre
lebhafte Farbengebung nnb das Malerische der Anlage. Und auch da, wo Hammer gelegentlich auf überlieferte Formen zurückgriff, tränkte er sic mit neuem Geiste und umkleidete sie mit Eigenem.
Aber innerlich kam er nicht vonvärts. So behauptete er. Wie die meisten bedeutenden Künstlernaturen war er nie zufrieden mit dem Geschaffenen. Er entwarf Riesenbauten auf dem Papier: Kirchen, Geschäftshäuser, Theater und Schlösser; er baute im Geiste mit ungezählten Millionen. Er baute nie unpraktisch, aber immer luxuriös, wenn man ihm nicht von vornherein Hemmschuhe anlegte. Er war eine ausgesprochene Mäcenatcnnatur nnd als solche auch ein Verschwender. Er verdiente viel nnb kam eigentlich selten aus seinen finanziellen Bedrängnissen heraus. Mit den letzten paar hundert Mark in seinem Portefeuille konnte er eine kostbare Truhe kaufen, die ihm gerade gefiel. Es ging ein dualistischer Zug durch sein Wesen. Sein frisches, freies Künstlcrherz schäumte oft über; aber er sah ängstlich auf Formen imb Etikette und würde nie eine genähte Krawatte oder lockere Manschetten getragen haben. Er war liberal in seiner Weltanschauung und fuhr ungern auf der Pferdebahn, weil ihm diese „demokratischen Vehikel" unangenehm waren. Bei alledem war er außerordentlich gutmütig, gastfreundlich und liebenswürdig, besaß einen sehr großen Bekanntenkreis und nicht viele Freunde. Aber alle Welt sagte gleichmäßig, er sei ein „netter Mensch" ..."
Nun fuhr er zu Priestap. Er steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch bitrdi die Nase. Er war recht zufrieden. Alles wickelte sich erstaunlich glatt ab. Das rote Gold floß ihm plötzlich in Strömen zu. Priestaps mußte unermeßlich reich sein; er hatte nnr das eine Wort: „Bauen Sie nach Ihrem Geschmack; die Kosten sind Nebeu-- sache." Daß sie nicht Nebensache, fühlte Hcmrmer wohl. Aber daß sie nicht schwerwiegend in das Gewicht fielen, freute ihn üon Herzen. Endlich einmal ein Bau, bei dem nicht geknausert zu werden brauchte! —
Er warf seinen Zigarettenrest mrs bem Fenster. Ter Wagen hielt, nnd Hammer stieg aus.
Ein Diener in Grün und Gold öffnete ihm bei Priestap die Tür; ein zweiter Diener in Frack und Escürpins hielt sich im Hintergründe der Entree.
Ter Herr Baron seien im Stall, sagte der Grüngoldene, und der in Esearpins führte Hammer dorthin, die Treppe hinab unb quer über den Hof. Es war nicht der Renustalll Priestaps, sondern der „Privatstall", mit drei Boxen für die Wagenpferde nnb ein Reitpferd. Auf dem Reitpferde, das mit dem Kopfe nach bem Stallgange angeriemt war, saß Priestap in vollem Dreß nnb lockerte dem Gaul durch, Anziehen und Nachlassen der Zügel die Gamaschen.
„Guten Morgen, lieber Baumeister", rief er von hohen«! Roß herab; „Donnerwetter, das hätte ich beinahe vergessen.


